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Die Lindheimer Hexen-Familie

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Von: Judith Seipel

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Die »Pinselweiber« - Maria Pinsel, Lucia Pinsel und Franziska Finger (v. l.) - in ihrem Element. Mit Stimmungsliedern bringen sie die Lindheimer Narrhalla in Bewegung. © pv

Hexen-Vorsitzende Franziska Finger und ihre Mutter Lucia Pinsel sprechen über ihren Spaß am närrischen Treiben, den Karneval als »Männerding« und die Geborgenheit im Verein.

Die »Pinselweiber« stehen unter Strom. Sie stecken mitten in der Kampagne. »Ich krieg 30 Sprachnachrichten am Tag«, sagt Franziska Finger, geborene Pinsel, und legt ihr Smartphone zur Seite. Sie sitzt am Tisch in ihrer Küche, vor sich den Laptop, und schneidet gerade das musikalische Intro und den Countdown für die beiden Fremdensitzungen der Lindheimer Hexen. Finger ist Vorsitzende der Hexen und ausgebildete Mediengestalterin für Bild und Ton, was ihr so manchen kreativen Job rund um den närrischen Jahreshöhepunkt erleichtert.

In der kleinen Küche des Fachwerkhauses im Ortskern von Lindheim laufen die Fäden des 210 Mitglieder starken Faschingsvereins zusammen und die Organisatorinnen auf Hochtouren. Trotzdem finden Franziska Finger und ihre Mutter Lucia Pinsel, eine Hexe der ersten Stunde, Zeit für ein Gespräch über die gemeinsame Passion: den Fasching, und ihren Verein, den beide »Familie« nennen.

Zu den »Pinselweibern« gehört noch Schwester und Tochter Maria Pinsel, aber die ist verhindert. Zu dritt singen sie bei den Hexen-Sitzungen Stimmungslieder. Daneben hat jede Pinsel-Frau mindestens noch einen weiteren Auftritt. Die umtriebige Franziska bringt es sogar auf fünf: »Ich hab halt immer viele Ideen«. Fester Programmpunkt schon seit zehn Jahren: die Büttenrede zusammen mit Mutter Lucia.

Muss sich eine Büttenrede eigentlich immer reimen?

Franziska Finger: Bei uns reimt sich überhaupt nichts. Es fällt mir zwar nicht schwer, zu reimen, aber zu unseren Auftritten passt das nicht. Wenn ich mit meiner Mutter auf der Bühne stehe, dann ist das mehr ein Zwiegespräch. Dafür sammeln wir das ganze Jahr über Ideen, manchmal auch Witze und witzige Illustrationen, aus denen wir Geschichten entwickeln. Wir können super gut miteinander agieren und spielen uns die Bälle zu. Wir können das aus dem Effeff. Vor Jahren habe ich mal eine gereimte Büttenrede gehalten, die war einfach Mist. Aber das habe ich erst beim Auftritt gemerkt.

Lucia Pinsel: Klassische Büttenreden kommen beim Publikum schon seit einiger Zeit nicht mehr so gut an. In unserer schnelllebigen Zeit ist die Aufmerksamkeit dafür wohl abhandengekommen. Es ist schwierig, die Leute über einen längeren Zeitraum bei der Stange zu halten. Zehn Minuten, länger darf so ein Wortbeitrag nicht sein. Und er muss ziemlich am Anfang des Programms stehen.

Schreiben Sie Ihre Texte immer selbst?

Franziska Finger: Meine Mutter und ich schon, das passiert übers Jahr so »im Flow«. Das funktioniert richtig gut, weil wir das schon lange so handhaben. Grundsätzlich aber ist es allen Hexen-Mitgliedern selbst überlassen, wie sie das machen. Ich finde Texte von Dritten nicht so gut. Ich mag den persönlichen Touch.

Haben Sie Regeln für Ihren Faschingsauftritt?

Lucia Pinsel: Man darf das Publikum nicht beleidigen und man darf es nicht mit langen Reden überstrapazieren. Außerdem sollte eine Fastnachtssitzung spätestens um Mitternacht enden. Alles, was darüber hinaus geht, ist zu lang.

Frau Pinsel, Sie sind Fraktionsvorsitzende der FWG in der Altenstädter Gemeindevertretung. Welche Rolle spielt Politik, wenn sie in die Bütt steigen?

Lucia Pinsel: Allenfalls eine untergeordnete Rolle. Unsere Lindheimer Fassenacht ist eher unpolitisch. Klar, wir haben auch schon mal Themen wie Mülltrennung oder die Elterntaxis zum Kindergarten aufgegriffen. Mehr Politik ist aber nicht.

Franziska Finger: Zurzeit könnte man mit politischen Themen Abende füllen. Aber wir mussten feststellen, dass das unserem Lindheimer Publikum nicht liegt. Das Fastnachts-Urgestein Karl Oertl ist bei uns mal als Protokoller aufgetreten und hat das kommunale Geschehen aufs Korn genommen. Zur zweiten Sitzung eine Woche später stand er dann wieder als Vogelsberger Bauer auf der Bühne, weil der einfach besser ankam.

Lucia Pinsel: Vielleicht greifen wir nächstes Jahr mal das Gendern auf.

Wie halten Sie es mit der »Political Correctness«? Verkleidungen bedienen ja oft Stereotype. Steht der Spaß über allem?

Franziska Finger: Es gibt Dinge, die gehen natürlich nicht mehr: schwarz gekleidet und angemalt im Baströckchen zu tanzen, zum Beispiel. Aber wir haben einen orientalischen Tanz im Programm. Das Lied »Layla« stünde bei uns auch nicht auf dem Index. Der Spaß steht nicht über allem, aber er darf auch nicht verloren gehen.

Wenn man bei Google die Worte »Fasching« und »ernste Angelegenheit« angibt, findet man dazu 143 000 Einträge. Sie wirken heiter und gelöst und gehen auch die Vorbereitung mit Humor an. Wie kommt’s?

Franziska Finger: Vielleicht, weil wir so eine Art gallisches Dorf sind und hier in Lindheim unser Ding machen: alles aus einer Hand, alles selbst auf die Beine gestellt. In diesem Jahr kommt tatsächlich das komplette Programm aus den eigenen Reihen. Das ist einfach schön, auch wenn es mal nicht rund läuft. Im Gegensatz zu einer Karnevalshochburg wie Köln haben wir keine Tradition, die wir pflegen müssen. Wir feiern und haben Spaß. Das macht es aus. Auch viele Vereine in der Region sind ganz anders aufgestellt als wir.

Liegt es auch daran, dass die Hexen streng genommen ein Frauenverein sind?

Franziska Finger: Es stimmt schon, dass die großen Traditionsvereine mit ihren Würdenträgern und Ordensverleihungen eher so ein Männerding sind. Ich habe das lange Zeit gar nicht wahrgenommen, dass da die Frauen hinter den Kulissen stehen. Muss das so sein? Unser Elferrat ist weiblich und hat mit Eric Walther ein männliches Maskottchen. Aber natürlich haben wir in unseren Reihen auch Männer, die sich auf oder hinter der Bühne einbringen. Wir haben auch ein Männerballett, dort tanzt mein Mann Dennis mit. Jeder und jede kann mittun, wie er oder sie mag.

Zwei Kampagnen sind wegen der Pandemie ausgefallen. Wie haben die Lindheimer Hexen Corona überstanden?

Franziska Finger: Erstaunlich gut, kann man heute sagen. Vergangenes Jahr haben wir mit großem Aufwand eine Online-Sitzung mit allen Aktiven aufgezeichnet. Alle hatten sich ja auf die Sitzungen vorbereitet. Das sollte nicht umsonst gewesen sein. Und so haben wir Beitrag für Beitrag aufgenommen und waren jeweils unser eigenes Publikum. Dafür brauchte es enormen technischen und auch hygienischen Aufwand, aber das hat die Hexen zusammengeschweißt und allen gutgetan. Mehr als 200 Faschingsboxen, quasi die Eintrittskarte für die Online-Sitzung, haben wir gepackt und verschickt. Das war ein schöner Erfolg.

Und jetzt läuft »Lindem Helau!« wieder auf vollen Touren?

Lucia Pinsel: Die Karten für die beiden Fremdensitzungen waren ruckzuck verkauft. Und beim Kinderfasching Ende Januar wurden wir regelrecht überrannt. Wir mussten das Bürgerhaus dichtmachen und konnten gar nicht alle Menschen reinlassen. Das tat uns sehr leid, musste aber sein. Viele Faschingsveranstaltungen für Kinder in der Region finden halt nicht mehr statt.

Wenn Sie die Lindheimer Hexen beschreiben: Was macht Ihren Verein aus?

Franziska Finger: Ich mag die Stimmung in unserem Verein. Die Hexen, das ist Familie. Man fühlt sich geborgen. Alle kennen sich ewig und können gut miteinander, über Generationen hinweg. Unsere Leute stemmen das ganze Programm alleine. Am Ende liegen sich alle in den Armen und sind stolz auf sich. Das ist schon cool. Wenn es während der Kampagne stressig wird, hört man ab und zu den Satz: »Mir reicht’s, ich hör auf!« Aber sobald der letzte Ton der letzten Sitzung verklungen ist, sagen die ersten bereits: »Ich hab da schon eine Idee fürs nächste Jahr …«

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Wuppen Familie und Lindheimer Hexen und spielen sich die Bälle zu: Lucia Pinsel (l). und ihre Tochter Franziska Finger. © pv

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