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Der Hahn ist zurück auf dem Kirchturm von St. Nikolai in Altenstadt

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Christa Haug (li) nutzt ihren 80. Geburtstag, um Spenden für den Hahn zu sammeln. Neben ihr Pfarrer Klaus Willms. © Jürgen W. Niehoff

Mit einer Fahrt durch die Gemeinde wurden zuvor das neu geschmiedete Turmkreuz und der vergoldete Wetterhahn der Öffentlichkeit präsentiert.

Nach sieben Monaten Renovierungsarbeiten am Turm der aus dem frühen 18. Jahrhundert stammenden St. Nikolai-Kirche in Altenstadt wollte die Kirchengemeinde das Ende der Bauzeit auch öffentlich feiern. Deshalb wurde kurzfristig im Gemeindevorstand beschlossen, das neu geschmiedete Turmkreuz und den vergoldeten Wetterhahn erst kurz mit einer Fahrt durch die Gemeinde der Öffentlichkeit zu präsentieren und anschließend nach der Segnung Kreuz und Hahn auf den Kirchturm montieren zu lassen.

An der etwa dreißigminütigen Fahrt durch die Gemeinde gestern nachmittag, gezogen von einem kräftig tuckernden und qualmenden Traktor, nahm nicht nur Pfarrer Klaus Willms teil, sondern er hielt darüber hinaus auch noch den vergoldeten Wetterhahn die ganze Fahrt über mit eiserner Hand fest, damit jeder am Wegesrande den Hahn auch richtig bewundern konnte. »Ich habe noch nie erlebt, dass ein Pfarrer von allen mit so viel Lächeln und Freude empfange wurde«, meinte Willms lachend.

Mahnmal für Aufrichtigkeit

In seiner Rede ging Willms auch auf einige Details rund um die Bauarbeiten an dem Kirchturm ein. Die hätten sich vor allem zu Beginn als durchaus schwierig erwiesen. So habe man beispielsweise Probleme mit der Baugenehmigung gehabt, wodurch der Baubeginn verzögert wurde. Glücklicherweise zu keinen Verzögerungen habe die Entdeckung der Denkmalschützer am Turm geführt. Die hatten nämlich bei den genaueren Untersuchungen herausgefunden, dass die Ostseite des Turms, von dem bisher angenommen wurde, er stamme komplett aus dem 15.Jahrhundert, schon wesentlich älter ist, nämlich aus dem 11. oder 12. Jahrhundert.

Die Sanierung des Turms war lange überfällig und war vor allem aus finanziellen Gründen auf die lange Bank geschoben worden. Willms ging dann auf das Kreuz und den Wetterhahn ein. Ein Kreuz auf einer Kirche sei fast schon eine Selbstverständlichkeit, weil es den Glauben und die Nähe zu Christus symbolisiere. Aber warum ein Wetterhahn und dann noch vergoldet? Hat das nicht mit Aberglaube zu tun? »Nein«, beantwortete Wilms seine Frage selbst. Der Hahn geht auf die berühmte Geschichte im neuen Testament zurück, in der Jesus dem Petrus prophezeit: »Du wirst mich dreimal verleugnen, ehe der Hahn kräht.« Und so ist es bei der Verhaftung von Jesus dann ja auch gekommen. Petrus wird gefragt, ob er zu Jesus gehört und er streitet dies dreimal ab - anschließend soll der Hahn gekräht haben. »An diese Geschichte erinnert der Hahn auf den Kirchtürmen - man könnte ihn also als Mahnmal für Aufrichtigkeit, Gemeinsinn oder Nächstenliebe interpretieren«, erklärte Willms und betonte, dass diese Eigenschaften heutzutage immer mehr in Vergessenheit zu geraten drohten.

Diese Erkenntnis spiegelt sich auch noch in einer anderen Lebensweisheit wieder: wenn jemand sich windet und wie Petrus aus Opportunismus seine Identität verleugnet und man sich nicht auf ihn verlassen kann, sagt der Volksmund: Der dreht sich wie der Hahn im Wind.

1 000 Euro gespendet

Sicherlich habe man in Anbetracht der hohen Kosten für die Turmsanierung im Gemeindevorstand der Kirche auch über die Vergoldung des Hahns diskutiert. Aber nach Ansicht des Pfarrers steht der Hahn für aufrichtiges Verhalten und daran sollen die Menschen beim Blick auf den Kirchturm immer wieder erinnert werden.

Die Diskussion über die Sanierung des Wetterhahns, der übrigens erst seit Ende des Zweiten Weltkrieges den Kirchturm ziert, der alte war Schießübungen im Krieg zum Opfer gefallen, hat die inzwischen pensionierte Pfarrerin Christa Haug auf eine Idee gebracht. Zu ihrem 80. Geburtstag vor Kurzem bat sie ihre Gäste, Geld für den Wetterhahn zu spenden. Und so konnte sie bei der gestrigen Feier einen Spendenscheck über 1 000 Euro überreichen. »Das darf ruhig nachgeahmt werden«, forderte sie gestern die rund 70 Schaulustigen auf. Nachdem Kreuz und Hahn auf dem Dach installiert worden waren, wurde gefeiert. Das Baugerüst wird ab nächster Woche zurückgebaut.

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Vor der Montage auf dem Kirchturmdach wurde der Hahn zunächst durch Altenstadt gefahren, stehend Pfarrer Klaus Willms, daneben sitzend die Gemeindesekretärin Sybille Tscherney. © Jürgen W. Niehoff

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