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Der Alltag macht Pause: Dilsemer Määrt vertreibt Kummer und Sorgen

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leo_maeaert4_300822_4c © Björn Leo

Der Dilsemer Määrt bleibt das beliebteste Büdinger Volksfest. Pandemie, Krieg, explodierende Preise und Existenzängste rücken vier Tage lang zumindest für das Gros der Besucher in den Hintergrund.

Hat wirklich irgendjemand daran gezweifelt, dass der Dilsemer Määrt nicht mehr richtig in Fahrt kommen könnte? Es dauert keine Minute, bis die ersten Gäste des Frühschoppens auf den Kerbbänken stehen und »Anton aus Tirol« feiern. Die Partyband Hessentaler sorgt dafür, dass im Festzelt die Betriebstemperatur direkt nach oben schnellt. Die Team von Klaus Weingärtner gleicht einem Wespenschwarm. Körbchenweise werden die Schoppen verteilt. Auf dem T-Shirt einer Servicekraft steht »Heute betreutes Trinken« - es scheint so, als hätten sie den Alltag in die Seeme geworfen und kurz vor dem Määrt den Aus-Schalter für die Pandemie gefunden. Der 239. Düdelsheimer Markt ist nach zwei Jahren coronabedingter Pause ganz sicher ein besonderer. Wer gekommen ist, hat Kummer und Sorgen schnell vergessen.

Viele Vereine und Firmen

Für Büdingens Bürgermeister Benjamin Harris (CDU) ist es deshalb am späten Vormittag ein leichtes Unterfangen, als Echo auf sein lautstarkes »Zicke zacke, zicke zacke« ein fulminantes »Hoi, hoi, hoi« zu bekommen. So sind es denn auch nicht die üblichen Lokalpromis aus Politik und Wirtschaft, die den meisten Beifall erhalten, als Harris die Damen und Herren vorstellt, sondern die heimischen Vereine sowie eine Reihe von Firmen, die mit ihrer Belegschaft den Vormittag auf dem Määrt verbringen. Stellvertretend sei der Düdelsheimer Fußballclub genannt: Mit gelb-schwarzen Shirts und entsprechenden Sonnenbrillen lassen die Männer wissen: »Der Phoenix hat keine Bremse, denn unser Puffpapa heißt Andi.« Der Sommerhit »Layla« lässt schön grüßen. Und damit keine falschen Vorstellungen aufkommen: Debatten über Anstand, Moral, über Sexismus und über die Grenzen des guten Geschmacks mögen anderswo geführt werden - das alkoholgeschwängerte Festzelt ist dafür der falsche Ort.

»Die Menschen wollen feiern, das erlebe ich jede Woche«, sagt Klaus Weingärtner. Der Hanauer ist zum vierten Mal Festwirt in Düdelsheim. »Verbote und Bevormundung haben die Leute satt. Wer etwas über Systemrelevanz wissen möchte, sollte mal zu uns ins Zelt kommen«, sagt der 44-Jährige, der die Branche aus dem Effeff kennt. Gewiss sei es keine einfache Zeit für die Schaustellerei, die Marktbeschicker und die Gastronomie ganz besonders. Dennoch klingt bei Klaus Weingärtner die Erleichterung durch: Der Markt-Freitag mit 1600 zahlenden Besuchern sei gut gewesen, der Samstag sogar sehr gut. Da seien es über längere Zeit etwa 2000 Gäste im Zelt gewesen. Er freue sich jetzt schon auf 2023, die Zusammenarbeit mit der Stadt und den Veranwortlichen aus Düdelsheim sei hervorragend.

Sitzt das Geld noch so locker?

Sitzt das Geld der Leute noch so locker wie früher, als es noch keine Pandemie und vor allem noch keinen Krieg gab? »Natürlich haben viele Menschen Angst vor der Zukunft. Denken Sie nur an die Gasumlage. Aber sie lechzen regelrecht danach, mal wieder richtig zu feiern. Dafür geben sie dann auch gerne ihr Geld aus.«

Ihm, dem Festwirt, und der Stadt als Veranstalterin mit Marktmeister René Rau an der Spitze ist viel daran gelegen, die Qualität des Volksfestes entsprechend hoch zu halten. Beide schwärmen von den Kapellen und der Technik im Zelt, heben den Service und das angepasste Konzept hervor. Zeltmiete und Personalkosten sind um 30 Prozent gestiegen, so Weingärtner. Gewiss habe man am Freitag zum Discoabend mit »Buffalo & Wallace« erstmals Eintritt verlangt (fünf Euro), andererseits seien die Bierpreise konstant geblieben (2,50 Euro für 0,25 Liter).

Das Leben im Hier und Jetzt

Derweil stimmen die Hessentaler einen Hit der Spider Murphy Gang an. Klatschen, Schunkeln und bierseeliger Gesang wechseln sich ab. Wer sich unterhalten will, ist fehl am Platz. Freunde liegen sich in den Armen, an der Theke prosten sich Arbeitskollegen zu, vor der Bühne macht sich eine Gruppe Mädels zum Selfie fertig. Schnell noch mal die Haare gerichtet und die Lippen nachgezogen - Augenblicke später landet das Foto im Netz. So funktioniert es, das sorglose Leben im Hier und Jetzt.

Vielleicht sind es die Worte des Düdelsheimer Ortsvorstehers Ramon Franke, die einem in ein paar Monaten in den Ohren klingeln werden. »Legt Euch richtig ins Zeug. Gott weiß, wie lange wir warten müssen, bis wieder Määrt ist.« Für den Moment jedenfalls ist es an manchen Tischen ein bisschen wie am Ballermann. Statt auf heißem Sand läuft man im Zelt zwar auf kernigen Holzdielen - geknallt hat’s am Markt-Montag aber trotzdem ganz schön...

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leo_maeaert3_300822_4c_1 © Björn Leo
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