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Die Kunst des Sensens

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Lebenslanges Lernen: Gerhard Dönges will mit 85 Jahren endlich mal wissen, wie man eine Wiese mit der Sense richtig mäht. © Corinna Willführ

Das Naturbewusstsein in der Gesellschaft steigt. Dazu passt, dass der Sensen-Kurs, den der NABU Ortenberg am Haus an den Salzwiesen bei Selters anbietet, ausgebucht ist. Wer mit der Sense richtig umgeht, tut der Natur, aber auch sich selbst etwas Gutes.

Mit der Sense eine Wiese zu mähen, ist eine Kunst für sich. »Ich mache bei dem Kurs mit, weil ich das von der Pike auf lernen will«, sagt Gerhard Dönges. Der Bleichenbacher hat schon mal eine »Sense, die ich mir gekauft hatte, verschlissen, weil ich keine Ahnung hatte, wie man richtig mit ihr umgeht«. Auf seinem Grundstück nahe des Friedhofs ist zurzeit ein Mähroboter im Einsatz. »Ich will aber mal sehen, was ich noch per Hand machen kann.« Spricht’s und schwingt mit seinen 85 Jahren konzentriert die Sense immer im Halbkreis, kappt mit sicheren Bewegungen die mehr als hüfthoch stehenden Gräser auf einem Teilstück des NABU-Geländes am Haus an den Salzwiesen in Selters.

So funktioniert das Dengeln

Fünf Männer und sechs Frauen tun es dem Bleichenbacher gleich. Um 6.30 Uhr haben sie sich Sonntag - frühmorgens liegt noch der Tau der Nacht auf den Gräsern - für die ersten Versuche in der Praxis getroffen. Eine grundlegende theoretische Vorbereitung mit dem Kursleiter, Diplom-Agraringenieur Dr. Ulrich Hampl, gab es bereits tags zuvor. Insbesondere zum Dengeln, worunter »die Kunst, eine Sichel oder Sense zu schärfen« zu verstehen ist. Für den Start in die Praxis muss man noch mehr wissen: Wie die Sense richtig auf die Körpergröße einzustellen, wie sie zu halten und zu führen ist. Dazu auch, warum es einen Wetzstein braucht, und wieso dieser immer mal wieder nass gemacht werden muss.

Caroline Weil hat nach ihrem ersten »Probelauf« auf dem Gelände festgestellt, dass sie den Führungsgriff am Stiel nachjustieren muss. Er war zu niedrig. Das wäre für sie unnötig beschwerlich und für ihren Rücken nicht gut gewesen. Die 36-Jährige arbeitet als Gärtnerin im Solawi-Projekt in Wölfersheim.

»Zu Hause in Ober-Mörlen haben mein Mann und ich fünf Streuobstwiesen zwischen 600 und 800 Quadratmetern Größe im Naturschutzgebiet Magerrasen gepachtet. Durch das Mähen per Hand und Sense wollen wir Schäden an den Bäumen, wie wir sie schon durch eine maschinelle Mahd festgestellt haben, verhindern.« Ihr neu erworbenes Wissen will sie auch in den Aufbau eines Solawi-Projekts in ihrem Heimatort einbringen.

Während fast geräuschlos das Dutzend Sensen Stück für Stück - per Bewegung ist es nur gut die Breite des Sensen-Blattes, in der Halme und Stängel gekürzt werden - über das Gelände gleitet, sind direkt am Info-Zentrum gleichmäßige Schläge auf Metall zu hören. Mit Hammer und Amboss wird gedengelt, um dem Sensenblatt die nötige Schärfe zu verleihen. »Ich bin in Bayern aufgewachsen, war von der Arbeit auf den Wiesen fasziniert und wollte es selbst unbedingt lernen«, sagt Ulrich Hampl. Seine Ausbildung in diesem Spezialgebiet hat er in Österreich gemacht. Das große Interesse - der NABU-Kurs war ausgebucht - erklärt er damit, »dass das Naturbewusstsein der Menschen gestiegen ist. Die Teilnehmer wollen ihr Gelände, gerade auch in Streuobstwiesen, ohne Lärm und Benzingestank pflegen.«

Der Duft der frischen Mahd

Wer gelernt hat, wie es richtig geht, der kann sich und der Natur Gutes tun: durch die Bewegung und den Duft der frischen Mahd dem Körper, durch die sich stetig wiederholenden, fast meditativen Abläufe des Sensens der psychischen Ausgeglichenheit. Und der Natur mit einer »sanften Pflege« zu ihrer Erneuerung. Die lässt sich auch schon beim heimischen Rasen anwenden. »Vom kleinsten Eck bis zwei Meter Mähbreite. Schneller als sie glauben. Von gemütlich bis sportlich.« Damit wirbt der Sensenverein Deutschland.

Maria und Bernd Vielsmeier, die den Kurs des NABU Ortenberg organisiert haben, fühlen sich durch die große Nachfrage bestätigt, nach zwei Jahren Corona-Zwangspause künftig wieder jährlich einmal das Weiterbildungsangebot am Haus an den Salzwiesen zu machen. Wer sich zuvor entschließt, eine Sense zu kaufen, kann sich über die Angebote im Internet kundig machen. Gerhard Dönges: »Für mich ist es eine der alten mit Holzstiel, die sind doch viel schöner als die aus Metall.«

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