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Ein Klassiker für kreative Köpfe

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So geht’s nicht: Henry Higgins (Markus Maria Düllmann) und Eliza Doolittle (Julia Steingaß). © pv

Bad Vilbel (hms). Wenn der erste Ton zum Musical »My Fair Lady« erklingt, ahnt das Publikum nicht, dass monatelange Entwicklungsarbeit dahintersteckt. Die Geschichte von Mr. Higgins und dem Blumenmädchen Eliza Doolittle aus den 1920er Jahren ist bekannt und damit klischeebehaftet. Das ist eine Herausforderung für das Kreativteam.

In der Reithalle in Dortelweil, dem Probenraum der Burgfestspiele, sitzen Regisseur Christian H. Voss, Musikalischer Leiter Philipp Polzin und Bühnenbildner Oliver Kostecka über dem Laptop mit dem Bühnenbild für »My Fair Lady«. Sie sind mit Kostümbildnerin Monika Seidl und Choreografin Kerstin Ried das Kreativteam. Fünf Berufe, fünf unterschiedliche Aufgaben, Sicht- und Herangehensweisen. Einer aber muss anfangen, sie zusammenzuführen. Das ist der Regisseur.

Voss versteht sich beim Musical als »Projektleiter«. Wenn er die anderen einschaltet, weiß er bereits, wie er bei diesem alten und bekannten Stoff vorgehen will. Alte Sehgewohnheiten bedienen, Neues einbringen? »Ich kann ›My Fair Lady‹ nur als Mensch von 1980 machen. Wichtig ist, die Geschichte auf der Bühne natürlich zu erzählen«, sagt der 43-jährige.

Da ist es mit der Musik einfach, sollte man meinen. Doch Philipp Polzin muss die Originalpartitur für zehn Musiker neu arrangieren. Er streicht die Harfe und setzt Akustikgitarre und Keyboard ein. Vielleicht braucht er eine Umbaumusik, muss kürzen oder die Tempi anpassen. Polzin: »Früher standen Operetten- oder Schlagersänger auf der Bühne, weil es noch keine Musicaldarsteller gab. Da hat man heute viel mehr Möglichkeiten.«

Als einer der ersten geht Bühnenbildner Oliver Kos- tecka in die Entwurfsplanung. Voss hatte sich eine große Treppe vorgestellt. Doch dann kamen aus dem kreativen Team neue Vorschläge. »Jetzt gibt es eine drehbare Schräge im Vordergrund und eine erhöhte Galerie dahinter«, erklärt Kostecka. »Damit kann ich die Upper Class oben und die Kneipe für das einfache Volk unten darstellen.« Er will größtmögliche Flexibilität und Platz für die Tänzer erreichen.

Je nach Inszenierung werden die Burgmauern ins Bühnenbild einbezogen oder ergänzt mit Licht. »Licht empfindet das Publikum eher unterschwellig, ist aber sehr wichtig«, sagt Voss. In My Fair Lady wird es eine Shownummer geben, in der das Licht sekundengenau mit der Musik gesteuert wird. Das kann man aber erst auf der Hauptbühne etwa eine Woche vor der Premiere proben. Da sind Nachtschichten gefragt, vom Ende der Abendprobe bis zum Sonnenaufgang.

Frisch und lebendig soll die Kulisse werden, nicht im 1920er Stil. Kostecka wählte ein alle Bauelemente überziehendes Rosenmuster in harmonisierenden Rot- und Blautönen. Die Farbgebung wiederum ist wichtig für Kostümbildnerin Monika Seidl, die danach die passenden Stoffe aussucht. Sie achtet auch darauf, dass die Kostüme genügend Bewegungsfreiheit für die Choreografie von Kerstin Ried bieten. Diese wiederum ist sowohl im Austausch mit dem Bühnenbildner als auch mit dem Musikalischen Leiter. Schnelle Schritte übertragen sich beim Gesang auf das Mikrofon, da müssen eventuell Schrittfolgen geändert werden. Da sich Dirigent und Darsteller nur über einen Bildschirm sehen, haben auch Einsätze und Fermaten ihre Tücken.

»Und das bei zehn live spielenden Musikern und 28 Leuten auf der Bühne«, betont Polzin. Denn im Musical gibt es noch einen Laienchor. Nach dessen erster Probenphase übernimmt Polzin und geht in die Interpretation: »Dann arbeite ich an dem Musikstil und der entsprechenden Gesangstechnik. Es sind ja keine Chorsänger, sondern singende Darsteller.« Voss ergänzt: »Mit Laien muss man den Realismus im Spiel üben. Also, wenn man in einer fünfminütigen Partyszene immer wieder am Sekt nippt und nicht nachfüllt, ist das unrealistisch.«

Und schließlich hält der Regisseur auch gerne interpretatorische Überraschungen bereit. Wie zeigt er die Rolle der Frau, die damals eine andere war als heute? Und wie versteht er den Ausgang des Stücks? Die Antworten darauf erfahren alle Interessierten ab Mittwoch, 9. August, um 20.15 Uhr bei der nächsten Vorstellung von »My Fair Lady« in der Bad Vilbeler Wasserburg.

Weitere Termine sind online zu finden unter www.kultur-bad-vilbel.de/ burgfestspiele.

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Das Bühnenbild für »Pünktchen und Anton« steht bereits auf der Probenbühne. Über den Entwurf für »My Fair Lady« diskutieren gerade (von links) Bühnenbildner Oliver Kostecka, Regisseur Christian H. Voss und der Musikalische Leiter Philipp Polzin. © HANNA VON PROSCHS

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