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Bundespräsident a. D. Joachim Gauck zu Gast in Friedberg - Über Mut und kämpferische Toleranz

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Von: Harald Schuchardt

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Beeindruckender Redner: Bundespräsident a. D. Joachim Gauck spricht in der Stadthalle über die aktuelle politische Lage, seine eigene Vergangenheit, die Zukunft und sein neues Buch »Toleranz: einfach schwer«. © Loni Schuchardt

Bundespräsident a. D. Joachim Gauck hat in der voll besetzten Stadthalle in Friedberg sein Buch »Toleranz: einfach schwer« vorgestellt. Es war ein beeindruckender Abend.

Wetteraukreis (har). Man kann es schon als kleinen Coup bezeichnen: In der Reihe »Friedberg lässt lesen« hat Bundespräsident a. D. Joachim Gauck am Mittwochabend in der voll besetzten Stadthalle sein Buch »Toleranz: einfach schwer« vorgestellt.

Den Auftakt des Abends sollte ein Gespräch zwischen dem bestens aufgelegten Gauck und Ovag-Vorstand Oswin Veith, der von 2013 bis 2020 Bundestagsabgeordneter war, bilden. Doch schon die erste Frage Veiths nutzte der 82-Jährige für ein erstes Plädoyer für Toleranz, außerdem ging er gleich auf die aktuelle gesellschaftspolitische Lage ein.

»So schlimm ist es ja auch nicht. Ich bin im Krieg geboren, danach war es wirklich schlimm, die Städte waren kaputt, wir hatten Hunger und haben gefroren«, sagte Gauck. Aus tiefen Abgründen sei eine starke Demokratie entstanden. »Wir haben uns eine Zukunft geschaffen«, sagt Gauck.

Toleranz sei ein schwieriges Thema, denn dazu gehöre auch Intoleranz. Putin bezeichnete er als einen Herrscher, der das Recht auf Stärke propagiere. Gauck: »Da möchte ich intolerant sein, denn mit solchen Herrschern kennen wir Deutsche uns aus.«

Ausführlich ging Gauck auf Putins Machtstreben sowie auf die Historie und die Arbeit des russischen Geheimdienstes KGB ein, schließlich sei dieser die Kultur, aus der Putin herkomme.

Blitzschnell wechselte Gauck in seinem ersten Statement die Themen, entschuldigte sich schließlich humorvoll bei Veith, dass dieser nicht mehr zu Wort gekommen sei. Der Ovag-Vorstand nahm es mit Humor und bekam eine für Gauck relativ kurze Antwort auf seine zweite und letzte Frage, wie es ihm nach seiner Zeit als Bundespräsident gehe: »Sie müssen sich keine Sorgen machen. Ich vermisse nichts, habe noch immer Personenschutz, darf aber manchmal alleine gehen.«

Was folgte, war keine Lesung, vielmehr hielt Gauck einen knapp einstündigen Vortrag über Toleranz, Intoleranz und Ängste. Immer wieder gab es viel Zustimmung in Form von langem Zwischenbeifall für Gaucks Thesen, darunter »Je besser es uns geht, desto mehr ängstigen wir uns«.

Das Thema Toleranz habe er bei einer Vorlesung in den Mittelpunkt gestellt, was dazu geführt habe, dass er sich dem Thema ausführlich widmete und mit seiner Co-Autorin und Biografin Helga Hirsch das Buch schrieb, erklärte der Bundespräsident a. D. Toleranz könne man vielfach interpretieren, denn »Toleranz brauchen wir, je mehr die Menschen um uns herum anders sind. Wir müssen lernen, mit Unterschieden umzugehen, das habe ich von meiner Mutter gelernt«, betonte der gelernte Pfarrer, der als führendes Mitglied des Neuen Forums die friedliche Revolution in der DDR mitgeprägt hat.

Intoleranz habe er im Alter von elf Jahren kennengelernt. Sein Vater wurde 1951 von der Stasi abgeholt und nach einer Verurteilung ohne Grund in ein russisches Straflager gesteckt, erst nach vier Jahren kam er zurück. Gauck: »Da lernte ich, meine Toleranzgrenzen zu verschieben.«

Er müsse auch tolerieren und akzeptieren, dass die AfD im Bundestag sitze. »Sie ist in einer freien Wahl gewählt worden. Ich kann sie nicht ab, sie ist für mich reaktionär.« Er wisse aber auch, dass in dieser Partei nicht alle Nazis seien. Es gelte, zu differenzieren, jeder dürfe in einer Demokratie streiten und solle sich mit dem Gegner auseinandersetzen, betonte Gauck.

Wo für ihn Toleranz aufhöre, beschrieb er anhand der aktuellen Morddrohungen gegenüber der Familie von Gesundheitsminister Karl Lauterbach: »Da ist Schluss mit Toleranz, da muss der Staatsanwalt ran.«

Für die Ängste, die die Menschen derzeit umtreiben, sieht Gauck viele Gründe - von der Globalisierung über die Europäisierung und Entgrenzung bis hin zur Migration und der technischen Revolution. »Ängste sind gute Zeiten für populistische Verführer, die keine Zukunftsvision haben und die gegen die Moderne sind«, sagte Gauck. Und weiter betonte er: »Auch liberale Demokratien bedürfen einer starken Führung.«

Am Ende seiner »Fast-Vorlesung« (Gauck) las er das Schlusskapitel seines Buches, das so endet: »Es wird sich immer und immer lohnen, zu streiten mit Verantwortungsbewusstsein, mit Mut und mit kämpferischer Toleranz.« Minutenlanger Beifall war der Dank der Besucher, die anschließend in einer langen Schlange geduldig warteten, um eine Signatur in dessen Buch sowie ein freundliches Lächeln des Bundespräsidenten a. D. zu erhalten.

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