1. Startseite
  2. Region
  3. Wetteraukreis

Die Gedanken weitergeben

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Myriam Lenz

Kommentare

ORTENBERG - Musik hat ihre eigene Sprache. In diesem Fall ist es Jiddisch. „Shtil, die nakht iz oysgeshternt“ klingt aus dem Klassenraum E 11 der Gesamtschule Konradsdorf – still, die Nacht ist voller Sterne. Die Musik scheint den Raum mit Melancholie zu füllen. Das „Ortenberg Klezmorim“, bestehend aus sechs Schülern und dem Lehrer Dr. Stefan Balzter, probt.

Jakob Engfeld tüftelt gerade daran, wie er seinem E-Bass, der bei einem traditionellen Klezmer-Orchester eigentlich ein Kontrabass sein sollte, mehr Dramatik herauslockt. Hannah Berghofer spielt die Querflöte, Dennis Hentzel sorgt auf dem Cajon für die Percussion. Joachim Kern spielt wie Hannah Querflöte, Dirk Hunstock die E-Gitarre. Wenn Morris Vath das Tenorhorn spielt, klingt es, als würde das Instrument in die Weite hallen. Die jungen Leute und ihr Lehrer spielen Klezmer. Es ist die Musik der mittel- und osteuropäischen Juden.

Das Lied „Shtil, die nakht iz oysgeshternt“ stammt aus dem Jahr 1944. Hirsch Glik hat es geschrieben. Es handelt von den Juden Witke Kempner und Itzik Matskewitsch. Die Partisanen organisierten im Ghetto Wilna 1942 einen Angriff auf die SS und verhinderten eine Waffenlieferung. Witke Kempner fand dabei den Tod.

Warum Klezmer und nicht Punkrock oder Blues? „Klezmer ist etwas Anderes“, sagt Joachim Kern. Als Dr. Stefan Balzter vor zwei Jahren in der Aula diese Musik vorgestellt hatte, hatten ihn die Lieder mitgenommen. Klezmer klingt auch schmissig, findet Jakob. Das Beschwingte liegt vielleicht an dem „Ahavo Rabo“. Dieser phrygisch-dominante Modus spielt auch im Flamenco und in der Musik der Sinti und Roma eine Rolle. Des Weiteren gibt es den Modus „Mi sheberakh“. Diese Tonleiter ähnelt dem dorischen Modus, einem der wichtigsten Modi der Musik des Mittelalters. Jakob hat mit seinem E-Bass bereits viele Stilrichtungen ausprobiert, Punk, Blues, „so alle Standardmusikarten, an denen man sich abarbeitet“. Klezmer sei etwas Exotisches, gebe ihm neue Impulse, berichtet er. Außerdem mag er den jiddischen Humor. Morris bricht eine Lanze für diese Volksmusik. Die sei mit vielen Vorurteilen belastet. Seit er im Klezmer-Orchester spielt und singt, weiß er, dass es sich auch um coole Musik handelt.

Es ist eine Musik voller Gegensätze. Es gibt viele Lieder mit Rhythmus und fröhlicher Melodie, die so eindringlich wirken, dass man sich augenblicklich in einem Strudel zu verlieren glaubt. „Und dann hat es trotzdem eine traurige Nachricht im Lied“, erklärt Jakob. Die jungen Leute greifen zu ihren Instrumenten und stimmen eines ihrer Lieblingslieder an: „Trink, bruder, trink oys“, ein jiddisches Trinklied. In der ersten Strophe heißt es: „Trink, Bruder, trink das Glas bis zum Boden aus, dann wirst du frisch und munter werden, fröhlich und gesund.“ Dann der Refrain: „Prost, Bruder, trink ein bisschen Wein! Das vertreibt die Melancholie, jede Sorge, jeden Schmerz.“ Nachdenklichkeit und Schwung scheinen ebenfalls zwei Brüder zu sein. Die Schüler singen jiddisch, ein Mischmasch aus dem Mittelhochdeutschen, mit hebräischen Bestandteilen und vielen Lehnwörter, beispielsweise aus dem Russischen und Polnischen. Da im 19. und 20. Jahrhundert viele Juden nach Amerika flohen, entstand ein jiddisch-englischer Sprachmix. „Wenn man das zwei bis dreimal gesungen hat, fällt es einem gar nicht mehr schwer“, meint Dennis.

Beim Singen der Strophen merke man die Verzweiflung, mit der die Worte niedergeschrieben wurden, bemerkt Joachim. „Es ist etwas Besonderes. Wir wollen die Leute nicht vergessen und ihre Gedanken und Worte an die nächste Generation weitergeben.“ Jakob hakt ein: „Wir geben dieses Kulturgut wieder, auch wenn es nicht unsere Kultur ist. Wir zeigen damit, dass wir offen sind.“ Idioten, die dumme Kommentare abgeben, gebe es überall. Jakob nimmt das nicht so ernst: „Die Leute denken nicht darüber nach.“

Auch interessant

Kommentare