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Streitthema Straßenbahn

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Von: Patrick Eickhoff

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Rollt die Straßenbahnlinie 18 bald durch Bad Vilbel? Wenn es nach der schwarz-roten Koalition geht nicht. Sie lehnt eine Machbarkeitsstudie ab. © Holger Pegelow

Die Koalition aus CDU und SPD in Bad Vilbel hat dem Projekt Straßenbahn eine Absage erteilt. Eine Machbarkeitsstudie zur Tram soll es nicht geben. Doch damit sind nicht alle einverstanden.

D as Projekt Straßenbahn steht in Bad Vilbel vor dem Aus - noch bevor es eigentlich begonnen hat. Für die Regierungskoalition aus CDU und SPD steht fest: Sie will kein weiteres Geld für eine Machbarkeitsstudie für eine Straßenbahnlinie durch Bad Vilbel ausgeben. Diese Machbarkeitsstudie würde in etwa 300 000 Euro kosten - etwas weniger als die Hälfte würde Bad Vilbel zahlen, den Rest Frankfurt.

Die Machbarkeitsstudie wäre nach der Potenzialstudie der nächste Schritt gewesen. In dieser hatten die beiden Städte gemeinsam die Verlängerung der Straßenbahnstrecke von der Friedberger Warte via Berufsgenossenschaftliches Unfallklinikum, Heiligenstock und Heilsberg nach Bad Vilbel untersucht. Das Ergebnis wurde in einer Bürgerversammlung präsentiert. Das Fazit? Sinnvoll wäre die Strecke, wenn sie vom Südbahnhof bis ins Neubaugebiet Krebsschere führen würde.

Eingriffe ins Stadtbild

Für die Koalition steht fest: Der Eingriff ins Stadtbild wäre zu massiv. Von der Potenzialanalyse sei man enttäuscht, betont Bad Vilbels CDU-Fraktionschefin Irene Utter. »Die Trassenführung würde das Stadtbild Bad Vilbels massiv zum Schlechteren verändern - von der Lärmbelastung für die Anwohnerinnen und Anwohner einmal ganz zu schweigen.«

In der Alten Frankfurter Straße und auf der Kasseler Straße käme es zu einem erheblichen Problem. Dort würde die Bahn »auf wesentlichen Teilen der Strecke gemeinsam mit den Autos auf der Straße fahren - und somit morgens und nachmittags auch mit ihnen im Stau stehen«, sagt SPD-Fraktionsvorsitzende Mirjam Fuhrmann

Für die Koalition steht fest: Bad Vilbel ist durch die bald viergleisig ausgebaute S-Bahnlinie 6 und verschiedene Busverbindungen bereits gut an Frankfurt angebunden. Stattdessen will man die Busse der Linie 30 nach Frankfurt auf CO2-neutralen Antrieb umstellen und besser takten. Außerdem solle der Magistrat prüfen, ob Möglichkeiten bestehen, die Geschwindigkeit zu erhöhen, etwa durch die Einrichtung zusätzlicher Busspuren auf der B 521.

Das könnte dazu führen, dass für die Bad Vilbeler künftig umsteigen angesagt ist. Denn: In ein paar Jahren soll mit der Linie 19 eine zweite Tram auf dem Abschnitt zwischen Friedberger Warte und Konstablerwache sowie weiter nach Oberrad rollen. Die Frage, die vor allem in Frankfurt aufkommen wird, ist, ob weiterhin jeder Bus in Richtung Innenstadt rollen wird.

Frankfurter enttäuscht

Dort hat man die Entscheidung Bad Vilbels enttäuscht aufgenommen. Wolfgang Siefert, Referent und designierter Nachfolger von Frankfurts Mobilitätsdezernenten Stefan Majer (Grüne), sagt, die Absage sei »schade, weil es auch um die Verkehrswende geht«. Allerdings wolle man noch mal das Gespräch mit den Verantwortlichen der Quellenstadt suchen.

Es dauerte nicht lange nach Veröffentlichung der Pressemitteilung, bis die ersten Reaktionen folgten. In den sozialen Netzwerken wurde diskutiert. Leserbriefe erreichten die Redaktion. Die Entscheidung sei »ernüchternd«. Die Koalition reagiere »fantasie- und mutlos«. Die Mandatsträger würden »nur ungern über ihren Ortsrand hinausschauen.« Andere folgten der schwarz-roten Argumentation, zeigten sich froh, »dass Bad Vilbel nicht zerschnitten wird«.

Der Argumentation der Koalition folgen in Bad Vilbel FDP und AfD. »Natürlich ist die Entscheidung gegen die Straßenbahn historisch, deshalb müssen besonders intensive Abwägungen vorgenommen werden. Das haben wir Liberale und jetzt auch die Koalition für Bad Vilbel vorgenommen und damit den Bürgern zunächst bei den Bauarbeiten, aber auch im laufenden Betrieb viel Ungemach erspart«, so die FDP-Fraktionsvorsitzende Julia Russmann.

Nicht alle folgen der Koalition

Doch nicht die ganze Opposition schließt sich dieser Meinung an. Für die Grünen steht die Ampel für die Straßenbahn auf »Grün«. Sie wollen die Machbarkeitstudie in Auftrag geben. Fraktionsvorsitzender Jens Matthias sagt: »Bad Vilbel hat auf die Fragen zum aktuellen Verkehrschaos und das anhaltende Verkehrswachstum der Stadt keinerlei ernsthafte Antworten. Fachleute haben die Straßenbahn als verheißungsvolle Lösung präsentiert.« Eine parteipolitisch motivierte Absage an eine Straßenbahn sei eine Absage an die Zukunft Bad Vilbels. Der fraktionslose Stadtverordnete Michael Wolf möchte gerne die Bad Vilbeler und Bad Vilberinnen mit ins Boot holen. In einem Antrag für die Stadtverordnetenversammlung fordert er einen Bürgerentscheid. Aufgrund von Anrufen besorgter Bürger die restlichen 33 000 Bürgerinnen und Bürger um ihre Entscheidung zu bringen, sei keine echte Bürgerbeteiligung, schreibt Wolf in seinem Antrag.

Obwohl die Standpunkte längst klar sind, wird der Themenkomplex Straßenbahn sehr wahrscheinlich für hitzige Diskussionen sorgen. Die Anträge stehen auf der Tagesordnung des Haupt- und Finanzausschuss, der am 14. Juli um 19 Uhr im Kultur- und Sportforum Dortelweil zusammenkommt. Die Stadtverordneten tagen am Dienstag, 19. Juli, um 18 Uhr ebenfalls in Dortelweil.

Kommentar Pro Machbarkeitsstudie: Fahrt aufs Abstellgleis

Bad Vilbel versinkt im Verkehrschaos. Wer im Berufsverkehr durch die Quellenstadt muss, sollte Zeit mitbringen. Mit der anstehenden S-Bahn-Vollsperrung ist keine Besserung in Sicht. Der ohnehin schon große Autofahrer-Anteil wird noch größer. Eine Momentaufnahme? Bedingt. Schließlich wird die derzeit gesperrte B3-Auffahrt bei Preungesheim nicht für alle Zeit dicht bleiben. Und mit der bald viergleisigen S6 wird sich die Situation deutlich verbessern. Mit dem klaren und sehr frühen Nein zur Straßenbahn verpassen es die politischen Akteure, ein attraktives Nahverkehrsangebot zu schaffen.

Besonders der Zeitpunkt der Absage überrascht. Die Argumente sind vielfältig. Wegfallende Parkplätze, wegfallende Grünanlagen, das sich verändernde Stadtbild. Doch was sind diese Argumente wert, ohne eine konkrete Faktenlage? Bei der Bürgerversammlung Mitte Mai sagte Gerald Hamöller von der Ramboll GmbH: »Eine Stellplatzbilanz und Baumbilanz wird es erst in späteren Studien geben.« Das gilt auch für weitere fundierte Kenntnisse. Diese wird es in Bad Vilbel nicht mehr geben, obwohl das Abstimmungsergebnis bei der Bürgerversammlung ausgeglichen war. Die Koalition wählt den einfachen Weg. Bleibt zu hoffen, dass diese Weichenstellung nicht aufs Abstellgleis führt. (Von Patrick Eickhoff)

Contra Machbarkeitsstudie: Vernunft hat Vorfahrt

Machbar ist im Prinzip alles. Der Stadt Bad Vilbel oder der Sache Straßenbahn zugeneigte Wissenschaftler hätten sicher eine positive Studie zur Machbarkeit der Straßenbahn abgegeben. Das kennen wir aus manchem Neubauprojekt, dessen Verkehrsbelastung schöngerechnet worden ist. Aus der Kommunalpolitik sind stets viele Fragen und manche Zweifel gekommen, letztlich hat sich, auch fußend auf den Gutachten, eine Mehrheit für Großprojekte und weitere Tausende Wohnungen gefunden. Und nun haben wir den (Verkehrs-)Salat: Nicht nur in Berufsverkehrszeiten sind die Straßen der Festspiel- und Quellenstadt verstopft. Aber brächte eine Straßenbahn tatsächlich die gewünschte Entlastung und einen Umstieg der Vilbeler vom Auto auf die Tram? Massive Zweifel sind angebracht.

Ein Blick nach Frankfurt genügt: Dort nutzen zwar viele die Straßenbahnen, aber letztlich hat jeder und jede ein Auto vor der Tür. Zudem ist jetzt bekannt geworden, dass sich trotz der horrenden Spritpreise am Fahrverhalten der Deutschen rein gar nichts geändert hat. Es gibt noch einen Unterschied zwischen Bad Vilbel und Frankfurt: Dort gehört die Tram seit 150 Jahren dazu, für Vilbel müsste sie neu reingequetscht werden in die engen Straßen. Beim Nein von CDU und SPD zur Studie hat also die Vernunft Vorfahrt gehabt. (Von Holger Pegelow)

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