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»Unsere Schule ist eine Art Projekt«

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Von: Holger Pegelow

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Tom Zijlstra, Direktor der Europäischen Schule Rhein-Main in Bad Vilbel, zeigt auf eines der Projekte, die er besonders hervorhebt: den Tiny Forest mit dem Teich. © Holger Pegelow

Mit Feiern und Aktionen begeht die in Dortelweil ansässige Europäische Schule Rhein-Main ihr zehnjähriges Bestehen. Ein Interview mit ESRM-Direktor Tom Zijlstra.

Herr Zijlstra, Ihre Schule besteht seit 10 Jahren. Das Projekt hatte eine Vorlaufzeit. Erinnern Sie sich daran, wann genau Sie sich das erste Mal mit der Schule in Dortelweil beschäftigt haben?

Ich war bis 2009 in der Europäischen Schule Frankfurt; in der Zeit gab es immer mehr Möglichkeiten, unter dem Schutzschirm der Europäischen Union mehr europäische Schulen zu gründen.

Wie ist das Projekt angestoßen worden und von wem?

Ein erster Kontakt mit den Entscheidungsträgern der Stadt Bad Vilbel hat diese von der Einzigartigkeit des Projektes überzeugt und mich und meine Mitstreiter davon, dass wir den richtigen Standort und die bestmöglichen Partner getroffen hatten. Wir haben uns direkt gefunden und das Projekt begann ins Laufen zu kommen. In 2010 gab es erste konkrete Ergebnisse vom Obersten Rat der Europäischen Schulen aus Brüssel, dass wir in Bad Vilbel eine Europäische Schule gründen konnten. Danach haben Stadt und Stadtwerke alle politischen Initiativen unternommen.

Im politischen Bereich war Ihre Schule nicht unumstritten. Es wurde lange und zum Teil heftig über die ESRM diskutiert. Hat Sie das persönlich getroffen? Oder war das eher eine Herausforderung, die Kritiker von dem Projekt zu überzeugen?

Die Gefühlslage damals war eine des Idealismus, etwas Neues zu tun, hier Pionierarbeit zu leisten. Wir sind in Bad Vilbel regelmäßig getourt und haben für die neue Europäische Schule geworben. Ich selbst habe seitens der politischen Parteien aber kaum negative Gedanken gespürt, allerdings gab es damals hinsichtlich der Planungen und der Finanzierung Kritik. Aber jetzt ist es so, dass alle politischen Parteien unsere Schule unterstützen, weil sie alle die Erfolge unserer Schule sehen.

Was halten Sie denjenigen entgegen, die behaupten, die Europäische Schule sei eine Schule für Reiche?

Diese einfache Aussage zu treffen, reicht nicht. Man muss es zusammen erleben und die Fakten zur Kenntnis nehmen: Bei uns kann jede Familie einen Platz finden, es ist keine Schule, die nach finanziellem Status selektiert. Zudem haben wir eine Gebührenstruktur, die auch diejenigen teilhaben lässt, die es nicht so dicke haben, wie man so schön sagt. Es würde viele Leute erstaunen, dass man mit relativ wenig Geld sein Kind an diese Schule schicken kann. Die Schule wird unterstützt vom Land Hessen. Wir sind keine Insel von Wohlhabenden und wollen es auch nicht sein.

Der Normalverdiener kann sich den Schulbesuch seines Kindes hier also leisten?

Dann finden wir eine Lösung. Wenn man die Schülergemeinschaft hier betrachtet, sieht man, dass das kein Reservat für reiche Leute ist.

2012 haben Sie mit 438 Schülerinnen und Schülern begonnen. War damals schon klar, dass die Kapazitäten nicht ausreichen würden?

Die Erweiterung war schon geplant. Es war klar, dass es einen Ausbaurhythmus geben würde. Wir haben jetzt rund 1600 Schülerinnen und Schüler, aktuell befinden wir uns im Stadium der Konsolidierung.

Sie können also nicht so weiterwachsen wie in den zehn Jahren.

Konsolidierung heißt auch, dass wir lange Wartelisten haben. Andererseits haben wir eine sehr diverse, zu Teilen internationale Schulbevölkerung, so dass immer wieder Plätze frei werden.

Was bedeutet das für Sie persönlich, wenn eine Schule in zehn Jahren so gewaltig wächst? Einfach nur mehr Arbeitszeit oder auch neue Herausforderungen, Veränderungen in den Strukturen?

Wachstum der Schule vergrößert die Möglichkeiten einer Schule wie unsere. Wenn die Schule nicht wächst, haben die Kinder nicht immer die Möglichkeit, alle Fächer zu wählen. Ein gesundes Wachstum ist gut für das pädagogische Angebot, gut für Input von neuen Leuten mit neuen Ideen und Enthusiasmus.

Aber was bedeutet das für Sie und Ihre Arbeit als Schulleiter?

Ich gehöre zur oberen Liga, was das Delegieren angeht. Wenn man das nicht schafft, geht es einfach nicht. Ich habe hier ein fantastisches Kollegium von stellvertretenden Schulleitern, Verwaltung, Lehrkräften und technischem Personal. Die Kooperationsbereitschaft und die Unterstützung durch die Elternschaft ist beispiellos.

Welches der Projekte, die in der Schule angestoßen und umgesetzt wurden, war für Sie wichtig?

Die Schule selbst ist in Europa so eine Art Projekt, denn wir sind eine Mischung aus Privat- und öffentlicher Schule. Wir sind kein reines privates Unternehmen, aber die Stimulanz wie bei einem privaten Unternehmen reicht, damit die Leute mit großer Energie bei der Sache sind. Und die öffentliche Hand spannt einen Schirm auf, der uns das Gefühl gibt: Wir sind sicher.

Unser größtes Projekt ist das Europäische Baccalauréat (Abitur), ein überall in der Welt hochgeschätzter Abschluss. Im Juni 2023 nehmen wir bereits unser 7. Europäisches Abitur ab; in diesem Jahr mit 124 Kandidaten. Von Anfang an hatten wir eine Erfolgsquote von über 95 Prozent. Das macht uns sehr stolz.

In allen Fachgebieten nehmen wir an lokalen, nationalen und teilweise internationalen Wettbewerben mit regelmäßigem Erfolg teil: Kunst, Naturwissenschaften, Literatur und Sprachen, Humanwissenschaften und Politik. So haben wir unter anderem den Preis für das am schnellsten wachsende Unternehmen erhalten. Vor einigen Tagen erhielten wir die Auszeichnung der IHK für die beste Berufsberatung. Unbedingt zu erwähnen ist auch das ambitionierte Projekt des Tiny Forest. Neben den traditionellen Sportarten brilliert die Schule in Rugby, Golf und Cricket, welches in Deutschland nur an sehr wenigen Schulen angeboten wird. Vor einem Jahr haben wir damit klein angefangen, jetzt sind die Kleinsten deutscher Meister. Die Cricket-Abteilung ist rasant gewachsen, und die Spieler nehmen an verschiedene internationalen Turnieren teil.

Wenn Sie fünf oder zehn Jahre vorausblicken, wie wird diese Schule dann aussehen?

Die Schule wird ungefähr so bleiben, aber die europäische Identität soll noch mehr wachsen. Wir sind eine Caring-School, wir kümmern uns um unsere Mitmenschen, das ist der humanistische Gedanke. Toleranz und Respekt müssen weiter mit Leben gefüllt werden. Wir wollen da sein für jeden Schüler, wollen seine individuellen Interessen fördern.

Die ERSM ist eng mit Ihrem Namen verknüpft. Wenn Sie fünf Jahre vorausblicken, wird diese Schule dann noch von Ihnen geführt?

Ich bin ein sehr aktiver Mensch. Bin jeden Tag mit so viel Freude hier und ich weiß, dass es hier noch so viel zu tun gibt, also mache ich weiter. Das hier ist für mich nämlich mehr als ein normaler Job, es ist meine Berufung und meine Überzeugung. Und ich bin dankbar dieser wunderbaren Schule vorstehen zu dürfen.

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