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Hoffnung trotz einiger leerstehender Läden

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Von: Patrick Eickhoff

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In der Frankfurter Straße in Bad Vilbel verlassen gleich zwei große Läden ihre Räume. © Patrick Eickhoff

Die Frankfurter Straße ist Bad Vilbels Herzstück. Geschäfte und Gastronomie locken. Doch mit Görtz und Depot verlassen gleich zwei große Läden den Niddaplatz. Auch einige andere Geschäfte stehen leer.

In der Innenstadt schlägt das Herz einer Stadt. In Bad Vilbel lässt sich das gewiss über die Frankfurter Straße sagen. Gastronomen an nahezu jeder Ecke, große Modegeschäfte, kleine Läden. Auf der langen Straße gibt es alles, was das Herz begehrt. Doch in den vergangenen Monaten sprießen nicht nur die Friseurgeschäfte - mittlerweile sind es mehr als zehn - aus dem Boden. Es stehen auch einige Läden leer. Noch dazu verlassen mit Depot und Görtz zwei echte Riesen den Niddaplatz. So mancher Vilbeler ist in Sorge. Verliert Bad Vilbel an Attraktivität?

Monika Delazer hat Ende September ihr Geschäft »Delazer World of Sports« geschlossen. Der Familienbetrieb, den sie 1993 übernahm, war seit mehr als 50 Jahren in Bad Vilbel. Sie sagt: »Die Schließung hat private Gründe. Wirtschaftlich waren wir sehr zufrieden. Bad Vilbel ist ein guter Standort.« Hinzu seien die immer steigenden Anforderungen der Sportindustrie gekommen. »Aus Steinen wurden Hügel und mittlerweile sind es Berge. Die Industrie kooperiert nicht mehr mit den Kleinen. Ich befürchte, es wäre auch so im kommenden Winter Schluss gewesen.« Delazer betont, sie hätte nur noch einkaufen müssen, was die Industrie vorgibt. »Ich hätte nicht mehr dahintergestanden oder die großen Marken wären nicht mehr dabei gewesen. Beides wollte ich nicht.« Aber an Attraktivität habe Bad Vilbel nicht verloren. »Die Kunden sind nach wie vor gekommen.«

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Monika Delazer Ehemals »Delazer Sport« © Red

Das betont auch Carsten Witteck, der am Anfang der Frankfurter Straße das Café »Baristro« aufgemacht, mittlerweile aber wieder geschlossen hat. »An Corona oder zu wenig Kunden lag das allerdings nicht«, sagt er. »Die Stadt macht zu wenig, um Einzelhandel und Gastronomie zu unterstützen.« Er habe damals bewusst an die Frankfurter Straße gewollt, jetzt werde sie immer unattraktiver. »Mit der Attraktivierung der Frankfurter Straße hatten viele monatelang eine Baustelle vor der Tür. Das Sommergeschäft war tot. Jetzt soll im kommenden Jahr wieder eine kommen. Es müsste da viel mehr Unterstützung geben.« In anderen Städten werde mehr Hand in Hand gearbeitet. »Bad Vilbel ist ab 22 Uhr leer. Da geht nichts mehr.« Witteck will deshalb in Frankfurt ein neues Café aufmachen.

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Carsten Witteck. © Red

Wo die Altstadt zur Marke wird

Das »Abendprogramm« an der Frankfurter Straße zentriert sich auf dem hinteren Teil. Dort haben sich Jochen Lukarsch, Gian Pöschko, Alfred Di Rienzo, Frank Hussendörfer, Daniel Hertzog und Tim Wegge zusammengeschlossen und aus der Altstadt eine Marke gemacht - inklusive regelmäßiger Veranstaltungen. »Genusserie«-Inhaber Tim Wegge sagt: »Es stimmt, dass hier mehr los ist als am anderen Ende. Wir versuchen viel gemeinsam auf die Beine zu stellen.«

Wegge ist ein echter Vilbeler. »Ich bin Fan der Stadt, ich liebe es hier.« Das Gleiche gelte für seine Kollegen. »Aber Corona und die Baustelle haben uns alle sehr getroffen.« Er wünscht sich mehr Zusammenhalt und vor allem »mehr Marketing«. »Ich habe hier letztens Werbung für den Kultursommer in Gießen gesehen. Wenn ich mal weiter weg bin, habe ich noch keine für Bad Vilbel gesehen. Das brauchen wir, denn wenn die Baustelle weitergeht, kommt wieder einiges auf uns zu.« Wegge blickt positiv in die Zukunft. »Der Hessentag 2025 ist eine große Chance. Wir haben alle richtig Bock darauf. Wenn wir gemeinsam arbeiten, kann das alle voranbringen.«

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Tim Wegge. © Red

Das würde sich Natascha Schmidt, Inhaberin des Benetton-Geschäfts, auch wünschen. Der Laden schließt demnächst, derzeit findet ein Räumungsverkauf statt. »Danach soll ein anderer Laden mit neuem Konzept eröffnet werden«, sagt Schmidt. Die Gründe dafür seien vielfältig. »Corona, Krieg, Inflation - aber natürlich auch die Dauerbaustelle.« Das betreffe sowohl die S6 als auch die Frankfurter Straße. »Für die Kunden ist es zu unbequem nach Bad Vilbel zu kommen. Sie müssten zu viel in Kauf nehmen.« Schmidt, weiß wovon sie spricht, hat auch Läden in Bad Nauheim und Friedberg. In Nauheim ist sie Vorsitzende des Gewerbevereins. »Bad Vilbel bietet mit am meisten Potenzial. Das wird allerdings nicht genutzt. Jetzt werden noch die Bürgersteige gemacht«, bedauert sie. Es sei logisch, dass es zu einem Frequenzrückgang komme. Sie hätte sich mehr Unterstützung gerade in der Corona-Zeit gewünscht. »In Bad Nauheim war die Zusammenarbeit aller groß. In Bad Vilbel ist der letzte verkaufsoffene Sonntag beispielsweise ewig her.«

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Natascha Schmidt Benetton © Red

Metztgerei-Inhaber Jochen Lukarsch versteht diese Argumentation. Er ist Vorsitzender des Vilbeler Gewerberings. Der wurde 1975 gegründet und zählt über 100 Mitglieder. Ziel ist es, die Attraktivität des Gewerbestandortes Bad Vilbel zu erhalten und zu fördern. Lukarsch sagt: »Wichtig ist erst mal, dass niemand Bad Vilbel verlässt, weil die Zahlen nicht stimmen.« Dennoch nehme er die Entwicklung an der Frankfurter Straße wahr. »Es gibt derzeit einen Wegfall von inhabergeführten Geschäften.« Während Görtz insolvent ist, wollte man bei Depot keine Presseanfrage zum Weggang aus Bad Vilbel beantworten.

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Depot schließt seine Filiale in Bad Vilbel. © Patrick Eickhoff

Lukarsch ist froh, dass man für das große Geschäft am Niddaplatz eine gute Nachfolgerlösung gefunden habe. Welche, das wolle er nicht mitteilen. Er kann verstehen, wenn Läden nicht direkt vermietet würden. »Wir haben eine Energiekrise. Es ist nicht die Zeit, in der Leute Cafés aufmachen«, sagt er. Es sei viel Positives passiert. »Das braucht alles Zeit.« Lukarsch sagt, dass es unbedingt einen Citymanager brauche. »Die neue Mitte, aber auch der Bereich in Richtung Südbahnhof muss belebt werden.«

Es gründe sich derzeit eine Gruppe aus Gewerbering, Stadt und Stadtmarketing. »Ich hoffe, es geht voran.« Lukarsch hat aber noch einen Wunsch. »Es wäre schön, wenn auch die Vermieter mitdenken und vielleicht mit den Gewerbetreibenden gemeinsam Lösungen entwickeln, bevor sie einfach den nächsten Friseur reinlassen.«

Die Stadt beobachtet die Entwicklung ganz genau. »Leider können wir hier jedoch nicht direkt eingreifen, da die Unternehmen nicht in städtischen Liegenschaften untergebracht sind«, teilt Stadtpressesprecher Yannick Schwander mit. Die Stadt möchte mit Gewerbering und Stadtmarketing gemeinsame Schritte besprechen, damit die Bad Vilbeler Innenstadt attraktiv bleibt. »Als Stadt haben wir mit vielen und hohen Investitionen hier einen Anteil geleistet. Ich nenne nur die noch weiterhin andauernde ›Attraktivierung der Frankfurter Straße‹ sowie der Nebenstraßen und Plätze.« Auch ein Citymanager solle kommen. Einen genauen Zeitplan gebe es allerdings nicht. »Aber diese Stelle wird kommen und das möglichst zeitnah im kommenden Jahr.«

Kommentar von Patrick Eickhoff

Neue Wege gehen – Pop-up-Stores als Lösung

Innenstädte müssen sich verändern. Das ist völlig normal. In keiner Stadt sieht die beliebte Einkaufsstraße noch genauso aus wie vor 30 Jahren. In Bad Vilbel ist dieser Wandel besonders erkennbar. Büchereibrücke, Niddaplatz, neue (hoffentlich bald fertige) Stadthalle. Das Projekt »Attraktivierung der Frankfurter Straße« läuft – und ist Fluch und Segen zugleich.

Natürlich sieht der Platz rund um das alte Rathaus schön aus. Wer aber die Gastronomen fragt, wie es mit der Kundschaft in den Monaten der Bauphase aussah, der kann sich die Antwort denken: Nicht gut. Im kommenden Jahr sind die Bürgersteige dran. Viele Ladenbetreiber haben Angst, dass die Kundschaft ausbleibt. Jetzt ist die Stadt gefragt, Angebote zu schaffen und die Betriebe zu unterstützen. Klar ist: Noch mehr wegfallende Geschäfte können nicht im Sinne der Verantwortlichen sein. Eine Einkaufsstraße mit noch einem Friseur mehr wird nicht attraktiver. Die Vermieter spielen da ebenfalls eine Rolle.

Eine Lösung könnten Pop-up-Stores sein. Kurzfristige und provisorische Einzelhandelgeschäfte, die nicht nur dafür sorgen, dass es weniger sichtbaren Leerstand gibt, sondern auch Kreativschaffenden die Möglichkeit bietet, ihre Produkte und Ideen zu präsentieren. Gerade in Zeiten der steigenden Kosten wäre das eine geeignete Alternative.

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Patrick Eickhoff © Patrick Eickhoff

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