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Behutsam und mit Respekt: Berichterstattung über geflüchtete Ukrainer

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Von: red Redaktion

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Menschen auf der Flucht - man kann sich kaum vorstellen, was diese Leute hinter sich haben, wen und was sie zurücklassen mussten. Daran sollte man auch als Journalist denken, wenn man ihnen Fragen stellen möchte. SYMBOLFOTO: IMAGO/REICHWEIN © Imago Sportfotodienst GmbH

Sie sind gerade hier angekommen: aus der Ukraine Geflüchtete. Und schon stehen da Journalisten, die mit ihnen reden wollen. Gibt es in diesem Moment die richtige Frage?

Es war der 24. August 1989. Schon morgens um sechs war ich beim Finale eines Wettbewerbs im Dauerakkordeonspiel gewesen, um für den Bayerischen Rundfunk zu berichten. Der Eintrag ins Guinessbuch der Rekorde war geschafft. Ich erinnere mich so genau an alles, weil kurz darauf der Anruf kam, ich solle am Mittag in einen kleinen Oberpfälzer Ort fahren. Dort kämen die ersten DDR-Flüchtlinge aus Ungarn an. Im Nu war ich im Kontrastprogramm.

Als Nachkriegsgeborene hatte ich von meinen Eltern viele Schilderungen von Krieg, Flucht und Vertreibung gehört. Ich habe in Ruinen gespielt und die Angst im Zugabteil beim Übertritt der Zonengrenze gespürt. Westmark eingenäht in Hutkrempen, Schokolade und Kaffee wie Schmuggelware in Koffernischen versteckt. Meine Großmutter und andere Verwandte wohnten »drüben«. Die auf der Flucht von ostdeutschen Grenzern Erschossenen, die geglückten Fluchtversuche durch Tunnel und Gewässer - lebhafte Erinnerungen.

In diesem August 1989 hatte die ungarische Regierung 108 DDR-Bürgern die direkte Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland erlaubt. Sie waren einfach losgestürmt, mit Feriengepäck, egal wo sie ankommen würden. Sie sollte ich interviewen, die Eltern, Freunde und ihr Zuhause zurückgelassen hatten, um in Freiheit leben zu können. Was sollte ich sie fragen? Wollten sie überhaupt mit mir sprechen? Durfte ich ihnen in diesem Moment des unverhofften Ankommens so nahetreten?

Ich habe diesen Auftrag nie vergessen. Aber in diesen Tagen, als wieder Hunderttausende Menschen auf der Flucht in den Westen sind, denke ich ganz besonders daran. Jetzt leben wir mit den Bildern von den vollgestopften Zügen, den von Hoffnung und Verzweiflung überquellenden Bahnhöfen, den kilometerlangen Warteschlangen an den Grenzen. Bewegende Abschiedsszenen mit Söhnen, Brüdern, Männern, Vätern. Die Bilder, von denen die Eltern sprachen, werden lebendig. Es geht wieder ums blanke Überleben. Der Unterschied zu damals: Es konnten sich die Familien zusammen auf den Weg in die Freiheit machen.

Wieder frage ich mich, was dürfen wir diesen Menschen in ihrer Erschöpfung und ihrer belasteten Freude an Antworten abverlangen? Klingt es nicht zu banal, wenn wir wissen wollen, wie lange sie unterwegs waren, woher genau sie kommen? Befördere ich ihren Schmerz, wenn ich frage, wen und was sie zurücklassen mussten? Was sollen sie antworten auf die Frage, wie sie sich jetzt fühlen und wie sie sich ihre Zukunft vorstellen? Und Namen, was sind jetzt Namen?

Es ist gut, Bilder zu erzeugen, sie stärken das Mitgefühl. Aber die Menschen sollen weinen können aus Trauer oder Erleichterung ohne die Nahaufnahmen unserer Kameras und Fotoapparate. Sie dürfen nicht mit ihren Sorgen und Nöten allein bleiben, aber wir Journalisten müssen uns nicht schamlos dazwischendrängen. Ich möchte nur dokumentieren, weitergeben, was ich sehe, was mich bewegt, behutsam und mit Respekt.

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