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Einblick in Baugeschichte: Wie tief reichen Büdinger Festungsmauern ins Erdreich?

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Petra Lehmann-Stoll betrachtet die Funde, im Vordergrund die Scherben der Mineralwasserflaschen. © Oliver Potengowski

Der Geschichtsverein ergründet derzeit mit Sondierungsgrabungen an vier Stellen, wie tief die Festungsmauern am Stadtgraben in den Boden reichen. Unterstützung leistet dabei der Bauhof.

Als sie im ausgehenden Mittelalter erbaut wurden, müssen die Festungsmauern an Lohsteg und Gebück deutlich höher vor einem ankommenden Besucher oder Angreifer aufgeragt haben, ist Joachim Cott, der Vorsitzende des Büdinger Geschichtsvereins und Leiter des Heuson-Museums, überzeugt. Als Beleg führt er die Schießscharten am Roten Turm an, die nur knapp über der heutigen Oberfläche liegen. Durch Ablagerungen bei Hochwasser oder starken Regenfällen sei das Bodenniveau im Graben immer höher geworden, vermutet Cott.

»Wenn die Mauer mehr als einen Meter tief gründet, könnte man es freilegen«, skizziert Cott seine Überlegungen, die er auch in die Lenkungsgruppe zur Landesgartenschau eingebracht hat. Damit könnte man den Besuchern der Veranstaltung einen Eindruck vermitteln, wie mächtig und uneinnehmbar die Festung Büdingen im 16. Jahrhundert gewirkt haben muss. Die Mauern abschnittsweise freizulegen, würde dazu einen Einblick in die Baugeschichte der Stadtbefestigung ermöglichen.

Aufbau der Mauer

In dieser Woche nun erkundeten Petra Lehmann-Stoll, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Heuson-Museums, und zwei Mitarbeiter des städtischen Bauhofs, Manuela Adam und Constantin Rother, ob es angesichts des baulichen Zustands, der Statik und des Aufbaus der Mauern sinnvoll ist, sie dauerhaft freizulegen. Joachim Cott beobachtete aufmerksam, wie zunächst mit einem Bagger an vier Stellen Löcher bis möglichst nah an das Fundament der Mauern gegraben wurden. Anschließend reinigten Adam und Rother mit Schaufel und Spaten das Mauerwerk, das teilweise für Jahrhunderte von Erdschichten verborgen gewesen war. Cott dankte neben den Bauhofmitarbeitern insbesondere auch Carsten Schlögel vom Bauamt, der die Sondierungsgrabung unterstützt hat.

Die Ergebnisse sind ebenso überraschend wie uneinheitlich. So stecke der Mauerfuß zwischen dem Großen Bollwerk und dem Jerusalemer Tor nur knapp 30 cm im Boden, berichtet Cott. An der Nordseite der Stadtbefestigung am Gebück reiche die Mauer dagegen zehnmal so tief unter das Bodenniveau. Bei einer Tiefe von 3,10 Meter hörten Rother und Adam zu graben auf, weil die Wände der Grube zu brüchig waren und einzustürzen drohten. Neben dem Grünen Turm oberhalb des Spielplatzes am Lohsteg lässt sich ein Fundament erst etwa 2,20 Meter unterhalb des heutigen Grabenniveaus finden.

»Wenn man das freiputzen würde und trocknen ließe, würde man wahrscheinlich unterschiedliche Schwemmhorizonte finden«, vermutet die studierte Archäologin Petra Lehmann Stoll. Damit könnten die Sondierungsgrabungen auch ein Fenster in die Stadtgeschichte, insbesondere der regelmäßigen Hochwasser, von denen Büdingen heimgesucht wurde, sein. Überrascht ist der Vorsitzende des Geschichtsvereinst, dass sich in dem Aushub aus den vier Gruben relativ wenig Hinterlassenschaften früherer Generationen fanden. Einige wenige Tierknochen, Keramikscherben in sehr kleiner Menge und Stücke von Dachziegeln.

Dennoch sind die Fundstücke alles andere als langweilig und verraten so manches über das Alltagsleben vergangener Jahrhunderte. Auch einzelne Scherben von Mineralwasserflaschen aus Steingut fanden sich neben dem Grünen Turm. Solche Reste waren bereits bei Arbeiten im Roten, Grünen und im Ludwigsturm gefunden worden, berichtet Lehmann-Stoll. Sie ließen sich auf das 18. und 19. Jahrhundert datieren und durch Stempel im Ton einzelnen Abfüllbetrieben zuordnen. Bemerkenswert ist, dass schon vor Jahrhunderten Fachinger Wasser in Büdingen getrunken wurde. Auch fanden sich Flaschen der Seltersquelle im Herzogtum Nassau, mutmaßlich von der Lahn. Aus der Region kamen Flaschen der Quelle aus Schwalheim. Örtlich noch nicht zugeordnet ist eine Ludwigsquelle. Keine Hinweise fanden sich dagegen auf Wasser, das in Büdingen abgefüllt wurde.

Wie steht es um die Statik?

Joachim Cott erklärt, dass jetzt mit Fachleuten geklärt werden müsse, ob die Statik der Mauern beeinträchtigt würde, wenn man sie tiefer freilegt. Dazu müsse vor allem gesichert sein, dass die Mauern, die Jahrhunderte von feuchter Erde umgeben waren, keinen Schaden nehmen, wenn sie in Zukunft frei stehen. Auch die Kosten eines solchen Projekts spielen sicher eine Rolle bei der Entscheidung, ob man es umsetzt.

Harris für Probegrabungen

Büdingens Bürgermeister Benjamin Harris findet es jedenfalls sinnvoll, sich durch die Probegrabungen einen Eindruck zu verschaffen, in welchem Zustand die Mauern sind und ob es schließlich angebracht ist, sie freizulegen. »Wenn es technisch mit vertretbarem Aufwand möglich ist, könnte mit der Freilegung ein weiterer interessanter Einblick in die Geschichte unserer Stadt geschaffen werden«, erklärt er im Gespräch mit dieser Zeitung.

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