1. Startseite
  2. Region
  3. Wetteraukreis
  4. Butzbach

Butzbach: 46 Straftaten vorgeworfen - Wohnsitzloser wird im Gericht laut

Erstellt:

Von: Jürgen W. Niehoff

Kommentare

Ein wohnsitzloser Butzbacher muss sich am Landgericht Gießen wegen 46 Straftaten verantworten. Oft war er in Butzbach und Gießen unterwegs und fiel dort mehrmals negativ auf.

Butzbach/Gießen (jwn). Nur mit einem Haftbefehl konnte ein 67-jähriger Butzbacher vor das Gießener Landgericht geordert werden: Zum ersten Verhandlungstermin Anfang November war er nicht erschienen. Auch die vom Gericht ausgesandte Polizei konnte ihn an jenem Morgen nicht finden. 46 Straftaten wirft ihm die Staatsanwaltschaft vor. Der Mann, der momentan in Untersuchungshaft sitzt, weil er keinen festen Wohnsitz hat, ist in Butzbach und Gießen - seiner zweiten Heimat - kein unbeschriebenes Blatt.

Einen Einkaufswagen, gefüllt mit seinen Habseligkeiten und einem Kontingent an Alkohol, vor sich her schiebend, verkehrte er lange Zeit vor den Bahnhöfen in Gießen und Butzbach. Dabei wurde er immer wieder aktenkundig, weil er gegen viele Normen des täglichen Lebens verstieß. So pöbelte er Passanten an, beschimpfte Gäste in Straßencafés, stieß mit seinem Einkaufswagen gegen Pkw, die ihn störten, und fiel vielen zur Last. Aber wenn er, meist unter Alkoholeinfluss, aggressiv wurde, dann schüttete er auch schon mal Bier über Passanten, warf mit Bierdosen nach Kellnerinnen und beleidigte mit übelsten Schimpfwörtern seinen jeweiligen Gegenüber oder beschädigte Autos, Zäune und Briefkästen. In Butzbach auf dem Marktplatz ließ er, nachdem ihm ein Hundehalter das Streicheln seines Hundes untersagt hatte, seine Hose herunter und masturbierte in Richtung des Hundes.

Butzbach: Angeklagter schreit Richter an

Letzterer war der einzige Punkt, wozu er in der öffentlichen Sitzung keine Stellung beziehen wollte. Es schrie deswegen den Vorsitzenden Richter Peter Neidel an, sofort die Öffentlichkeit auszuschließen. Doch der ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Er wies den Angeklagten lediglich darauf hin, dass er die Verhandlung führe und sich dabei nicht reinreden lasse.

Doch so emotional, wie der 67-Jährige veranlagt ist, störte ihn die Belehrung recht wenig. Er redete immer wieder dazwischen und kommentierte die Aussagen der Zeugen. »Wenn Sie sich nicht an die Ordnung hier im Gerichtssaal halten, werde ich Sie des Saales verweisen lassen«, sagte der Richter. Doch auch diese Warnung hielt nicht lange vor. So ergab sich vor der Mittagspause im Dialog des Mannes mit dem Vorsitzenden Richter, dass der Angeklagte am Nachmittag nicht zur Verfügung stehe. Das lasse ihm sein Gesundheitszustand nicht mehr zu. Nach dem Mittagessen wolle er zu Bett gehen.

Butzbach: Angeklagter kann sich nicht erinnern

Doch da er diese Forderung laut schreiend und in einem unangemessenen Ton stellte, prallte er auch damit auf Granit. »Ich habe Ihnen schon mal gesagt, ich führe die Verhandlung und nicht Sie«, sagte der Richter.

Bis zur Mittagspause waren zahlreiche Zeugen erschienen und schilderten ihr Zusammentreffen mit dem Angeklagten. Dabei sei die Aggression stets von ihm ausgegangen. So berichtete eine 55-jährige Gießenerin, die in der Fußgängerzone wohnt, dass sie auf der Zufahrt zu ihrem Haus von dem Angeklagten am Weiterfahren gehindert worden sei. Der Mann habe ihr, weil sie nicht zurückgefahren sei, auf die Motorhaube geschlagen und sie übelst beschimpft. »Das ist eine Fußgängerzone. Da darf keiner reinfahren«, unterbrach der Angeklagte ungefragt ihre Aussage. Und, dass er auf die Motohaube geschlagen und das Auto beschädigt haben solle - daran könne er sich nicht mehr erinnern.

Butzbach: »Das war doch nur spaßig gemeint«

Das war an diesem Verhandlungstag offensichtlich seine Strategie: An die vermeintlichen Verstöße seiner Gegenüber konnte sich der 67-Jährige noch sehr genau erinnern. Selbst an einzelne Handlungen, wie die Gegenwehr mit Pfefferspray in einem Café. Doch was er dabei gesagt und getan habe, daran konnte er sich nicht erinnern. Ab und zu kommentierte er seine Handlungen höchstens mit den Worten: »Das war doch nur spaßig gemeint.« Doch spaßig haben die Zeugen sein Handeln nie aufgefasst. »Nein, ich hatte schon Angst und hatte mich deshalb auch sofort in meinem Auto eingeschlossen«, schilderte eine 32-jährige Angestellte ihr Zusammentreffen mit dem Angeklagten. Als er dann noch die Schranke am Parkhaus umbog und anschließend gegen die Scheibe des gegenüberliegenden Supermarktes trat, habe sie aus Furcht die Polizei gerufen.

Alle Zeugen stimmten überein, dass sie den Eindruck hatten, dass der Angeklagte unter Alkoholeinfluss stehe und starken Stimmungsschwankungen unterliege. Alles deutet darauf hin, dass der Angeklagte am Ende des Prozesses wegen seines psychischen Zustands längere Zeit in einer psychiatrischen Anstalt verbringen muss. Um diese Frage geht es auch bei diesem Verfahren, da die Verfehlungen des Angeklagten wegen der Schwere ansonsten vor einem Amtsgericht verhandelt worden wären. Der Prozess wird am kommenden Dienstag fortgesetzt.

Auch interessant

Kommentare