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Die Scham überwinden

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Von: Sabrina Dämon

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In Kursen lernen Erwachsene lesen und schreiben. Doch für viele ist die Hürde, an einem solchen Kurs teilzunehmen, sehr hoch. SYMBOL © Imago Sportfotodienst GmbH

Viele Erwachsene, die nicht lesen und schreiben können, schämen sich dafür. Doch Lesen lernen ist auch in diesem Alter noch machbar. Hilfe und Unterstützung gibt es auch im Wetteraukreis.

Es ist ein Zeichentrick-Video: Ein Mann kommt verärgert in eine Apotheke, knallt eine Medikamentenpackung auf den Tisch und schimpft: »Ihre Hustenbonbons schmecken beschissen.« Der Apotheker guckt erschrocken und sagt: »Aber das sind doch Zäpfchen…« Damit endet der Clip, und eine Stimme sagt: »Kein Scherz: Jeder achte Erwachsene in Deutschland kann nicht gut lesen und schreiben.« Das sind 6,2 Millionen Menschen.

Das Video ist eines von vielen auf dem Youtube-Kanal »Mein Schlüssel zur Welt«. In allen Videos geht es um das Thema lesen und schreiben - mal schmunzelnd, mal nachdenklich. In einem anderen Video zum Beispiel sagt ein Mann: »Als ich meiner Tochter zum ersten Mal ein Buch vorlesen konnte, habe ich mir selbst die größte Freude gemacht.«

Aus Scham sagen: »Brille vergessen«

Dorothee Schätzle erzählt von diesem Youtube-Kanal. Sie ist die Koordinatorin des Grundbildungszentrums Wetterau. Dort werden Kurse angeboten, in denen Erwachsene lesen und schreiben lernen.

Videos wie die von »Mein Schlüssel zur Welt« sollen die Scham abbauen. Denn das ist für viele Menschen, die nicht lesen und schreiben können, das Schlimmste, sagt Schätzle. Viele versuchten Jahrzehntelang, es zu vertuschen - und kämen mehr oder weniger gut damit durch. Etwa wenn es darum geht, einen Patientenfragebogen beim Arzt auszufüllen: »Ich habe meine Brille vergessen«, sagten dann viele. Aber: »Heutzutage funktioniert das nicht mehr gut, in fast jeder Schublade liegt eine Lesebrille«, sagt Schätzle.

Ein Teilnehmer des Lese- und Schreibkurses hat Schätzle seine Geschichte erzählt: Er hatte einen gesicherten Arbeitsplatz, der ihm auch gefallen hat, doch dann stand ein verpflichtendes Fortbildungsseminar an. »Er hat es vorgezogen, zu kündigen, statt sich jemanden anzuvertrauen«, erzählt Schätzle. »Doch solche Einschnitte müssen nicht sein.« Es gebe einige Leselernangebote, nicht nur im Grundbildungszentrum, sondern beispielsweise auch beim Müfaz in Bad Nauheim.

Ein Problem sei allerdings die Hürde, dorthin zu kommen: einerseits aus Scham, andererseits, weil viele Betroffene nicht wüssten, dass es die Angebote gebe (und anders als Menschen, die lesen und schreiben können, auch nicht gezielt danach suchen können, etwa durch eine Internetrecherche). Die meisten Teilnehmer in den Kursen kämen deswegen über Dritte: über das Jobcenter, weil es dort dann doch herausgekommen ist, über Bekannte, über andere Hilfsangebote.

Zudem gebe es mittlerweile niedrigschwellige Angebote: etwa Apps und Lernsoftwares (siehe Info-Kasten).

Die Ursachen, warum jemand nicht lesen und schreiben könne, seien oft komplex. »Es kann eine nicht festgestellte Lese-Rechtschreib-Schwäche sein.« Oder: »Früher waren die Klasssen oft größer« - manche Schüler, die es nicht richtig gelernt hätten, seien untergegangen. Und irgendwie durchgerutscht. »Es gibt nicht die eine Ursache.« Doch: »Wir leben in einem Land, in dem Schriftsprache dazugehört«, sagt Schätzle. Wer damit keine Probleme habe, nehme es nicht wahr, weil lesen und schreiben selbstverständlich erscheint. Und im Alltag wird es ständig gefordert: Formulare ausfüllen, Handy-Nachrichten lesen. Scheinbar einfache Dinge sind nicht möglich - etwa ein Online-Ticket kaufen.

Eine weitere Teilnehmerin des Lese- und Schreib-Kurses, die davor gar nicht lesen und schreiben konnte, sagte kürzlich zu Schätzle: »Vorher war ich blind.« Oft sei sie deswegen auf unfreundliche Menschen gestoßen im Alltag.

Es ist erst einmal ein Berg, den man vor sich hat, wenn man es als Erwachsener lernen möchte, sagt Schätzle: »Aber es ist schaffbar - egal, wie alt jemand ist.«

Neben den Kursen für Menschen, die lesen und schreiben lernen möchten, setzt sich das Grundbildungszentrum dafür ein, für das Thema zu sensibilisieren: damit Menschen, für die es eine Selbstverständlichkeit ist, ein Gefühl dafür bekommen, wie schwer der Alltag ohne Lesekenntnisse ist. Und oft, sagt Schätzle, kommen auch viele nicht auf den Gedanken, ihr Gegenüber könne nicht lesen. Sie würden dann ungeduldig - etwa wenn sie auf ein Formular warteten, das ausgefüllt werden müsse. »Es gibt einen Spruch: Man sieht nur, was man weiß.«

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