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Ab September beginnt für Pfarrer Herbert Jung ein neuer Lebensabschnittt und auf die Gemeinde kommen große Veränderungen zu. FOTO: FAUERBACH © Red

Pfarrer Herbert Jung geht nach 48 Jahren als Priester und 42 Jahren als Pfarrer in den Ruhestand. Der katholische Theologe war 25 Jahre lang Gemeindepfarrer in St. Nikolaus.

Der letzte Arbeitstag für Pfarrer Herbert Jung ist am 31. August. Einen Tag später beginnt für den katholischen Theologen, Erfolgsautor, Priester und engagierten Gemeindepfarrer mit Eintritt in den Ruhestand ein neuer Lebensabschnitt. Im August wird er noch einen Monat lang zusätzlich zu St. Nikolaus, zu der die Filialen St. Marien in Dortelweil und Herz-Jesu in Massenheim gehören, mit Verklärung Christi auf dem Heilsberg eine zweite Pfarrstelle betreuen. Sein Kollege, Professor Dr. Cheriyan Menacherry, geht zuvor in Rente.

Pfarrer Jung freut sich vor allem deshalb auf seine Zeit als Rentner, weil er dann »keine Verwaltungsarbeit« mehr hat. »Das ist der größte Gewinn. Die staatliche und kirchliche Verwaltung wird immer schrecklicher«, sagt Jung, der als ein Mann klarer Worte bekannt ist. Dagegen macht dem fast 75-Jährigen »die Arbeit mit Menschen und der Gemeinde nach wie vor großen Spaß«. Mit Blick auf die Verwaltung bedauert er, dass die Ansprüche mancher Leute, die der Gemeindemitglieder und seiner Mitmenschen generell, immer anspruchsvoller werde. »Die Differenziertheit, die viele Menschen verlangen, kann niemand und keine Gesellschaft leisten. Diese Haltung verdirbt uns allen die Freude am Leben.«

Geboren und aufgewachsen ist der Geistliche in Fischbach bei Saarbrücken. Nach dem Abitur studierte er in Trier und München katholische Theologie, schrieb seine Diplomarbeit zum Thema »Bilder in der Kirche und ihre Wirkung auf Menschen«.

Zum Priester geweiht wurde er 1974 in Trier. Seine ersten Pfarrstelle waren Urexweiler und Niederlinxweiler im nördlichen Saarland. Danach war er in den Gemeinden Koblenz, Püttlingen (Saarland), Mayen in der Eifel, auf Diözesanebene in der Jugendarbeit und zuletzt 25 Jahre lang als Gemeindepfarrer in Bad Vilbel tätig. Im Herbst zieht er nach Mainz. »Das war mein Wunsch.« Seine Pläne für den neuen Lebensabschnitt lauten: »Den Herbert wieder entdecken und ausloten, wie ein Tages- oder Monatsablauf aussehen kann, wenn niemand etwas von einem will.« Sollte er es ohne Aufgaben nicht aushalten, dann könne er sich vielfältig engagieren, indem er Gottesdienste halte, seinem Nebenjob Supervision nachgehe oder ein neues Buch, sein neuntes, über das Leben eines Pfarrers schreiben. Vor allem möchte er wieder mehr reisen. »Wieder einmal in den Süden Frankreichs. Und in die nordischen Länder, die ich nicht kenne.«

Kirche muss Fragen aushalten

Existenziell zu verstehen ist sein Blick zurück als Pfarrer: »Ich glaube, dass man das Leben Jesu als Pfarrer tatsächlich erlebt.« Er zitiert aus dem 2. Brief an die Korinther, 11. Kapitel, ab Vers 23 und sagt: »Das stimmt. Pfarrer zu sein, ist kein Honig schlecken.« Dennoch würde er sich grundsätzlich wieder für das Priesteramt entscheiden. »Vor einigen Jahren gab es eine Phase, da hätte ich nein gesagt.« Auf die Frage, welche Probleme die Kirche lösen müsse, sagt Pfarrer Jung: »Die Kirchenleitung muss nicht so viele Probleme lösen, sondern die Kirche vor Ort. Die Kirchengemeinden haben viele Probleme, die Pfarrer sind nur ein Teil davon. Es gibt keine blühenden, anziehenden Gemeinden. Sie sind nicht interessiert an anderen, wissen nicht, was und wohin sie wollen. Sie haben kein interessantes Programm. Sie sind, um es mit der Bergpredigt zu sagen, weder Salz für die Welt, noch Licht auf dem Berge.«

Man müsse die Frage stellen, wie die Kirchengemeinde mit unehelichen Müttern und ihren Kindern umgehe. Wie mit Schwulen und Lesben? Fördert die Gemeinde die Freude am Leben? Wo ist sie? »Kirche darf keine Moralinstitution im Sinne einer Gesetzesmoral sein. Kirche und Gemeinde haben immer Wert darauf gelegt, die Gesetze zu befolgen. Die Moral Jesu ist aber eine Liebesmoral. Die Liebe ist nicht definiert. Jesus vertritt eine situative Moral. Liebe kann man nicht mit einem Gesetz regeln.« Er verweist auf die Tragödie »Antigone«, die Themen behandele wie die Wechselbeziehung von Gesetz und Glaube. Und sie gibt eine Antwort auf die Frage nach dem Preis des Widerstandes.

Wichtig sei es für die Kirche und die Gemeinde, Fragen innerhalb und außerhalb der Kirche zu stellen, Fragen auszuhalten und nach Antworten zu suchen. »Das ist das Wichtigste. Kirche muss eine Einrichtung für das Leben sein. Bei meiner Einführung im Bad Vilbel habe ich den Wunsch geäußert: Die Kirche muss ein Biotop, ein Ort, wo das Leben blühen kann, werden.«

Nach dem Auszug von Pfarrer Jung wird ein Priester ins Vilbeler Pfarrhaus einziehen, der den Pfarrer der neuen Großgemeinde Wetterau-Süd, unterstützt.

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