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Der Löwe mit den dritten Zähnen

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Wer hat schon mal die Möglichkeit, einen Löwen zu reiten? Mit der Mutter, die sich hinter dem Tier versteckt und das Kleine festhält, ist das im Park in Eichelsdorf möglich. Sein Gemüt ist sanft, auch wenn die Zähne anderes vermuten lassen. © pv

Der Löwe sieht proper aus und ein wenig gefährlich aus. Die Skulptur im Eichelsdorfer Park ist voller Symbolkraft und Held der Kinder. Seit Mittwoch residiert das harmlose Raubtier am Spielplatz.

Sein Fell erscheint in sanftem Rot, die mächtige Mähne wirkt wie ein wallender Pelz, der versehentlich mit Stärke behandelt wurde. Das Maul ist aufgerissen, die Zähne sind spitz. Es sind Implantate, wie sich herausstellt. Denn: Fast jeder Betrachter fordert nach kurzer Abschätzung das Tier heraus und legt seine Hand wagemutig zwischen seine Kiefer. Der Löwe bleibt zahm. Doch die vielen Hände in seinen Maul ließen das Gebiss bröckeln. Das Alter forderte zudem seinen Tribut. Auch ein Löwe braucht zuweilen Zahnersatz.

Würdiger Platz im Eichelsdorfer Park

Seit Mittwoch hat das Raubtier aus Buntsandstein wieder einen würdigen Platz im Park. Stolz steht Ortsvorsteher Werner Rau vor dem Tier. Noch ist der Rasen um den Sockel mit rotweißem Band abgesperrt.

Der Löwe kennt einige Ecken in Eichelsdorf. Anfänglich stand er an der zentralen Gedenkstätte im Ort. Ein Kriegerdenkmal erinnerte an die im 1. Weltkrieg Gefallenen.

Als dieser Platz umgestaltet wurde, fand der Löwe einen neuen Standort auf dem Hof der ehemaligen Grundschule. Werner Rau erinnert sich: Eine automatische Pausenklingel gab es nicht, sie musste manuell gedrückt werden. »Da gab es in jeder Pause ein Wettrennen, wer zuerst auf dem Löwen saß.«

Er vermutet, dass schon bestimmt alle Kinder aus Eichelsdorf, von seiner Generation beginnend bis heute, auf dem Rücken des Tieres saßen. Mehrere Hunderte sind es wohl. Die Schule ist heute von der Stadt als Flüchtlingsunterkunft an den Kreis vermietet. Die Ecke, in der der Löwe bis vor Kurzem stand, war wenig herrschaftlich, leicht versteckt neben den Müllcontainern - eine Schmuddelecke. Auch am heutigen Tag liegt viel Abfall neben statt in den großen Behältern.

Wolfgang Bohn, Inhaber des Steinmetzbetriebs Hössl und Bohn, hat den Löwen aufgearbeitet, den Buntsandstein imprägniert, das Gebiss erneuert. Am Mittwoch wurde das Tier im Park aufgestellt, wo früher das Kassenhäuschen für die Minigolf-Anlage stand, ganz in der Nähe des Kinderspielplatzes. Seit fast 60 Jahren gibt es die Spielfläche, am 9. Juli wird gerundet und gefeiert. Nach dem Spielplatz entstand der Park. Die damals gepflanzten mächtigen Eichen und Kastanien zeugen von der Zeit, als das Dorf noch eigenständig war und dank der verarbeitenden Papierindustrie über hohe Gewerbesteuereinnahmen verfügte, von der mancher Ort nur träumen konnte. Die Eichelsdorfer hatten daher keinerlei Interesse, in der Großgemeinde Nidda aufzugehen. Was sie jedoch bekanntlich nicht vereiteln konnten. So wurde Eichelsdorf vor genau 50 Jahren nach allen anderen 17 Stadtteilen zwangseingemeindet.

Begegnungsstätte, die funktioniert

Außer der Kernstadt und Bad Salzhausen hat keiner der Stadtteile einen Park. Der ist auch nach der Gebietsreform geblieben, war eine Zeit lang weniger beachtet und bildet seit zwei Jahren mit seinem außergewöhnlichen Charakter eine Besonderheit. Hier ist Leben drin. Das Terrain hat das, was viele neue, aufwendig geplante und mit Förderprogrammen errichtete Begegnungsstätten gerne hätten: Die Grünanlage zieht sowohl Kinder als auch Ältere wie ein Magnet an.

Beachtliche Portion an Kreativität

An vielen Stellen im Park entdeckt man eine beachtliche Portion Kreativität. Vorbei an dem Löwen führt einer der Wege. Diese sind zugleich Boulebahnen, kleine weiße Markierungen an den Randsteinen zeigen den Anfang und das Ende sowie die Wurflinien an. Auf dem großen Schachbrett liegen Figuren für das Dame-Spiel. Die findet man in keinem Katalog, sind Marke Eigenbau aus verschiedenen farbigen Rohren geschnitten, die die Kinder mit Freude annehmen und sie dazu verleiten, allerlei zu bauen. In den Kisten sind die Schachfiguren, die Martin Stalinski von Martins Fahrschule gespendet hat, versteckt. An den Bäumen stehen noch große bemalte Ostereier von einer Aktion des Ortsbeirats.

Wer die Boulekugeln einige Meter zu weit wirft, wird sie am Pavillon einsammeln können. Der stabile Tisch darin ist ein Unikum, ist in zwei Hälften teilbar, die Bänke sind einklappbar, auch die Regenrinne aus Holz ist selbst konzipiert. Die verbauten Verbundsteine am Pavillon hat die Dorfgemeinschaft im Internet entdeckt, in Schöneck abgebaut und in Eichelsdorf wieder verlegt.

Eichelsdorfer Naturburschen

Selbst die Bäume scheinen sich von dem Ideal gerade gewachsener Parkgewächse zu lösen. Sie sind Eichelsdorfer Naturburschen statt in Form dekorierte Flanierobjekte.

Der namenlose Löwe hat von seinem neuen Standort aus alles Treiben im Blick. »Es war für uns wichtig, ihn zu retten. Da hängen wahnsinnig viele Erinnerungen daran«, sagt Werner Rau.

Kaum, dass die Skulptur am Mittwoch gestanden hatte, saßen auch schon zwei Kinder auf seinem Rücken, berichtet er. Der Kreis schließt sich.

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