1. Startseite
  2. Region
  3. Wetteraukreis
  4. Butzbach

Butzbacherin trägt nach Arbeitsunfall neue Prothesen: „Als hätte ich wieder Finger“

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Sabrina Dämon

Kommentare

Der Arbeitsunfall, bei dem Nadja Landau zwei Fingerkuppen verliert, passiert während ihrer Ausbildung. Inzwischen hat sie die Finger fast komplett amputieren lassen. Doch nun kann sie wieder arbeiten.
Der Arbeitsunfall, bei dem Nadja Landau zwei Fingerkuppen verliert, passiert während ihrer Ausbildung. Inzwischen hat sie die Finger fast komplett amputieren lassen. Doch nun kann sie wieder arbeiten. © Sabrina Dämon

Nadja Landau aus Butzbach verliert bei einem Arbeitsunfall mehrere Finger. Das hält die gelernte Köchin aber nicht von ihrer Arbeit ab.

Butzbach - Die meisten Leute schauen direkt hin: Dort, wo Nadja Landaus linker Zeige- und Mittelfinger gewesen sind, trägt sie Prothesen. Die Köchin und alleinerziehende Mutter von drei Kindern hat ihre Finger durch einen Arbeitsunfall verloren.

Nadja Landau antwortet meistens mit einer Gegenfrage. Wenn sie zum Beispiel einen alten Bekannten trifft und der fragt, was mit den zwei Fingern an ihrer linken Hand geschehen ist. »Hast du einen empfindlichen Magen?«, fragt sie dann, bevor sie die Geschichte erzählt.

Der Unfall ist in ihrer Ausbildung zur Köchin passiert. In der Küche musste es schnell gehen, und das Fleisch für den Hackbraten blieb im Fleischwolf stecken. Nadja Landau wollte nachhelfen - so, wie sie es sich bei den Kollegen abgeguckt hatte. Mit Zeige- und Mittelfinger stopfte sie das Fleisch Richtung Zerkleinerer. »Aber ich habe sehr lange Finger.« Die Fingerkuppen gerieten in den Häcksler.

Butzbacherin kann Finger nach Arbeitsunfall nicht mehr bewegen: Viele Möglichkeiten halfen nicht

Das war vor vier Jahren, im März 2018. Seither ist sie oft im Krankenhaus gewesen, hat Möglichkeiten ausprobiert, um trotz fehlender Fingerkuppen ihre Arbeit auszuüben - meistens ohne Erfolg.

Bis vergangenen Herbst. Seither trägt sie Prothesen, mit denen sie fast so hantieren kann wie vor dem Unfall. »Ich bin total glücklich«, sagt sie. »Es hört sich banal an, aber ich kann wieder Kisten tragen. Oder beim Einkaufen mit beiden Händen den Korb einräumen.« Vor allem aber kann sie wieder als Köchin arbeiten. »Ich liebe meine Arbeit«, sagt die 39-Jährige. »Mit den Prothesen kann ich schneiden, ohne hinzugucken.«

Doch bis dahin war es ein weiter Weg. Nach der Erstversorgung im Krankenhaus sei ein Arzt auf eine Idee gekommen: Er wollte versuchen, die Finger wieder zu verlängern. Dazu seien die Knochen gebrochen und ein sogenannter Distraktionsfixateur an den Stümpfen angebracht worden. Ein Gestell, das von der Technik her vergleichbar ist mit einem Schraubstock; durch regelmäßiges Engerstellen sollten die gebrochenen Knochen beim Wachsen länger werden.

Butzbacherin trägt nach Arbeitsunfall neue Prothesen: Auswahl fiel nicht leicht

Das habe zwar funktioniert, nur seien die Finger danach steif gewesen - und, erzählt Nadja Landau, dadurch eher störend. »Was will ich als Köchin mit steifen Fingern?«

Letztlich, nach weiteren Operationen und vielen Arztgesprächen, entschied sie sich dazu, die Finger fast komplett amputieren zu lassen. Jetzt sind bloß noch die ersten Glieder da.

Sie begann, sich über Prothesen zu informieren, schaute sich Modelle an. »Das Problem ist: Die meisten, die schön aussehen, sind aus Silikon und unbeweglich.«

Butzbacherin kann Finger nicht mehr bewegen: Prothesen von Hersteller aus den USA

Doch dann stieß sie auf ein Foto im Internet: Ein Mann ist darauf zu sehen, dem vier Finger fehlen. An deren Stelle trägt er metallische Prothesen. Damit hält und umschließt er einen Baseball. Nadja Landau recherchierte weiter. Der Hersteller mit Sitz in den USA heißt Naked Pros-thetics. Die Prothesen aus Titan und Carbon, erzählt sie, sind noch recht neu, in Deutschland sind sie kaum bekannt.

Doch sie findet einen Orthopädietechniker in Frankfurt, der bereit ist, das bis dahin auch für ihn unbekannte Produkt auszuprobieren. Er misst Nadja Landaus Hände und Finger, fotografiert sie und gipst sie ein. Die Daten schickt er in die USA. Da es sich um einen Berufsunfall gehandelt hat, zahlt die Berufsgenossenschaft die Prothesen: »Nur diese Fingerchen kosten schon 31 000 Euro.«

Im Herbst sind sie fertig. Nadja Landau erinnert sich noch genau an den Moment, an dem sie sie zum ersten Mal anlegt. »Ich bekomme jetzt noch Gänsehaut.« Der Orthopädietechniker gibt ihr kleine Aufgaben, um die Beweglichkeit zu testen, legt ihr Gegenstände zum Greifen hin.

Butzbacherin trägt neue Prothesen: Intuitive Bewegung funktionierten von Anfang an

»Ich konnte eine Stecknadel nehmen. Es war ganz intuitiv, als hätte ich wieder Finger« - denn die feinmechanischen Prothesen imitieren die Beugung und Streckung von Fingern, wenn Nadja Landau die Stümpfe bewegt. »Manchmal vergesse ich, dass die Finger fehlen.« Klar, sagt sie, vieles braucht noch Übung - »bei der Arbeit habe ich schon noch ein paar Eier hingeschmissen.« Aber, sie grinst: »Dafür kann ich mir nicht mehr in die Finger schneiden.«

Neulich erst, als sie mit ihrem Sohn unterwegs gewesen ist, konnte sie einen Basketball in den Korb werfen. Zurzeit übt sie, Schuhe zu binden. Bis Dezember ging sie zu Physio- und Ergotherapie.

Was ihr aufgefallen ist: Seit sie die Prothesen trägt und mit Menschen darüber spricht, hört sie oft von anderen - jemand, der jemanden kennt, der auch eine Amputation hinter sich hat. Doch kaum jemand habe von Naked Prosthetics gehört. Nadja Landau hofft, dass so viele Betroffene wie möglich davon erfahren: »Wenn ich nur zwei Menschen helfen könnte, indem ich davon erzähle, würde ich mich so sehr freuen.« (Sabrina Dämon)

Gießen ist deutschlandweit für Handchirurgen eine wichtige Adresse. Seit vielen Jahren besuchen Experten das UKGM, um von den Spezialisten zu lernen.

Auch interessant

Kommentare