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Erinnerung an das Ende des Zweiten Weltkriegs: Als die Amis kamen

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Von: Sabrina Dämon

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Otto Waas ist 1943 nach Echzell gekommen. Seiner Tochter hat er von dem Tag kurz vor Kriegsende erzählt, an dem die Amerikaner nach Echzell kamen. © Nicole Merz

Es ging wie ein Lauffeuer durch den Ort: Die amerikanischen Streitkräfte rücken durchs Feld Richtung Echzell. Otto Waas erinnert sich genau an diesen Tag im Jahr 1945.

Mein Vater Otto Waas kam 1943 mit seinen Eltern und den jüngeren Geschwistern, nachdem sie in Frankfurt am Main »ausgebombt« worden waren, nach Echzell. Die Familie wohnte in einem kleinen Häuschen in der Bäckergasse, unweit der landwirtschaftlichen Hofreite von Otto und Marie Scheuermann.

Mein Vater war 16 Jahre alt und half den Eheleuten Scheuermann, dessen einziger Sohn sich an der Ostfront und später in russischer Kriegsgefangenschaft in einem Lager in Sibirien befand, in der Landwirtschaft.

Eines Tages wurde mein Vater, wie viele andere Jugendliche, in den Volkssturm eingezogen. Der Marschbefehl lautete Büdingen. Doch kurz vor Büdingen wurde das Fahrzeug gestoppt und die Weiterfahrt verweigert. Schließlich landete die »Truppe« in einer Scheune in Wenings. Kurze Zeit später bemerkten die Jugendlichen, dass sich ihre Vorgesetzten, ein Unteroffizier und ein Feldwebel, »abgesetzt« hatten. Die »Kameraden« nahmen ihre Köfferchen und schlugen sich in einem langen Fußmarsch nach Hause durch.

Nur eine Woche danach ging plötzlich wie ein Lauffeuer die Mitteilung durch das Dorf, dass die amerikanischen Streitkräfte über das Feld in Richtung Echzell vorrücken würden. Es herrschte große Angst, weil sich noch eine größere Zahl von Soldaten der Wehrmacht im Ort aufhielt und befürchtet wurde, dass es bei dem Zusammentreffen zu kriegerischen Auseinandersetzungen kommen würde.

Mein Vater schilderte mir dann, dass Otto Scheuermann zu ihm und dem Nachbarjungen Ernst Herzberger, der im Haus Bäckergasse 18 wohnte, kam und sagte: »Auf, ihr Bube, mir müsse die weiß Fahn raushänge - die Amis kommen.«

Sie holten eine Stelze, und Marie Scheuermann musste, wenn auch widerwillig, ein weißes Bettlaken herausrücken. Dann machten sich die drei zunächst auf den Weg zum Kirchendiener, um den Schlüssel der Kirche zu holen. Ohne besondere Vorkommnisse kamen sie an der Kirche an, kletterten in den Kirchturm, und mein Vater nahm die Stelze mit dem Bettlaken und befestigte sie auf der Westseite außerhalb des Kirchturms.

Mein Vater erzählte mir, dass sich schon einige Soldaten der Wehrmacht vor dem Dorf auf dem freien Feld ergeben hätten. Nachdem dann die »Fahne« am Kirchturm zu sehen gewesen sei, wäre auch eine größere Zahl weiterer noch im Ort befindlicher Wehrmacht-Soldaten mit erhobenen Händen auf die Amerikaner zugegangen, um den Weg in die Kriegsgefangenschaft anzutreten.

Dann sind die Amerikaner in Echzell einmarschiert, ohne dass, so mein Vater, auch nur ein einziger Schuss gefallen ist. Damit war zumindest für Echzell der Krieg zu Ende.

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