1. Startseite
  2. Region
  3. Wetteraukreis

Eine Siedlung, eine Frau und große Ziele

Erstellt:

Kommentare

_jub_waldsiedlung7_23122_4c
Der erste Eindruck verfestigt sich noch, wenn man weiter durch den Ort fährt: lange, gerade Straßen, viel Verkehr. © Judith Seipel

Weil sie sich für ihren Heimatort Waldsiedlung engagieren wollte, kandidierte die 53-jährige Beate Kreusch für den Ortsbeirat. Nun ist sie Ortsvorsteherin mit zahlreichen Themen auf der Agenda.

Damit habe ich nicht gerechnet«, räumt Beate Kreusch ein. Gleich so eine Herausforderung. Sie wollte sich für ihren Wohnort, die Waldsiedlung, engagieren und kandidierte bei der Kommunalwahl im März auf der Liste der CDU für den Ortsbeirat. Weil die junge Tatjana Cyrulnikov, die vor zwei Jahren nach der unsäglichen Wahl des Rechtsextremen Stefan Jagsch zum Ortsvorsteher und dessen Abwahl in die Bresche gesprungen war, sich wieder mehr um ihr Studium kümmern wollte, wurde die Newcomerin Kreusch zur Ortsvorsteherin gewählt. »Als ich dann von der geplanten Bebauung des Fichter-Geländes erfahren habe, sind bei mir sofort alle Alarmglocken angesprungen«, sagt sie. Auf dem fünfeinhalb Hektar großen Herzstück der Waldsiedlung, zwischen Gewerbegebiet und Wohnbebauung gelegen, will der Projektentwickler Panattoni (nach eigenen Angaben Europas größter Projektentwickler von Industrieimmobilien) Logistikhallen mit einer Gesamtfläche von 30 000 Quadratmetern errichten - die Gegner des Vorhabens erwarten mehrere Hundert Fahrzeugbewegungen pro Tag (diese Zeitung berichtete mehrfach).

Beharrliche Newcomerin

Die neue Ortsvorsteherin machte mobil: in der Waldsiedlung, in der Gemeinde, über die Presse, sie gründete eine Bürgerinitiative und kam inzwischen mit dem Unternehmen in Mannheim ins Gespräch. »In die Sache ist Bewegung gekommen, demnächst werden wohl Gespräche zwischen den politischen Gremien der Gemeinde und Panattoni stattfinden«, berichtet sie. Die Schlacht scheint noch nicht geschlagen.

Beate Kreusch kam vor rund 30 Jahren mit ihrem damaligen Mann in die Waldsiedlung. Aufgewachsen ist sie in der Nähe von Magdeburg. Ein Lehramtsstudium brach sie ab, als sie schwanger wurde. Eine Ausbildung bei der Post folgte, später eine zur Informatik-Kauffrau. Weil ihr Sohn klein war und sie in seiner Nähe bleiben wollte, hat sie in der Waldsiedlung in unterschiedlichen Unternehmen gejobbt. »Ich bin mit dem Rad durch die Waldsiedlung gefahren und habe bei Firmen angeklopft und meine Dienste angeboten. So leicht lasse ich mich nicht abschütteln«, sagt sie. Heute arbeitet Beate Kreusch in Frankfurt bei einer großen deutschen Bank als Projektmanagerin.

»Wenn sich eine Tür schließt, dann öffnen sich neue Türen«, davon ist sie überzeugt. Müßig zu fragen, ob sie sich wegen dieser Erfahrung nicht beirren lässt oder ob sie diese Erfahrung immer wieder macht, weil sie sich eben nicht beirren lässt. Auf jeden Fall hat sie ein großes Vertrauen in die eigene Kraft und in das Leben.

Mit diesem Mut und dieser Beharrlichkeit stieg sie ohne Erfahrung vor knapp einem Jahr in die Politik ein. Ihr zweiter Ehemann, mit dem sie in der Waldsiedlung lebt, ist seit seiner Jugend Mitglied der CDU, ihr Schwiegervater und ihre Mutter sind ebenfalls Christdemokraten. »Für mich gab es nie eine andere Option«, sagt sie. Weil ihr auch die Parteiarbeit am Herzen liegt, engagiert sie sich zudem als Geschäftsführerin der CDU-Fraktion, die seit der Kommunalwahl die Mehrheit in der Altenstädter Gemeindevertretung hat.

Auf der Ortsebene jedoch geht es nicht um Parteipolitik, sondern um die Sache. Im Ortsbeirat, dem neben vier Christdemokraten drei SPD-Mitglieder und zwei Vertreter der NPD angehören, herrsche Einmütigkeit. Bei der Gemeindewahl im März kam die NPD in der Waldsiedlung auf 20,3 Prozent der Wählerstimmen. Die NPD beziehe sie ein, sagt die Ortsvorsteherin, »aber ich gebe ihnen keine Bühne«.

Ein seltsames Gebilde ist diese Waldsiedlung, zweitgrößter Ortsteil der Großgemeinde Altenstadt, halb Gewerbe-, halb Wohngebiet, flächenmäßig größer als die Kerngemeinde. Wer dort nicht arbeitet oder wohnt, fährt kaum hinein in den Ort. Wenn man sich doch einmal in den Straßenfluchten verirrt, findet man nur schwer wieder hinaus. Die langen und geraden, oft engen Straßen werden beherrscht von Lieferfahrzeugen und parkenden und fahrenden Autos. Wenig lädt zum Verweilen ein.

2 600 Einwohner, kein Supermarkt

Die Waldsiedlung ist ein junger Ort. Dort wurzeln keine Familien seit Generationen und halten Traditionen hoch. Man feiert auch keine geschichtsträchtigen Jubiläen wie 150 Jahre Gesangverein oder 100 Jahre Feuerwehr. Das einzige denkmalgeschützte Gebäude ist ein noch immer futuristisch anmutendes Kunststoffhaus aus den 1960er Jahren. Die evangelische Martin-Luther-Kirche stand einst auf dem 25 Kilometer entfernten Heilsberg in Bad Vilbel. Ihre hölzernen Bauteile wurden 1988 in der Herrnstraße wieder zusammengefügt. Für Tradition stehen in der Waldsiedlung der 1968 gegründete Bürgerverein und der Naturschutzring, 1984 gegründet, die wichtigsten Vereine im Ort, die viel für die Lebensqualität getan haben und tun.

Wo heute Wohnhäuser und Gewerbehallen stehen, war vor 100 Jahren ein Wald. In den 1930er Jahren wurde der zum Teil gerodet, um einen Flugplatz für die Wehrmacht anzulegen. Nach dem Krieg wurde damit begonnen, den ehemaligen Fliegerhorst zu besiedeln. Familien aus dem Raum Frankfurt konnten dort Grundstücke zu erschwinglichen Preisen erwerben und ließen sich nieder.

Die günstige Verkehrsanbindung macht die Waldsiedlung auch attraktiv für Firmen. Friedel Münch baute dort seine legendären »Mammut«-Motorräder, namhafte Firmen wie das Familienunternehmen Ille, Marktführer im Bereich Waschraumhygiene, haben ihren Sitz in der Waldsiedlung, auch der Fachgroßhändler Seegers (Gebäude- und Umwelttechnik sowie Sanitär- und Elektrotechnik) und der Kälteanlagenbauer Teko.

Die Siedlung wuchs und wuchs, aber die Infrastruktur des Ortes blieb hinter dieser Entwicklung zurück. Sie ist »fast bei null«, wie Beate Kreusch konstatiert. Heute gibt es für die 2600 Menschen, die inzwischen in der Waldsiedlung leben, weder einen Supermarkt noch einen Arzt. Dabei sind viele Waldsiedler inzwischen in die Jahre gekommen und wären auf eine gute Nahversorgung angewiesen (Ein Viertel der Einwohner ist älter als 60 Jahre). Es gibt ein Dorfgemeinschaftshaus, ein paar Gastronomiebetriebe, eine Back- und Teestube, einen Frisör, einen Zahnarzt und eine Kindertagesstätte.

Chancen dank Dorfentwicklung

Der Josef-Schulmeister-Platz, benannt nach dem ersten Ortsvorsteher der Waldsiedlung und zentral nahe bei der Kirche gelegen, wird als Parkplatz genutzt und soll, so der Wille des Ortsbeirates, ein lebendiger Treffpunkt werden, vielleicht auch ein Festplatz. Die Anschlüsse, so Kreusch, seien seit den 1990er Jahren verlegt, aber nie genutzt worden. Eine Chance, das Vorhaben umzusetzen, bietet das Dorfentwicklungsprogramm des Landes Hessen, in das die Gemeinde Altenstadt 2020 aufgenommen wurde.

Beate Kreusch hat sich viel vorgenommen: etwas für die Jugend tun, Grünanlagen pflegen, die angespannte innerörtliche Verkehrssituation entschärfen, für Ordnung rund um die Müllcontainer sorgen. Und die Menschen miteinander ins Gespräch bringen, Zusammenhalt stärken, Plattformen anbieten, wo etwas entstehen kann. Ein Adventsmarkt sollte so eine Gelegenheit sein. Er fiel, wie so vieles, der Pandemie zum Opfer.

Ihr Engagement gegen die Logistikhallen hat der 53-Jährigen für all das noch keine Zeit gelassen. Bürgermeister Norbert Syguda (SPD) habe lange von den Plänen gewusst, aber weder Gemeindevertretung noch Ortsbeirat beizeiten darüber informiert. »Das hat dem Ortsbeirat Handlungsmöglichkeiten genommen und hindert mich daran, mich um andere wichtige Dinge zu kümmern«, ärgert sie sich.

Könnte der Bau der Logistikhallen abgewendet werden, dann wäre das immerhin der Beweis, »dass man mit Widerstand und Engagement etwas erreichen kann«. Vielleicht, so hofft sie, eine Motivation für andere, sich einzubringen…

Längst hat sich in der Waldsiedlung herumgesprochen, dass die Frau Kreusch sich kümmert. Sie erhält Briefe und E-Mails mit der Bitte um Hilfe. Kein Problem, sagt sie. »Menschen, die Unterstützung brauchen, wenden sich eben an jemanden, von dem sie glauben, dass er ihnen diese Unterstützung geben kann.« Was sie hingegen mitunter auf die Palme bringt, ist die Bürokratie. »Diese Mühlen mahlen viel zu langsam.«

jub_beate-kreusch3_22122_4c_2
»Ich habe nicht erwartet, dass gleich so eine Aufgabe auf mich zukommt.« Beate Kreusch vor dem Fichter-Gelände in der Waldsiedlung. Dass dort auf 30 000 Quadratmetern Logistikhallen gebaut werden, will die verhindern. © Judith Seipel
jub_waldsiedlung3_231221_4c_1
Auf ehemaligen Gewerbeflächen entsteht Wohnraum. © Judith Seipel
jub_waldsiedlung5_231221_4c
Jobbörse Waldsiedlung. Viele Firmen sind auf der Suche. © Jürgen Backöfer
jub_waldsiedlung_231221_4c
Der Josef-Schulmeister-Platz in der Ortsmitte, momentan Parkplatz, soll zu einem Treffpunkt werden. © Judith Seipel
jub_beate-kreusch1_22122_4c_2
Die Waldsiedlung kann ihrem Namen auch Ehre machen. © Judith Seipel

Auch interessant

Kommentare