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Keine Genehmigung und auf städtischem Grund: Ärger um Bauaktivitäten an Büdinger »Bleffe«

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Von: Laura Eßer

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Die Steine des Anstoßes: Hinter der »Bleffe« und direkt neben der Altstadtmauer aus dem 14. Jahrhundert ist diese Anlage entstanden - zum Teil sogar auf städtischem Grund. © Laura Eßer

Für die Stadt Büdingen, die Bauaufsicht und die Denkmalschutzbehörde ist der Fall klar: Sämtliche Bauaktivitäten hinter dem Gasthaus »Bleffe« stellen einen massiven Eingriff ins Stadtbild dar.

Die Stadt erlebt den größten Bauboom seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. In Büdingen häufen sich jedoch Projekte, die auf Unverständnis und Widerstand stoßen. Im Zusammenhang mit dem Bau eines Wohn- und Geschäftskomplexes in der Bahnhofstraße, für das ein schmuckes Stadthaus aus der Gründerzeit weichen musste, und mit der exklusiven Wohnanlage am Wilden Stein hat sich sogar eine Interessengemeinschaft, die IG Stadtbild, gegründet. Tatenlos zuschauen, wie Büdingen zunehmend an Charakter verliert, das wollen inzwischen immer weniger Bürger. So ist denn auch die Verwunderung ob der Veränderung hinter dem Traditionsgasthaus »Bleffe« groß. Dort bildet seit einiger Zeit grauer Beton einen unschönen Kontrast zum rotbrauen Sandstein - nicht im Verborgenen, sondern vom Altstadtparkplatz aus für jeden zu sehen.

Neben der Altstadtmauer

Das gesamte Grundstücksniveau ist dort erheblich angehoben worden. Eine etwa 30 Meter lange Betonwinkelstützmauer bildet jetzt die Grenze zum Garten Kölsch. Der Beton reicht nicht nur bis an die historische Altstadtmauer heran, die Mitte des 14. Jahrhunderts erbaut worden ist, sondern steht nach Aussagen des Büdinger Bauamts obendrein auf städtischem Grund. Auf dem Areal ist zudem eine Garage, in der mindestens zwei Autos Platz haben, gebaut worden. Zudem gibt es nun auf der Seite des Altstadtparkplatzes einen Abstellplatz für Müllcontainer und -tonnen (ebenfalls auf Gelände der Stadt). Mittendurch führt ein Zugang zum Lokal, links und rechts davon sind zwei Rasenflächen und reichlich grauer Kunststein. Neben der Stadtmauer befindet sich ein großzügiger Sitzplatz.

Hinzu kommt: Ein ehemals nicht überdachter Bereich des Restaurants hat jetzt Dach und Fußboden, ist somit regulärer Bestandteil des Lokals. Dafür müssen Parkplätze auf der Gebäuderückseite nachgewiesen werden - genau dort, wo inzwischen der Freisitz und die angrenzende Anlage bis zur Garage entstanden sind. Die Fläche gibt keinen Anlass anzunehmen, dass dort bald die Kundschaft parkt.

Christoforos Lazaridis, dem die »Bleffe« und das Gelände an der Stadtmauer gehören, hat versucht, im Nachhinein eine Genehmigung zu bekommen - jedoch ohne Erfolg. »Für die Baumaßnahmen wurde nachträglich ein Bauantrag gestellt, der von der Bauaufsicht, dem Denkmalschutz und der Stadt Büdingen negativ beurteilt wurde«, teilt der Wetteraukreis auf Anfrage dieser Zeitung schriftlich mit. Carolin Schäfer vom Stadtbauamt erklärt, dass der Fall auf einen Rechtsstreit hinausläuft. »Es könnte unter Umständen Jahre dauern, bis das Gericht eine Entscheidung trifft«, sagt sie. Ob der Eigentümer mit einer Nutzungsuntersagung der Bauaufsicht rechnen muss, ist derzeit noch genauso unklar wie die Frage, ob die gesamte Anlage bleiben oder zurückgebaut werden müssen.

»Die Untere Denkmalschutzbehörde, mit der die Bautätigkeiten hätten abgestimmt werden müssen, ist damit jedenfalls in keiner Weise einverstanden«, sagt Carolin Schäfer. Sie spricht von einem Präzidenzfall für die Altstadt. »Wie jetzt entschieden wird, dürfte richtungsweisend für zukünftige Bauaktivitäten sein.«

So schätzt es auch Bürgermeister Benjamin Harris ein. »Die Altstadt ist ein baulich hochsensibler Bereich. Jedem Grundstückseigentümer muss klar sein: Wer ohne Genehmigung baut und Gesetze missachtet, agiert illegal.«

Christoforos Lazaridis ist natürlich nicht begeistert. Nie und nimmer habe er in irgendeiner Weise gegen Recht und Gesetz verstoßen wollen, betont er. Der Mann, der vor 20 Jahren von Griechenland nach Deutschland kam und seit 2004 in Büdingen seinen Lebensmittelpunkt hat, gehört zu den beliebtesten Gastwirten in der Stadt. Drinnen, in der »Bleffe«, sind fast alle Tische belegt, mehr als 100 Gäste zeugen an einem Wochentag davon, dass Lokal, Küche und Service hoch im Kurs stehen. Christoforos Lazaridis, der zuvor Restaurants in der Berliner Straße und in der Neustadt betrieben hatte, sanierte die »Bleffe« mit seinem Hotel vom Keller bis unters Dach, entkernte das Gasthaus, modernisierte es, legte die Fassade neu an und baute das Gebäude barrierefrei aus. Die Verlängerung der Stadtmauer auf der Rückseite hat er - auf seine Kosten, wie er betont - von einem Spezialisten herrichten lassen. Strahler, die das Mauerwerk beleuchten, gibt es ebenfalls. »Ich bin bestrebt, der Stadt immer etwas zurückzugeben. Sie ist meiner Familie zur Heimat geworden.« Noch in diesem Jahr möchte Christoforos Lazaridis mit seiner Frau und seinen vier Kindern von Lorbach nach Büdingen ziehen - über die »Bleffe«.

Der Gastwirt sagt es nicht direkt, aber ihm scheint bewusst, dass die Tatsache. keine schriftliche Baugenehmigung zu haben, Probleme nach sich ziehen wird. Namen möchte er keine nennen, dennoch sagt Lazaridis: »Ich habe sämtliche Arbeiten im Vorfeld mit Vertretern der Stadt besprochen. Sie kannten meine Pläne und haben mir noch zugeredet.«

Um gute Lösung bemüht

Auf dem Smartphone zeigt er eine Sandsteinverblendung, mit der die Stützmauer aus Beton optisch der Stadtmauer angepasst werden könnte, wie Lazaridis meint. Die von der Stadt geforderten neun Stellplätze will er zeitnah schaffen. Obwohl er tief in der Bredouille steckt und um die anstehende juristische Auseinandersetzung weiß, will der Mann dennoch versuchen, in konstruktiven Gesprächen eine gute Lösung für alle Beteiligten zu erzielen. »Dass die Lage ernst ist, weiß ich sehr genau.«

Doch Christoforos Lazaridis gibt sich kämpferisch. Eine Tugend, die er in der Pandemie und vor allem nach dem verheerenden Hochwasser am 29. Januar 2021 bereits unter Beweis gestellt. Vieles, was er zuvor mühsam saniert hatte, war plötzlich wieder dahin. »Ich bin aus dieser prekären Lage herausgekommen. Und jetzt versuche ich es wieder.«

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Christoforos Lazaridis hat 2015 die »Bleffe« übernommen und das Gasthaus in der Folge grundlegend saniert. Er sagt: »Ich habe sämtliche Arbeiten im Vorfeld mit Vertretern der Stadt besprochen.« © Laura Eßer

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