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Ein Niddaer und seine große Liebe zum »Owerhessisch«

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Für Wolfgang Eckhardt gehört die Mundart zum traditionellen Kulturgut, das es zu pflegen und zu erhalten gilt. Er könnte sich auf dem Weg zu diesem Ziel auch durchaus Mundartunterricht in der Schule vorstellen, als Ermunterung für die junge Generation. © Martin Ritter

Sie sind schon ein besonderer Menschenschlag - die Oberhessen. Und untrennbar verbunden damit ist die Mundart. Einer, der diesen Traditionsschatz bewahren und pflegen will, ist Wolfgang Eckhardt.

W oas iwes eas e Vuilsberjer kann haas ean kaalt verdraah - ean mieh: Ein echter Vogelsberger kann heiß und kalt vertragen - und eine ganze Menge dazwischen. Owerhesse aus echtem Schrot und Korn tragen stets ihr Herz auf der Zunge. Dieser Menschenschlag ist eben derb, deftig und direkt und offenbart jede Menge Bauernschläue. Die eigene Sprache ist seine Identität und charakterisiert die Landschaft. Und solch ein echter Vuilsberjer und Owerhess ist Wolfgang Eckhardt aus Nidda, 1945 in Schotten geboren, in Unter-Schmitten aufgewachsen und eng mit der Mundart verbunden.

Ohrfeigen fürs Dialekt sprechen

Das Sprechen des Dialekts wurde ihm in der Grundschule verboten und, wie damals üblich, durch Ohrfeigen ausgetrieben. Eckhardt hat sich aber dennoch nicht entmutigen lassen, man kennt ihn als Schötter Nachtwächter, humorvollen Wanderführer und Unterhalter bei diversen Mundartveranstaltungen, in denen er den Oberhessen an und für sich sowie im Besonderen charakterisiert und die des Oberhessischen nicht Mächtigen für seine Sprache begeistert.

Spannend ist die Sprache schon, es gibt so viele unterschiedliche Akzente: zwa - zwu - zwie, alles bedeutet zwei, wird aber in unterschiedlichen Dörfern verwendet und ist doch Owerhessisch. So ist das eben, der Oberhesse spricht fünf Sprachen: Deutsch, Hochdeutsch, durch die Nas’, Owerhessisch und üwer die Leut’. An Selbstbewusstsein mangelt es dem Owerhessen nicht: Mir sei was, mir brauche kaan! Und ganz wichtig: Wer iwes ebbes eas, eas en Owerhess ean heißt Wilhelm ower Karl. Übersetzt könnte man sagen: Wir sind jemand und brauchen niemanden und wer etwas darstellt, der ist ein Oberhesse und heißt Wilhelm oder Karl. Hei eam Vuilsberj eases ¾ Joahr Winter ean ¼ Joahr kaalt. So viel zum Thema Wetter. Hart wie das Klima, hart wie der Basalt, hart wie die Sprache, so sei aach die Mensche, e bissche rauh ean ungehobelt, aber mit weichem Herz: Wann mir gewwe, gewwe mir gern. Awwer mir gewwe nix. So äußert sich die sparsame bis geizige Grundhaltung: Kommese noch em Mittagesse, do konnese vierm Kaffee wearrer haamgieh. Wenn Sie nach dem Mittagessen kommen, brauchen Sie nicht bis zum Kaffee zu bleiben. Mir sei zwar grob, mir sei awer aach so.

Wenn man ihn auf die Mundart anspricht, sprudelt es aus Wolfgang Eckhardt heraus, zahllose Facetten des Idioms spricht er an, kann er mit Beispielen belegen. In Zeiten der Globalisierung und des Internets, der Öffnung nach allen Seiten, der Kommunikation über alle Grenzen, gibt er Fremdsprachen ihren selbstverständlichen Raum, nennt Englisch, Spanisch und in Zukunft auch Chinesisch als Weltsprachen. Aber die Pflege der Muttersprache, des Dialekts, nimmt bei ihm einen wichtigen Platz ein. Der pensionierte Förster handelt gemäß der Forstwirtschaft nach dem eisernen Gesetz des Örtlichen. Das Kleine müsse gepflegt werden, um das Große zu erhalten, und nicht jeder Baum passe neben jeden anderen, hier müsse sorgsam vorgegangen werden, damit die Kultur des Waldes erhalten bleibe.

Pflege des Kulturguts

Ebenso sei es mit der Mundart, das Gesamtbild unserer deutschen Muttersprache dürfe nicht zerstört werden, um die Identität der Nation nicht zu zerstören. Deshalb sei es ihm wichtig, Dialekte zu erhalten. Er sieht das nicht als träumerische Nostalgie, sondern als Pflege des traditionellen Kulturguts.

Damit die Mundart nicht verloren geht, müsse man auch und besonders die jüngere Generation ermuntern, ihre Ortssprache zu benutzen und diese Motivation fördern, beispielsweise durch mundartlichen Unterricht in Schulen, wie es teilweise ja bereits praktiziert werde. Eventuell helfe dabei auch, die alten Dorfnamen wieder aufleben zu lassen, die Müllers, Schmidts oder Schulzes heißen dann vielleicht im Dorf wieder Schubkerrns Anna, Horstehinkels Karl oder die Drehhannese. Wahrscheinlich waren das die Anna mit der Schubkarre, dem Hühnerzüchter Horst ihm sein Sohn Karl oder die Familie, die sehr langsam arbeitete. Einen Sinn muss es nicht ergeben, aber es gibt immer ein Merkmal, das Personen oder Familien charakterisiert.

Eckhardt bedauert auch, dass die Mundart öffentlich eher verpönt ist, er vergleicht es mit Bayern, wo sich niemand wegen seiner Sprachfärbung verbiege. Zum Abschied verwende der Bayer drei Buchstaben für drei verschiedene Sätze: »I G«, »I G A«, »G I A«! Das verstehe jeder. Der Oberhesse sage: »Ich mach’ foat.« Das verstehe auch jeder. Bis auf die Begründung: Eich hu’s uures - Ich habe es satt. Wenn er aufgefordert wird, den Satz »Ich verdanke der Mundart…« fortzusetzen, dann vollendet Wolfgang Eckhardt: »…viel Spaß, viel Freude und meine Identität.«

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