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Wetterau nach dem Krieg: Wo weder Milch noch Honig fließen

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Von: Dagmar Bertram

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Auch die Ernte spielt in dem Roman »Milch und Honig« eine Rolle: Hier kommt es zu einer Schlüsselszene, die das Leben einiger Menschen verändern wird. © pv

Wer von Gettenau nach Bingenheim fährt und gleich links einbiegt, erreicht bald die Rudolph-Zentgraf-Straße. Sie erinnert an einen früheren Pfarrer, wie dessen Enkel berichtet. Er selbst, Gerhard Roos, lebt längst nicht mehr hier, lässt aber seinen neuen Roman dort spielen.

Wie Gerhard Roos erging es vielen, die Anfang der 1940er Jahre geboren wurden. Vom Krieg selbst hat er kaum etwas mitbekommen, wohl aber von den Auswirkungen in den Jahren danach. In den Jahren der Kindheit, die ein ganzes Leben prägen.

Roos kam 1943 auf die Welt, als zweiter Sohn einer Kinderkrankenschwester und eines Diplom-Ingenieurs. »Die Wirren der Nachkriegszeit habe ich elementar miterlebt«, sagt er. Besonders die Flucht im Juli 1945 aus Anhalt nach Hessen, in die mittlere Wetterau, sei ein tiefer Einschnitt gewesen. Weil sein Vater noch einmal studierte, Evangelische Theologie, »bin ich schließlich als hessisches Dorfpfarrerskind aufgewachsen, fest im Dorfleben verankert«.

»Zehn Jahre meiner Kindheit«

Von dieser Zeit erzählt Roos in seinem neuen Roman: »Milch und Honig: Nachkriegsleben«. Oft seien die Beschreibungen der Zeiten nach den beiden Weltkriegen sehr einseitig: Meist nähmen diese die Situation in den Städten, vordringlich den Großstädten, in den Blick. Das habe ihn angetrieben, den Blickwinkel des oberhessischen ländlichen Bereichs darzustellen, »in dem ich immerhin zehn Jahre meiner Kindheit verbracht habe«.

Sich selbst hat er allerdings nicht in den Mittelpunkt des Buches gerückt, dafür viele andere Charaktere in deren verschiedenen Rollen: Hausfrauen und Ehemänner, Eltern und Kinder, Einheimische und Vertriebene. Stellvertretend für diese bisweilen gegensätzlich scheinenden Menschen, die sich gerade in ihrer Unterschiedlichkeit perfekt ergänzen, sind Erna und Helmut, sie eine Roma, deren Mutter aus Böhmen stammt, er ein Ur-Wetterauer: »Der Jüngling mit der hellen und das Mädchen mit der dunkleren Haut - wie Milch und Honig.«

Nein, mit dem gelobten Land Kanaan, wo Milch und Honig fließen, hat die Wetterau der Nachkriegszeit wenig zu tun, bei aller Fruchtbarkeit des Landes. »Die meisten der dargestellten Vorgänge spielen in Ortschaften am ›Ried‹ und am angrenzenden Braunkohlegebiet«, sagt Roos. Auch wenn Bingenheim nicht namentlich genannt sei, werde dem Kenner des Gebietes bald bewusst, dass der Spielort eben dieses Dorf sei. »Darsteller sind die durch die Weltkriege und deren Folgen entstandenen Rumpf-Familien. Die wirtschaftlichen wie seelischen Nöte und Chancen liefern den sozialen Hintergrund.«

Roos beschreibt den roten Faden des Romans so: »Der Verlust von Familienmitgliedern und die Entdeckung neuer Lebensziele verschieben Generationen, lassen neue Familienkonstellationen entstehen und verändern Perspektiven.« Eine solch neue Familienkonstellation entsteht etwa, als Helmut und Lotte, die jüngere Schwester der inzwischen verstorbenen Erna, zusammen bei der Ernte helfen…

Im Buch spinnt Roos den roten Faden mithilfe eines »Lebensbuchs«, in dem die Protagonisten immer wieder stöbern oder sich auch gegenseitig vorlesen. Hier finden sie Trost und die Gewissheit, dass auch früher schon das Leben stets in Bewegung war.

Schreibsucht im Ruhestand

Für den Wetterauer Leser machen die Ortskenntnisse des Autors die Geschichte(n) noch einmal lesenswerter als ohnehin schon. Obwohl Roos bereits lange nicht mehr hier wohnt. Sein Großvater Rudolph Zentgraf war Pfarrer in Bingenheim, woran noch ein nach ihm benanntes Sträßchen erinnert, danach sein Vater Helmuth Roos, und auch er selbst wurde Pfarrer. Er arbeitete erst als Gemeinde-, dann als Berufsschulpfarrer, war aber nie in der Wetterau aktiv.

Die Zugewandtheit, mit der Roos sich in die unterschiedlichsten Menschen hineinversetzt und sie liebevoll beschreibt, erklärt sich vermutlich nicht nur durch den Beruf des Pfarrers. Gemeinsam mit seiner Frau kümmerte er sich um drei leibliche Kinder, drei Adoptivkinder, sieben Kurzzeitpflegekinder und zwölf Langzeitpflegekinder, von denen sieben schwerbehindert waren. Welch Schicksale, Sorgen und auch Freuden ihr Zuhause wohl gefüllt haben.

Im Ruhestand zog Roos mit seiner Familie an die Nordsee. Als seine Frau schwer krank wurde, begann er, Geschichten zu schreiben. »Inzwischen ist das fast zur Schreibsucht geworden, es sind bereits 14 Manuskripte.« Seit 2020 sind die ersten zu Büchern geworden, die anderen folgen nach und nach. Wer weiß, vielleicht kommt die Wetterau ja noch einmal in einem vor.

INFO: LESUNG IN BINGENHEIM AM 8. SEPTEMBER

Der Roman »Milch und Honig: Nachkriegsleben« (ISBN 978-3-7543-8497-8) von Gerhard Roos hat 198 Seiten und kostet 8,99 Euro. Der Autor wird daraus am Donnerstag, 8. September, um 19 Uhr in der Bingenheimer Kirche lesen, auf Einladung von Kirchengemeinde und Geschichtsverein. Dort wird dann auch ein Büchertisch des Allerleirauh-Ladens aufgebaut sein. Welche Bücher Roos noch geschrieben hat, ist auf seiner Homepage nachzulesen: roos-gerhard-autor.de. Sie alle sind in jeder Buchhandlung zu besorgen und bei allen Online-Buchhändlern bestellbar.

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