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Baufehler ausgleichen

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Museumsleiterin Hildegard Schiebe, Franziska Hochhuth, Johann May und Andreas May vom Team der Restaurierungsfirma zeigen die Schadstellen. © Elfriede Maresch

»Wenn Steine erzählen könnten…« lautete das Motto im Jüdischen Museum Nidda am Internationalen Museumstag. Schwerpunktthemen waren die Baugeschichte des Hauses und die aktuellen Sanierungsarbeiten. Die Besucher erfuhren, wie man besser kein Fachwerk ausbessern sollte.

Die Besucher hatten die Möglichkeit, einen Blick auf die Fachwerkbaustelle des Jüdischen Museums zu werfen. Das Denkmal ist im Moment teilweise offengelegt. Das Gebäude, vermutlich in den Grundzügen aus dem 17. oder 18. Jahrhundert stammend, steht unter Denkmalschutz - wegen seines Alters und weil es von Struktur und Funktionen eines der vielen charakteristischen Ackerbürgerhäuser Niddas war. Restaurator Andreas May vermutet sogar die Nutzung als Einhaus, in dem sich direkt an das eigentliche Wohngebäude die Scheune und Ställe anschlossen.

Balken lassen einen Teilabriss vermuten

Wie bei vielen Stadtbürgerfamilien mit kleinem Landbesitz brauchten auch die Eigentümer dieses Hauses noch ein Handwerk als zweites wirtschaftliches Standbein, hier vermutlich neben Viehhaltung auch eine Metzgerei. Kleine verputzte Balkenabschnitte, die aus der Rückwand des giebelseitig zur Straße stehenden Hauses ragen, lassen annehmen, dass es ursprünglich länger war und Teile abgerissen wurden. Anfang des 20. Jahrhunderts gehörte das Anwesen einer jüdischen Familie Stern.

Ein Anbau war an den in der Nachbarschaft lebenden jüdischen Metzger Bernhard Brodreich vermietet, der hier schächtete und die Tiere zerlegte. Diesen Betrieb übernahm dann Brodreichs Schwiegersohn Julius Stern, mit den Hausbesitzern nicht unmittelbar verwandt. »Wir haben im Keller noch einen handgeschmiedeten Fleischerhaken gefunden«, weiß Museumsleiterin Hildegard Schiebe zu berichten. Der Familie Julius Sterns machte man mit immer neuen Auflagen in den 1930er Jahren das Leben so schwer, bis sie aufgaben und noch emigrieren konnten. In Kriegs- und Nachkriegszeit wechselten die Bewohner. 2001 kaufte Pfarrer Dr. Wolfgang Stingl das sanierungsbedürftige Haus und richtete es mit großzügiger Unterstützung des in die USA emigrierten jüdischen Niddaer Bürgers Fred Strauß zur Erinnerungsstätte jüdischen Lebens ein.

Vor einiger Zeit fielen aufsteigende Feuchtigkeit in einer Innenwand, Ausbuchtungen des Mauerwerks nach außen und modriger Geruch im Keller auf. So nahm die Museumsleiterin Kontakt mit verschiedenen Fachleuten auf.

Beauftragt wurde der Schwickartshäuser Zimmermeister und Restaurator Andreas May. Er arbeitet eng mit der Unteren Denkmalschutzbehörde des Wetteraukreises zusammen. Freigelegt zur Befunderhebung wurden Abschnitte an den beiden traufseitigen Wänden über dem Sockel aus Basaltbruchsteinmauerwerk, der später stellenweise durch Backsteinschichten ergänzt wurde. Dabei wurden typische Baufehler des vergangenen Jahrhunderts sichtbar. Mauer- und Sockelbereiche der Rück- und der Seitenwand zum Hof hin waren mit einer massiven Betonschicht ausgebessert worden, Metallstreben verstärkten diesen starren Fremdkörper mitten im Fachwerk, das typischerweise »arbeitet«, das heißt, sich ausdehnt und wieder zusammenzieht. Schadhafte Gefache waren mit Resten von Gipskartonplatten und Dämmschaum ausgefüllt worden - eine weitere Schadquelle für das Fachwerk. Unsachgemäße Verputze hatten die Zirkulation der Feuchtigkeit im Mauerwerk gehindert, Befall durch Gebäudepilze folgte. »Diese ›verdauen‹ buchstäblich die sonst haltbaren Eichenbalken, bauen Kohlenhydrate und Eiweiße des Holzes ab und machen es anfällig für Schadinsekten«, erläuterte Andreas May. Er konnte freigelegte Balkenabschnitte mit Lochstrukturen wie in einem Badeschwamm zeigen - der Gescheckte Nagekäfer war am Werk gewesen und hatte die Holzzerstörung vollendet.

Die Sanierung stimmte May mit dem Restaurierungsfachmann Gerwin Stein (Beratungsstelle für Handwerk und Denkmalpflege, Propstei Johannesberg/Fulda) und mit der Unteren Denkmalpflege des Wetteraukreises ab. Stein erstellte eine ausführliche Dokumentation und die notwendigen Schritte konnten abgesprochen werden. Die finanziellen Möglichkeiten des Museumsvereins, die Terminvorhaben des Hauses muss der Restaurator dabei bedenken. Oberstes Ziel aber ist die Erhaltung des Hauses als Einzelkulturdenkmal und Zeugnis der Stadtgeschichte.

Geplant sind die Entkernung schadhafter Mauerabschnitte, die Abstützung des Gebäudes und der Austausch morscher Balken, Ausfüllung der Gefache mit Lehmbausteinen, Anbringen eines atmungsaktiven Außenputzes. Hildegard Schiebe: »Von der Denkmalpflege sind bereits Mittel geflossen ›als Zeichen der Solidarität‹, wie Landrat Weckler formulierte. Aber wir hoffen noch auf weitere Unterstützung für dieses große Vorhaben.«

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Bausünden: Beton im Fachwerk, Verstärkung mit nun rostenden Metallstreben. © Elfriede Maresch

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