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Echzell: Verschwörungstheorie anno 1651 - Neues über Hexenprozesse

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Von: Marc Stephan

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Dr. Jochen Degkwitz (l.) und Reiner Isheim haben sich jahrelang der Forschung zu den Bingenheimer Hexenprozessen gewidmet. © Marc Stephan

Dr. Jochen Degkwitz und Pfarrer Reiner Isheim haben in Bingenheim über »Neues von der Hexe« referiert. Dabei konnten sie 30 Hexenprozesse rekonstruieren und räumten mit falschen Infos auf.

Echzell-Bingenheim (arc). Fast so voll wie an Heiligabend war die evangelische Kirche, als es »Neues von der Hexe« gab. Dabei war die »Hexe von Bingenheim« aus dem bekannten Volksroman von Georg Schäfer tatsächlich nur eine Randerscheinung im Vortrag von Dr. Jochen Degkwitz und Pfarrer Reiner Isheim.

»Die Hexe von Bingenheim« ist eben nur ein Roman, der lediglich sehr grob auf den noch in Echzell vorhandenen Originalakten des Hexenprozesses beruht. Die Liebesgeschichte durfte in einem Roman natürlich nicht fehlen, und auch ein Bösewicht musste her, in diesem Falle der Kommissar Caspari, der gegen den Willen des Landgrafen die Hexenverfolgung vorantrieb.

Das stimmt alles nicht so wirklich, wie Degkwitz und Isheim herausfanden. Vielmehr ging es in ihrem Vortrag um die Hexenprozesse insgesamt und besonders um die in Echzell. Immerhin war es den beiden gelungen, von den knapp 60 Opfern der Verfolgung 30 zu identifizieren und ihre Prozesse nachzuzeichnen.

Hexenprozesse in Echzell: Gegenpol zum Christentum

Zunächst ging es Pfarrer Isheim, der vor 30 Jahren als Vikar in Echzell auf das Thema aufmerksam wurde, darum zu erklären, wie es überhaupt zu den Hexenverfolgungen kommen konnte. Man würde es heute »Verschwörungstheorie« nennen. Besonders der Jurist von Hünefeld, der für den Landgrafen als Hofrat tätig war, sah in den Hexen und Zauberern eine Art Gegenpol zum Christentum. So wie der christliche Glaube für Friede und Liebe stehe, sollte dieser Anti-Glaube für Krieg, Zerstörung und Hass stehen, weshalb man ihn im Namen des Friedens und der Liebe zerstören müsse. So ging man davon aus, dass es für alles im Christentum ein umgekehrtes Gegenstück im Anti-Christentum gäbe, etwa die Anti-Taufe, die Anti-Hochzeit und der Anti-Christ, den es anzubeten galt.

Dass es hierbei nicht zimperlich zuging, war wahrscheinlich auch der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg zuzuschreiben, der 1649 endete; die Hexenprozesse in Bingenheim begannen 1651. Durch marodierende Landsknechte der letzten Jahrzehnte waren die Menschen verroht. So konnte man einem der Protokolle entnehmen, so Isheim, dass einem Verurteilten der Galgen auf die Stirn gebrannt, die Ohren abgeschnitten und an den Galgen genagelt wurden, bevor man ihn des Landes verwies. Dabei war das die Strafe für ein geringeres Vergehen als Hexerei. Von den Opfern dieser Verfolgung wurden in Bingenheim nur zwei lebendig verbrannt, den anderen gestand man einen »leichteren Tod« zu, sie wurden geköpft und ihre Leichen anschließend verbrannt.

Hexenprozesse in Echzell: Mit Falschinformationen aufräumen

Zunächst räumten Degkwitz und Isheim mit einigen Falschinformationen auf. Nämlich war Landgraf Wilhelm Christoph von Hessen-Homburg keineswegs gegen die Hexenverfolgungen, im Gegenteil darf man ihn als treibende Kraft dahinter vermuten, in Homburg wie in Bingenheim.

Im Besonderen wurden die Schicksale von Burg-Geli und ihrem Vater Burg-Heinrich aus Echzell beleuchtet. Vater und Tochter trugen den Nachnamen Stoll und lebten in der Echzeller Burg, weshalb sie diese Dorfnamen erhielten. Sexualität, Schadzauber wie Mäuse- und Rattenmachen oder das Vergiften von Nutztieren waren hierbei immer wieder von Bedeutung. Auffallend war, dass die Opfer wieder und wieder aufgefordert wurden, andere Menschen zu beschuldigen, dieser Anti-Kirche der Hexen und Zauberer anzugehören. Manche nannten in den Verhören bis zu 20 weitere Namen, so gerieten bald auch Bürgermeister und selbst Gerichtsschöffen in Verdacht und wurden verfolgt.

Hexenprozesse in Echzell: Pfarrer bauen Druck auf

Auch Burg-Heinrich wurde stundenlang von Meister Zacher, dem Scharfrichter Zacharias Müller, gefoltert mit Daumen- und Beinschrauben, bis er gestand und weitere Namen nannte. Seine Tochter Burg-Geli wurde ebenfalls verurteilt und hingerichtet. Da das Mädchen zum Zeitpunkt des Urteils erst zwölf Jahre alt war, eine Hinrichtung aber erst ab 14 Jahren erlaubt war, wartete sie noch zweieinhalb Jahre auf ihren Tod durch das Richtschwert. In diesem Zusammenhang erörterte Isheim die Aufgabe seiner damaligen Berufskollegen: In den Folterpausen spendeten die Pfarrer nicht nur Trost, sondern bauten zudem seelischen Druck auf, die Tat zu gestehen und weitere Namen zu nennen.

Info: 30 Prozesse rekonstruiert

Als Vikar war Reiner Isheim vor 30 Jahren bei Pfarrer Heinz Weber in Echzell zur Vorbereitung auf den Pfarrerberuf und erfuhr dort über das Bühnenstück »Die Hexe von Bingenheim« von diesem Thema. Er beschäftigte sich damit, veröffentlichte sogar einen Aufsatz. Schließlich waren zwischenzeitlich andere familiäre und berufliche Dinge wichtiger, und die Unterlagen verschwanden in einer Kiste. Erst als Dr. Jochen Degkwitz, Vorsitzender des Echzeller Heimat- und Geschichtsvereins, sich vor einigen Jahren bei ihm meldete, kramte er die Unterlagen wieder hervor. Seither suchten er und Degkwitz in den Staatsarchiven Wiesbaden, Darmstadt und Frankfurt Urkunden zusammen und rekonstruierten so immerhin 30 von 60 Prozessen in Bingenheim.

Ihre kompletten Forschungsergebnisse sollen in absehbarer Zeit veröffentlicht werden, kündigte Degkwitz an und machte ebenfalls Lust auf einen neuen Vortrag: Bei den Recherchen zu den hiesigen Hexenprozessen sei man auf eine echte »Räuberpistole« gestoßen, die sich in Echzell zugetragen habe. Dies wolle man der Öffentlichkeit nicht vorenthalten.

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