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Das Judentum in der Mitte der Gesellschaft

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Von: red Redaktion

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Büdingen (red). Einen Einblick in die Lebenssituation der jüdischen Gemeinden erhalten Besucher an diesem Mittwoch, 14. September, im Heuson-Museum. Manfred de Vries, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Bad Nauheims, referiert über dieses hochaktuelle Thema. Beginn des Vortrags, zu dem der Büdinger Geschichtsverein einlädt, ist um 19 Uhr.

Der Holocaust hat dafür gesorgt, dass ganze Familien ausgelöscht wurden. Wenn aber eine ganze Familie nicht überlebt haben, kann sich keiner an diese Menschen erinnern. Keiner spricht für diese jüdischen Menschen am Sterbetag das Kaddisch, denn keiner weiß, dass diese Menschen überhaupt gelebt haben. Auch kennt keiner den Tag, an dem sie ermordet wurden - somit ist Jahrzeit (bezeichnet das rituelle Begängnis des Todestages eines Gläubigen) nicht möglich. »Deswegen sprechen wir an hohen Feiertagen für alle im Holocaust ermordeten jüdische Menschen ein Gebet«, erklärt Manfred de Vries.

Trotzdem ist es wichtig, ein Erinnerungszeichen für diese Menschen zu setzen. Genau das ermöglichen die Stolpersteine - solange bekannt ist, wo diese Menschen gelebt haben. »Vor allem, wenn der legalisierte Raub der Nazis deren Häuser genommen hat. Dann zeigen die Stolpersteine auch den Passanten, dass hier jüdischen Menschen nicht nur ihr Hab und Gut geraubt wurde, sondern auch, in welche Konzentrationslager sie gebracht wurden, um sie dann zu ermorden«, erklärt der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Bad Nauheims. »Dies ist einer der besten Möglichkeiten des Erinnerns.»

Das Wunder von Bad Nauheim

Die jüdische Gemeinde Bad Nauheim (Wetterau und Usinger Land) zeigt den Weg, wie eine vernichtete Gemeinde wieder in der Mitte der Gesellschaft ankommen kann. Noch vor dem Ende des Kriegs fanden jüdische GIs eine intakte Synagoge - das Wunder von Bad Nauheim. Sie wurde sofort mit allem ausgestattet, was für einen Gottesdienst benötigt wird. Dort fand der erste Gottesdienst in Deutschland in einer Synagoge nach der Schoa statt. Die Gemeinde wurde orthodox geführt und bis 1990 war es eine Sommergemeinde für viele Überlebende, die zur Kur kamen. Ab 1990 kamen jüdische Menschen aus der Sowjetunion und es wurde eine normale, ganzjährige Einheitsgemeinde. Die Kurgäste blieben aus, dafür konnte ein normales jüdisches Leben in der Wetterau etabliert werden. Die Orthodoxie hat genauso ihren Platz wie die Liberalität. Jedes jüdische Mitglied soll sich in der Gemeinde wohlfühlen.

»Die jüdische Gemeinde in Bad Nauheim ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen, aber leider erlebt sie auch Antisemitismus. Dieser kommt von Seiten der moslemischen Bevölkerung, von rechtsextremen Gruppierungen und Israel-Hass von Seiten der Linksorientierten«, sagt Manfred de Vries. Aus diesem Grund wird die Synagoge zu einem Sicherheitstrakt hochgerüstet. Alle Gottesdienste werden von der Polizei bewacht. »Es ist bestürzend, dass dies notwendig geworden ist.«

Im Zuge der Veranstaltung im Sitzungssaal des Historischen Rathauses wird Manfred de Vries Fragen beantworten und freut sich auf eine lehhafte Diskussion zum Judentum in der Mitte der Gesellschaft. Der Eintritt ist frei.

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