1. Startseite
  2. Region
  3. Wetteraukreis

Eine Liga für sich - und andere

Erstellt:

Kommentare

bg_LigaMigrationsberatungHo
Vom Ratsuchenden zum engagierten Büdinger Bürger: Abdallah Osman im Gespräch mit Carmen Hobohm, Migrationsberaterin des DRK-Kreisverbands Büdingen. © Elfriede Maresch

Wer und was genau ist eigentlich die Liga der freien Wohlfahrtspflege im Wetteraukreis? Wir gehen dieser Frage in einer Serie nach. Dabei werden die einzelnen Mitglieder vorgestellt. Den Auftakt macht der DRK-Kreisverband Büdingen.

Seit elf Jahren arbeitet Carmen Hobohm, Diplom-Sozialarbeiterin und Diversity Trainerin, beim DRK-Kreisverband Büdingen, der wie mehrere andere Organisationen Mitglied der Liga der freien Wohlfahrtspflege im Wetteraukreis ist. Hobohm ist für die Beratung erwachsener Migranten zuständig, die vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gefördert wird. »Bei mir im Büro ist die Welt zu Hause«, sagt sie. Darüber hinaus vertritt sie das DRK in der Vorstandsgruppe der Liga der freien Wohlfahrtspflege.

Viel Geduld erforderlich

Es ist die einzige Beratungsstelle für diese Zielgruppe im Ostkreis, im Zuge des Zuwanderungsgesetzes wurde sie 2005 gegründet. Für Jugendliche und junge Erwachsene gibt es den Jugendmigrationsdienst des Internationalen Bundes in Büdingen.

Nicht für alle Anliegen dieses Arbeitstages findet Hobohm eine schnelle Lösung, auch die Verständigung ist nicht immer einfach. Je nach Bedarf werden Dolmetscher eingebunden. Relativ schnell wird einer eritreischen Mutter ein Integrationssprachkurs vermittelt. Eine irakische Familie ist froh, dass sie aus der Gemeinschaftsunterkunft in eine Privatwohnung umziehen konnte. Jetzt geht es um eine Arbeitserlaubnis für den Familienvater und um einen Kontakt zur Ausländerbehörde. Zwischendurch stellt sich die Sozialarbeiterin in einem Sprachkurs vor, erklärt Funktion und Möglichkeiten ihrer Beratungsstelle und lädt bei Bedarf zum Gespräch ein.

Wieder zurück im Büro warten Ratsuchende mit Anliegen, die eine längere Beratung und viel Geduld erfordern. Eine Spätaussiedlerin aus Kasachstan bittet um Unterstützung bei einem Antrag nach dem Bundesvertriebenengesetz, ihre betagten Eltern möchten nun bei der Tochter leben.

Schwieriger, auch deprimierender, ist das Gespräch mit einem Migranten aus Somalia. Von seiner Frau und den zwei Kindern wurde er auf der Flucht getrennt. Die Familie ist in Italien gelandet. Nun geht es um einen Kontakt zur deutschen Botschaft und um einen Antrag für ein Visum zur Familienzusammenführung. Die Sorge um seine Frau und die Kinder belastet den Mann sehr, sie nimmt ihm die Kraft, für sich und seine Familie etwas aufzubauen.

Carmen Hobohm motiviert ihn, den Sprachkurs nicht abzubrechen sowie seine Ziele im Blick zu behalten, und vermittelt Nachhilfe bei einem Ehrenamtlichen. Eine junge Frau aus Afghanistan, die schon lange hier berufstätig ist, fragt nach den Voraussetzungen zur Beantragung einer Niederlassungserlaubnis. Auch das wird in der Beratungsstelle abgeklärt, ebenso wie die Gleichwertigkeitsprüfung eines syrischen Arztes. Die Anerkennung seiner Approbation wird in die Wege geleitet.

Carmen Hobohm: »Es ist wichtig, sich Zeit für die Anliegen der Menschen zu nehmen und gemeinsam Lösungen zu erarbeiten. Das Wissen um formelle Abläufe in unserer Gesellschaft fördert die Selbstständigkeit der Klienten und entlastet sie.« Für sich und alle in diesem Arbeitsfeld Tätigen seien kontinuierliche Weiterbildung sowie institutionelle und ehrenamtliche Netzwerkarbeit unverzichtbar, sagt die Diplom-Sozialarbeiterin. Auch Öffentlichkeitsarbeit sei eine wichtige Aufgabe.

Der Arbeitstag endet erfreulich. Abdallah Osman kommt, um Details für seinen Einsatz während der Interkulturellen Woche in Büdingen mit Carmen Hobohm zu besprechen. Er ist von einem Klienten der Beratungsstelle zu einem engagierten Bürger der Stadt geworden, der auch ehrenamtlich bei DRK-Projekten hilft.

Ein Blick auf seinen Lebenslauf zeigt, wie viel Mühe es kostet, sich in einem neuen Land eine Existenz aufzubauen. Der heute 27-Jährige wurde auf der Insel Chula vor Somalia geboren. Mit Fischfang und einer kleinen Landwirtschaft sorgten die Eltern gut für die vier Kinder und schickten sie zur Schule. Doch als die Somalier die Insel besetzten, zwangen sie die jungen Männer in den Bürgerkrieg.

Von Deutschkursen zum Staatsexamen

Osman flüchtete und kam als 20-Jähriger mit minimalen Deutschkenntnissen und vielen Träumen in eine Gemeinschaftsunterkunft in Büdingen. Eine erste Hilfe gab es durch das Angebot von Gudrun Lamontagne, die vor den eigentlichen Deutschkursen erste Sprachkenntnisse vermittelt. Osman wollte mehr. »Ich brauchte eine richtige Schule«, sagt er. An der Berufsschule schaffte er den qualifizierten Hauptschulabschluss. Weil ihm ältere Menschen am Herzen liegen, entschied er sich nach einem Praktikum in der ambulanten Pflege des DRK für eine Ausbildung als Altenpfleger im Kursana Domizil Büdingen.

Mit den Senioren und den pflegerischen Aufgaben kam er gut zurecht, aber die theoretische Ausbildung in Ortenberg fiel ihm anfangs schwer. Immer wieder mussten ihn Lamontagne und Hobohm ermutigen. Osman erinnert sich: »Im zweiten Lehrjahr bekam ich auch in der Theorie Oberwasser. Es war ein gutes Gefühl: Ja, das ist der richtige Beruf für mich.« Nach dem Staatsexamen wechselte er ins Mathilden-Hospital. Dort ist er auf chirurgischen und internistischen Stationen tätig und ins Monitoring, die Ausbildung des pflegerischen Nachwuchses, eingebunden. Osman hat längst seinen Antrag auf Einbürgerung gestellt.

Carmen Hobohm: »Die meisten Migranten und Migrantinnen wollen sich eine sichere Existenz aufbauen. Es ist Teil des Integrationsdialogs, den zugewanderten Menschen die Teilhabe an unserer Gesellschaft zu ermöglichen. Das ist eine Win-Win-Situation für uns alle. Denn Integration und Diversität zeichnen unsere Zuwanderungsgesellschaft aus.«

INFO:

Der Kreisverband Büdingen des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) bietet eine Vielzahl sozialer Dienste an: stationäre, ambulante und Tagespflege, Rettungsdienst, Essen auf Rädern, Erste-Hilfe-Ausbildung, Kleiderläden in Nidda und Büdingen. Charakteristisch beim DRK ist die Ergänzung der Arbeit durch das Engagement Ehrenamtlicher. So gibt es DRK-Gruppen in Nidda, Gedern, Büdingen, Bleichenbach, Ortenberg und Echzell sowie die Bergwacht Schotten. Diese Ehrenamtlichen sind bei Erste-Hilfe-Einsätzen auf Festen und Großveranstaltungen aktiv und helfen bei den Blutspende-Terminen. Der Ortsverband Bleichenbach stellt sich noch Suchdienstaufgaben, er war etwa bei der Hochwasserhilfe im Ahrtal aktiv. Bei der Bergwacht Schotten kommt noch die Sommer- und Winterrettung im Gelände dazu.

DIE SERIE:

Die Liga der freien Wohlfahrtspflege im Wetteraukreis ist ein Zusammenschluss der regionalen Gruppierungen der Arbeiterwohlfahrt, der Diakonie, der Caritas, des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes und des Deutschen Roten Kreuzes. Im Dachverband, der Liga Hessen, ist noch der Landesverband der jüdischen Gemeinden vertreten. Ob Landes- oder Kreisvereinigung - die Ziele stimmen überein: Die Liga vertritt die Interessen hilfebedürftiger Menschen sowie die Anliegen der Mitgliedsverbände gegenüber der jeweiligen politischen Ebene. In loser Folge wird der Kreis-Anzeiger über die Liga-Mitgliedsverbände in der Wetterau, ihre Aufgaben und einzelne Arbeitsfelder berichten. So bilden sich ein Teil der »sozialen Dienstleistungslandschaft Wetterau«, die Fortentwicklung, mit der auf neue Aufgaben reagiert wird, sowie die gelungenen, aber auch die noch fehlenden Lösungen ab. Deutlich wird auch die Bedeutung der Ehrenamtlichen, nicht als Ersatz für eingesparte Fachleute, sondern als eigenständige, kreative und kritische Arbeitspartner. VON ELFRIEDE MARESCH

Auch interessant

Kommentare