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Chorgesang - ein Leben lang: Heinrich Sauer singt seit 75 Jahren in Aulendiebacher Eintracht

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Von: Laura Eßer

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Seit 75 Jahren singt Heinrich Sauer im Chor. Vor diesem Hintergrund hat den Aulendiebacher jetzt der Deutsche Chorverband mit einer Ehrennadel und einer Urkunde ausgezeichnet. © Björn Leo

Singen hält jung und heilt die Seele - kein Wunder also, dass der Aulendiebacher Heinrich Sauer nach wie vor neugierig ist, was der Tag so zu bieten hat. Heinrich Sauer (90) singt seit 75 Jahren.

Lebensgeschichten, wie sie Heinrich Sauer erzählen kann, sind in keinem Lexikon nachzulesen und fürs Internet dürften sie nicht hip genug sein. Dabei beinhalten sie Episoden der Hoffnung und des Wiederaufbaus. Sie würdigen zudem die alles tragende Dorfgemeinschaft. In Aulendiebach spielte die sich nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem beim »Emerich« im Saal ab. »Das war das Vereinslokal der Eintracht«, erzählt Sauer und schmunzelt. »Und meine Frau Hannelore und ich haben dort Hochzeit gefeiert.« Sie war damals, 1952, auch der Grund, warum der Rohrbacher Heinrich Sauer nach »Däiwich«, ins wenig geliebte Aulendiebach, zog. »Natürlich der Liebe wegen«, lacht der 90-Jährige auf seinem Lieblingsplatz auf dem Balkon in der Kirchgasse.

Rivalität mit Nachwehen

»Die Rivalität der Dörfer war damals immerzu spürbar. Das war kein Spaß«, erinnert sich Heinrich Sauer. Obwohl der Mann in Rohrbach 1932 zur Welt kam, dort die Volksschule besucht und nach der Konfirmation bei der Eintracht Fußball gespielt hat, beschreibt er, dass es keineswegs die Menschen in Aulendiebach gewesen seien, die argwöhnisch die Nachbarschaft beäugt haben. »Es war eine andere Gesellschaft in Rohrbach. Die haben sich für was Besseres gehalten«, sagt Sauer und hebt den rechten Zeigefinger. »Das ist heute noch so«, fährt es aus Jutta Hamburger, seiner Tochter, heraus, die ebenfalls am Tisch sitzt. Die Stimmung ist bestens. Vielleicht sind es gerade diese über Generationen weitergetragenen Reibereien, die es zwar gewiss nicht braucht, die aber einst dazu beigetragen haben, dass Dörfer und ihre Menschen Charakter hatten.

Für Heinrich Sauer sind es zudem die Vereine, die für die Leute prägend waren. »Die Menschen hatten nach dem Krieg wahrlich nicht viel, aber ihr Zusammenhalt war groß.« Dass der Mann jetzt vom Deutschen Chorverband für 75 Jahre Singen eine Auszeichnung erhalten hat, spiegelt nicht ansatzweise die Freude wider, die Heinrich Sauer beim Chorgesang empfindet. Dennoch ist er stolz, eine Urkunde in den Händen zu halten, die Christian Wulff, der frühere Bundespräsident, unterzeichnet hat. Er steht jetzt dem Präsidium des Bundesverbandes der Chöre vor.

Vor allem die Lieder des Komponisten und Musikpädagogen Philipp Friedrich Silcher haben es Heinrich Sauer angetan. »Melodien über die Natur, über die Berge und den Kreislauf des Lebens«, sagt er und summt vor sich hin. Es ist herrlich, ihm zuzuhören, da der Aulendiebacher noch Begriffe nutzt, die dem heutigen Sprachgebrauch fehlen. Sauer spricht von Leuten, die »auf die Juchhe gehen«, davon, dass Lieder geschmettert worden sind, und erzählt von einem florierenden Büdinger Geschäftsleben, das es so nie wieder geben wird. Wie mag das wohl nach dem Krieg in der Altstadt gewesen sein, als Sauer beim Döring Fritz gegenüber der »Bleffe« Schuhmacher gelernt hat? Und wer kennt noch den Schwarzen Ernst am Stern, wo Döring später seinen Laden hatte?

Wie so viele Männner nach dem Krieg ging auch Heinrich Sauer einer ehrlichen Arbeit nach, wechselte später zur Firma Hofmann nach Ortenberg. Er begann als Hilfsarbeiter, war dort später Eisenbieger und ging als Polier in Rente. »Den Amis in Friedberg und Bad Nauheim haben wir die Wohnungen gebaut«, sagt Sauer. Die amerikanischen Streitkräfte haben die Wetterau längst verlassen. Die alten Volkslieder aber halten sich hier und da noch.

In Aulendiebach sind es die Happy Voices, die die Tradition fortsetzen. Den Chor gibt es seit 2001, er agiert unter dem Dach der Eintracht, mit der Heinrich Sauer wahre Sternstunden erlebt hat. Beim Bundesleistungssingen in Weilburg in den 1980er Jahren waren 50 Aktive aus Aulendiebach am Start. »Alle drei Preisrichter haben für uns gestimmt. Das hat’s noch nie gegeben.« Dass seine Tochter bei den Happy Voices mitmacht, dort viele Jahre im Vorstand aktiv war, freut den 90-Jährigen. Auch, dass sich sein Enkel Christoph das Gitarrespielen selbst beigebracht hat. Die Familie und ihr Umfeld sind musikalisch, keine Frage. Martin Bierwirth, Jutta Hamburgers Cousin, ist einer der Gründer von Querbeet. Er zählt zu den renommiertesten und bekanntestens Musikern der Region.

Der Gesang und besondere Auftritte führten Heinrich Sauer auch nach Gistel in Belgien, seit 1964 Partnerstadt von Aulendiebach. Richard Roth, der von November 1942 bis Januar 1943 dort als Soldat stationiert war, nahm später Kontakt in die Stadt in Westflandern auf. Als der Aulendiebacher Gesangverein 75-jähriges Bestehen feierte, ist aus der losen Freundschaft eine offizielle Partnerschaft geworden. »Auf persönlicher Ebene ist so viel möglich. Man muss es nur wollen«, mahnt Heinrich Sauer, wenn er heutzutage von den Konflikten auf der Welt hört. »Es gibt mir ein gutes Gefühl zu wissen, dass der Chorgesang einen kleinen Teil zur Völkerverständigung beigetragen hat«, freut er sich. Unzählige Urlaube führten die Sauers nach Belgien. Die langjährige Freundschaft mit Honori Bentein aus Gistel hat sich längst auf dessen jüngsten Sohn René übertragen.

Mitten in Europa

Zufrieden schaut denn Heinrich Sauer drein, wenn er über die regelmäßigen und längst etablierten Belgierfeste spricht und wenn er in Büdingen an den Ortsschildern die Tafeln mit der Aufschrift »Mitten in Europa« erblickt. Neben Loudéac in Frankreich, Tinely Park in den USA, Bruntál in Tschechien, Sebes in Rumänien und Herzberg in Brandenburg ist dort auch das belgische Gistel aufgeführt - eine Verschwisterung, die Männer wie Heinrich Sauer auf den Weg gebracht haben und an der nicht zuletzt der Chorgesang einen großen Anteil hat.

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