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Das Aufbegehren der Büdinger Jugend: Viele Gründe für einen Neuanfang

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Seit zehn Jahren steht das Hallenbad leer. Nach Ansicht der jungen Leute könnte dort ein Ort entstehen, an dem sich Jugendkultur vollends entfalten kann. © Björn Leo

Junge Menschen kritisieren Politik und Verwaltung harsch. Ihre Argumente: Büdingen hat ein Jugendzentrum am falschen Ort. Die Stadt bietet Jugendarbeit an, die die Zielgruppe nicht erreicht.

Jugendkultur entsteht immer dann, wenn junge Leute gelassen werden. Sie ist nicht per Knopfdruck erhältlich, ist weder das Ergebnis von politischen Beschlüssen noch Ausdruck bürokratischer Strukturen. Es dürfte daher niemanden verwundern, dass die Jugendarbeit in Büdingen in den zurückliegenden Jahren zum wiederholten Mal gescheitert ist. Und zwar nicht, weil sich niemand um sie bemüht hat, sondern weil sie junge Menschen kaum erreicht und an deren Alltag und Vorstellungen vorbeigeht. Das Jugendzentrum im Casa Atrium entpuppte sich als Rohrkrepierer. Der Kinder- und Jugendbeirat bleibt bislang vor allem auch deshalb hinter den Erwartungen zurück, weil junge Menschen von der Gründung und seiner Arbeit lange Zeit überhaupt nichts wussten.

Konzept fürs Hallenbadf

Vor diesem Hintergrund sind die Forderungen von Jugendlichen zu sehen, die sie jetzt Vertretern der Stadt, ihrer Gremien und den politischen Akteuren vorhalten: ein zu gründender Jugendring, der die tatsächlichen Bedürfnisse und Wünsche junger Menschen weiterträgt, einen Stellenplan, der im Rathaus genug Raum für qualifiziertes Personal vorsieht, und ein Konzept, wie das seit Jahren leerstehende Hallenbad am Schulzentrum auf dem Dohlberg zu einem Ort werden kann, an dem sich Jugendkultur entfalten kann. Nachdrückliche Unterstützung erhält die Gruppe von Martina Fromm und Yasmin Grein, den sozialpädagogischen Fachkräften der Schule am Dohlberg und des Wolfgang-Ernst-Gymnasiums, sowie von Kathrin Okunowski, einer Lehrerin der Haupt- und Realschule.

Aussage wie ein Dosenöffner

Seit Januar 2012 ist das Hallenbad dicht. Dem maroden Bau erging es in den vergangenen zehn Jahren so, wie vielen markanten Gebäuden und Arealen in Büdingen mit Potenzial: Sinnvollen Ideen folgten langwierige Debatten, verhärtete Fronten (ehemalige Polizeistation, Bruchwiese, Sportzentrum) oder vollendete Tatsachen (alte Militärregierung). So wirkt die Aussage von Emelie Blobel wie ein Dosenöffner. Ein Statement gewiss, das Dilemma und Sehnsüchte junger Menschen auf den Punkt bringt: »Wir wollen laut sein, wir wollen uns ausleben, wir wollen raus dürfen und uns nicht unerwünscht fühlen, wie es im Casa Atrium der Fall ist.« Die 19-jährige aus Büches spricht das aus, was viele Jugendliche denken und die Räume deshalb kaum annehmen. Es kann nicht gutgehen, wenn mitten in einer Wohnsiedlung Jugendliche ein- und ausgehen, Krach machen, zur Bandprobe kommen und vielleicht erst am Abend kreativ sein möchten, wenn Hausbewohner - verständlicherweise - zur Ruhe kommen wollen.

Jungen Menschen in der Pubertät und denen, die gerade ihre Volljährigkeit erlangen, fehlen in Büdingen die Angebote. Wer nicht durch Vereinsarbeit und Sport Sozialisation erfährt, fällt durchs Raster. »Es ist nicht lebenswert für junge Menschen in Büdingen«, sagt denn auch Ben Müller. Der 16-Jährige beschreibt, dass junge Leute auch deshalb kaum Vertrauen zur Politik und zu Institutionen aufbauen, da deren Entscheidungen an der Lebensrealität der Jugend vorbeigehen. »Calbach ist absolut...«, beginnt er einen Satz, bricht ab und schüttelt den Kopf. Es brauche stabile Verbindungen zum Zentrum. »Dörfer, in denen junge Leute leben, müssen dringend mit der Kernstadt vernetzt werden.« Keine Frage: Die Zusammenkunft in der Lorbacher Wolfgang-Konrad-Halle offenbart schonungslos und ehrlich viele Versäumnisse der Vergangenheit. Vor allem das Vertrauen fehlt.

»Safe Space« - ein sicherer Ort

Von einem Jugendring versprechen sich Jugendliche einen sicheren Ort. Wo sie unter sich sind, bei Bedarf jedoch ausgebildetes Personal hinzuziehen können. Wo Probleme und Sorgen gehört, Leidenschaften ausgelebt und Ideen verwirklicht werden können. Emelie Blobel nennt diesen Ort einen »Safe Space« und sieht ihn unter dem Dach eines zu gründenden Jugendrings. Niemand sträubt sich gegen den Kinder- und Jugendbeirat, doch das Treffen macht deutlich, dass sich die Jugendlichen von dem Gremium bislang nicht wirklich gut vertreten fühlen. Jerome Lorenz (13) erzählt, dass an der Schule am Dohlberg, die er besucht, von der Wahl dieses Beirats niemand gewusst habe. Kathrin Okunowski sagt, dass es keinerlei Kontakte zur Schule gibt, den Kinder- und Jugendbeirat kaum jemand kennt. Immer mal wieder, wenn aus den Reihen der Politik versucht wird, Entwicklungen zu relativieren, schießt es aus der Lehrerin heraus: »Sie dürfen sich nicht wundern. Von nix kommt nix. In Büdingen findet seit Jahren keine echte Jugendarbeit statt. Warum sollen sich junge Menschen hier engagieren?«

Dabei offenbart das Treffen noch einmal deutlich, dass es sehr wohl Initiativen gibt, die junge Ideen aufgreifen und entwickeln. »Jugend lebt Kultur« - » Juleku« - etwa, die mit Theater, Musik, Kunst, Begegnung und Integration arbeitet, immer mit dem Anspruch, Bedürfnisse und Unterhaltung junger Leute mit politischer Bildung und Aufklärung zu verknüpfen. Auf diesem Spielfeld bewegt sich auch der Kulturverein »ueber.land«. Beide mögen auf den ersten Blick wenig mit einem kommunalpolitisch verankterten Beirat gemein haben. Dennoch setzen sie sich alle für die Interessen junger Leute ein. Darauf sollte sich aufbauen lassen.

Bereitschaft des Umdenkens

Die Jugendlichen dürfen vor allem die Bereitschaft eines Umdenkens der Politik und Verwaltung registriert haben. »Wir sollten nichts unversucht lassen, damit an den Schulen nicht nur ein Jugend-, sondern auch ein Kulturzentrum entstehen kann«, sagt am Ende Bürgermeister Benjamin Harris, der eine alte CDU-Idee mit Leben füllen und mit einer roten Couch auf die Schulhöfe gehen will. »Wer Vorschläge und Wünsche hat, soll sie vorbringen. Es darf nicht mehr soweit kommen, dass wir uns vorwerfen lassen müssen, Jugendarbeit anzubieten, von der kaum einer was weiß.« Thomas Appel nimmt für die FWG den Ball auf und sagt: »Wenn es gewollt ist, sollten wir alles versuchen, um das Hallenbad um- oder auszubauen.« Bisland forcierte einzig die CDU dieses Ansinnen - politisch jedoch ohne Erfolg.

Als in diesem Zusammenhang die Jahre 2025 und 2026 genannt werden, in denen man frühestens mit Ergebnissen rechen kann, fragt Jerome Lorenz schließlich die Runde: »Warum dauert das in Büdingen alles so viele Jahren, wenn Sie doch wissen, wie wichtig Jugendarbeit ist?« Und Emelie Blobel gibt den Entscheidungsträgern vor dem Hintergrund der Aussagen zum Hallenbad mit auf den Weg: »Wir nehmen Sie beim Wort...«

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