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Die »Mutter« und der »gute Stern«

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Begnadete Erzählerin: Sabine Mannel in der Rolle von Gutle Rothschild. © pv

Schotten (sw). Wieder erwies sich das Vogelsberger Heimatmuseum als idealer Veranstaltungsort: Die begnadete Erzählerin Sabine Mannel von der Kulturothek Frankfurt zog ihre 35 Zuhörer mit einer beeindruckenden Geschichtsstunde in ihren Bann. Stilecht im Kostüm brillierte sie als 94-jährige Mutter (Gutle) Rothschild (1753-1849). Sie war die reichste Frau ihrer Zeit und Stammmutter des legendären Bankhauses Rothschild.

Gutle Rothschild - bescheiden auftretend als »nur eine Mutter« - begann ihren Zeitzeugenbericht in ihrem typischen Frankfurter Dialekt mit dem Jahr 1845 und berichtete, sie sei gerade unterwegs von Kassel zurück nach Frankfurt in ihr Haus in »de Judegass«, das sie trotz vielfacher Aufforderung ihrer Söhne niemals verlassen werde, damit »der gute Stern« weiter über ihrer Familie stehe.

Ihre Familie habe anfangs, wie alle Frankfurter Juden, Wohnpflicht in der Judengasse gehabt. Diese reichte von der Konstabler Wache bis zum Main und war mit 200 Wohnhäusern eng bebaut. Dort lebten überwiegend arme Juden, die keine Bürgerrechte hatten, quasi Eigentum des Frankfurter Rats waren und für ihren Schutz auch noch bezahlen mussten.

Ausführlich und farbig erzählte sie von ihrem Leben als geborene Schappes, die mit 17 Jahren an den neun Jahre älteren Mayer Amschel Rothschild verheiratet wird mit der unfassbar hohen Mitgift von 2400 Gulden und dessen Nachname sich von dem Haus seiner Vorfahren »Zum Roten Schild« herleitet. Detailliert ging sie im Weiteren auf die hochspannende Familien- und sehr erfolgreiche Firmengeschichte der Rothschilds ein. So zum Beispiel, dass sie bis nach der Geburt ihrer ersten sechs Kinder im Haus »Zur Hinteren Pfanne« alle gemeinsam in einem Zimmer von 15 Quadratmetern leben mussten, bis es ihnen gelang, ihr späteres Wohnhaus »Zum Grünen Stern« zu erwerben. Das war zwar größer und hatte »emm eichene Brunne« und einen Comptoir (Büro), war im Vergleich zu den Bürgerhäusern außerhalb der Judengasse aber immer noch klein. Insgesamt sei sie in ihrem langen Leben 30 Jahre schwanger gewesen, habe 20 Kinder geboren, wobei jedoch nur fünf Buben und fünf Mädchen überlebt hätten.

Das Haus konnten sie sich leisten, weil Mayer Amschel Rothschild (1744-1812) mit Münzhandel, Geldverleih und Geldwechsel, fürstlicher Vermögensverwaltung und -beratung zu einem reichen Bankier aufstieg, der den fürstlichen Ehrentitel »Hoffaktor« tragen durfte, den er mit fürstlichem Wappen versehen über seiner Haustür anbrachte.

Erfinder des Versandhandels

Er erfand den Versandhandel, indem er seine Münzen in einem in Leder gebundenen Katalog abbildete und diesen europaweit verschickte. Die bestellten Münzen wurden zur Ansicht versandt und konnten bei Nichtgefallen auch wieder zurückgegeben werden. Dieses Geschäftsmodell war sehr erfolgreich.

Damals gab es auch immer wieder Kriege in Europa. Mit Kriegen, so Gutle Rothschild, ließ sich das meiste Geld verdienen. Dabei habe die Firma Rothschild - beispielsweise durch Geldgeschäfte mit den jeweiligen Kriegsherren, europäischen Fürstenhäusern und dem Kaiser von Österreich - auch politischen Einfluss ausgeübt. Erleichtert wurde das durch die Söhne, die überall in Europa Niederlassungen gründeten: Nathan in England, wo er zuerst vor allem Tuche aus Manchester nach Deutschland einführte, die von der Armee gebraucht wurden und die besser und auch billiger waren als deutsches Tuch, bevor er dann in das Bankgeschäft einstieg. Salomon gründete die Rothschild-Bank in Österreich, Calmann die in Neapel und schließlich Jakob, der Jüngste, die in Paris.

1711 und 1721 sei die Frankfurter Judengasse von französischen Truppen zweimal komplett in Brand gesteckt und 1796 beschossen worden. Da habe es sich bewährt, dass ihr Haus zum Grünen Stern aus Stein gebaut war und deshalb nicht abbrannte. Und außerdem gab es neben dem Keller noch einen geheimen Raum, in dem die Wertsachen und Obligationen versteckt worden waren, die von den Franzosen bei mehrfachen Hausdurchsuchungen nicht gefunden wurden. »Mir hawwe unter Napoleon gelidde unn an ihm verdient«, stellte Gutle Rothschild fest, die ihren Mann um 47 Jahre überlebte.

Familienpolitik sei es gewesen, untereinander zwischen »Kinner unn Kinneskinner«, also zwischen Cousins und Cousinen zu heiraten, damit das Vermögen möglichst in der Familie bleibe. Auch wenn ihr vielfach angeboten worden sei, in eine der fürstlichen Residenzen ihre Nachkommen zu ziehen, für sie gelte: »Isch bleib in de Juddegass.«

Damit die Zuhörer auch einen sinnlichen Eindruck erhielten, hatte sie für die Pause Matzen mit Käse überbacken mitgebracht. Dazu wurde koscherer Wein aus Israel serviert. Für die mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgte Schilderung gab es viel Beifall. Die Veranstaltung wurde gefördert im Rahmen des Bundesprogramms »Demokratie leben«. Die Vorsitzende des Kultur- und Geschichtsvereins, Jutta Kneißel, dankte der Gutle und stellte in Aussicht, dass weitere Veranstaltungen im Museum stattfinden werden.

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