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ZUM NACHDENKEN

Das Christkind kann man nicht verkaufen

  • Vonred Redaktion
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Es ist viele Jahre her, da entdeckten wir in dem Haus, das wir damals bewohnten, unter der Treppe zwei alte, verdreckte Kartons. Darin fanden sich Teile einer alten Krippenlandschaft. Aus Holz gefertigt und hübsch bemalt waren da eine Kirche, Stadtmauern, Gebäude und ein kleines Kripplein. Nachdem wir alles behutsam gereinigt und instand gesetzt hatten, stand sie vor uns:

unsere »neue« Krippe. Niemand wusste, woher sie kam, selbst die Vorbesitzer nicht. Nur ein einziges Püppchen lag in den Kartons, das Jesus darstellen sollte. Offenbar waren weitere Teile in anderen Kartons verloren gegangen - und mit ihnen auch die originalen Figuren. Egal - wir hatten ja ein Jesuspüppchen und das war doch die Hauptsache. Jahre später entdeckten wir in Norditalien im Schaufenster eines Antikladens ein altes, kleines Jesusfigürchen; geschnitzt und fein bemalt und passend zu unserer Krippe. Also fragte ich nach dem Preis. Die Antwort der Verkäuferin höre ich noch heute: Die Frau war aufgeregt und wiederholte immer wieder dasselbe. Erst als sie sich beruhigt hatte und langsamer sprach, verstand ich: »Den Jesus kann man nicht verkaufen. Der Jesus sucht sich seinen Ort!« Und so bekam ich ihn in die Hand gedrückt und geschenkt!

Den Jesus kann man nicht kaufen, der sucht sich seinen Ort! Wie wahr! Und wie viel von der Weihnachtsbotschaft hatte diese Frau in Norditalien verstanden. Gott hat nichts anderes im Sinn als Mensch zu sein. Er will bei uns sein und unter uns. Und er will seinen Ort finden bei uns. Vom schlesischen Dichter Angelus Silesius stammt das Wort: »Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren, und nicht in dir: Du bliebest doch in alle Ewigkeit verloren.« Der ferne Gott kommt uns im Kind ganz nah. Und er will bei uns Wohnung nehmen. Ganz gleich wie unvollständig und beschädigt oder wie hübsch hergerichtet und anzuschauen unser Leben ist.

Schutzlos hat er sich mit Weihnachten in die Hände von uns Menschen begeben. Und nun müssen wir ihn zu den Menschen tragen. Das war die Geste jener Verkäuferin, als sie mir das kleine geschnitzte Christuskind in die Hand drückte und mich auf die Ladentüre verwies. Seitdem liegt das geschnitzte Jesuskind Jahr für Jahr in unserer alten Krippe. Und auch wenn vieles fehlt und wohl verloren gegangen ist - für uns ist sie vollständig. Der Christus hat seinen Ort gefunden. Ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest!

Volkhard Guth ,

Pfarrer und Dekan des evangelischen Dekanats Wetterau

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