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Erinnerung an die Salzsiedezeit auffrischen

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Im Unteren Kurpark in Bad Salzhausen stehen einige Veränderungen an. Im Brunnenhaus III entsteht ein Museum en miniature und die Stangenkunst soll wieder angeschlossen werden.

Das Brunnenhaus III im Unteren Kurpark erscheint fast wie ein Wochenendhäuschen im Grünen, das auf seine Besitzer wartet. Den etwas zurückhaltenden Ausdruck könnte man als Understatement interpretieren. Das kleine Fachwerkhaus war eine wichtige Station der historischen Salzgewinnung im heutigen Kurort und gehört zum Komplex Wasserrad, Stangenkunst, Kunstrad und der Quelle III, die in ihm steckt. Der rötlich-gefärbte matschige Boden im Innern lässt einen hohen Eisengehalt des Wassers erahnen.

Übertragung von Kraftquellen

Die Bauten sind äußerst unterschiedlichen Charakters, funktionierten doch Hand in Hand. Es ging, vereinfacht gesagt, um die Übertragung der Kräfte, um das Wasser der Salzquellen aus dem Grund zu pumpen.

Ausgang ist das Wasser des etwas entfernt und höher liegenden Landgrafenteichs oberhalb des Kurparks. Es setzt die Schaufeln des mächtigen Wasserrads in Bewegung. Über eine Kurbel am Rad wird diese Bewegung über die Holzstangen, die wie Balancierbalken in Richtung Brunnenhäuschen führen, verbunden. Im 18. und 19. Jahrhundert, die Hauptzeit des Salzsiedens, begann die Stangenkunst sogar im heutigen Stadtteil Kohden, wo ein großes hölzernes Wasserrad stand. Das Straßenschild Radhausstraße erzählt davon.

Die Bewegung der Rad- und Stangenkonstruktion wird dann über ein Umlenkkreuz, das sogenannte Kunstkreuz, in seiner Richtung im 90 Grad-Winkel verändert und über eine Öffnung in der Mauer ins Brunnenhaus geleitet. Mit der dort ankommenden Bewegung wurde das salzhaltige Wasser aus der Quelle gepumpt und zu den Gradierwerken, es waren sechs an der Zahl, geleitet, in die Dachstühle gepumpt, wo es über das Reisig des Schwarzdorns herunterrieselte. Die Sole wurde konzentriert und gereinigt, bevor sie in Pfannen gesiedet wurde. 1860 war das Ende der Salzgewinnung. Danach drehte sich alles um die Heilkraft der Sole für die Gesundheit. Salz ist in vieler Hinsicht eine Kostbarkeit.

Die Stangenkunst und das Wasserrad in Bad Salzhausen sind nicht mehr verbunden, die historische Pumpe im Brunnenhäuschen steht still, das Brunnenhaus ist sanierungsbedürftig. Von den Gradierwerken gibt es nur noch eines. Ebenso wie das Wasserrad ist es ein imposanter Nachbau und Anziehungspunkt sowie Ruheoase für viele Besucher des Kurparks. Die komplexen Grünanlagen, die auch im Zuge der Landesgartenschau 2027 eine zentrale Rolle einnehmen werden, sollen nun um eine Attraktion bereichert werden.

Das Brunnenhaus III wird restauriert und die Stangenkunst zu Demonstrationszwecken rekonstruiert. Die Stadt Nidda erhält dafür Unterstützung aus dem Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (Efre). Mit 67 500 Euro beteiligt sich die EU an der Umsetzung des Projektes. Schließlich geht es um das kulturelle Erbe des Kurorts.

Ob für Besucher des Kurparks, Erholungssuchende, Schulklassen oder kleinere Kinder - das Thema bietet spannende Aspekte für eine breite Zielgruppe. Da ist das geschichtliche Wissen, sind alte Pläne, die die damalige Infrastruktur im Kurpark mitsamt der ehemals sechs mächtigen Gradierwerke zeigen. Da ist die pure Physik, also die Mechanik und Wirkungsweise der Salzförderung. Es ist das weiße Gold, das den Kurort so prägt.

Das Brunnenhaus soll seine Türen öffnen, dieses Kapitel aufschlagen und mit Schautafeln und Exponaten zum Anfassen wie ein kleines Museum genutzt werden. »Mit der geplanten Maßnahme, die auf dem Masterplan von 2014 fußt, wird ein weiterer touristischer und erlebnispädagogischer Anlaufpunkt geschaffen«, sind sich die Macher sicher. Die Arbeiten am Brunnenhaus III sollen noch in diesem Jahr starten.

Ende April inspizierte eine Expertengruppe das Gebäude. Kirsten Hauer und Friedhelm Krause aus Marburg sind Spezialisten, wenn es um Museumspädagogik insbesondere die Aufarbeitung historischer Sachverhalte, das Dokumentieren sowie Inventarisieren geht. Die Historiker waren bereits in Projekte des Niddaer Heimatmuseums involviert, sind auch als Dozenten für den Hessischen Museumsverband aktiv. Hauer und Krause wären für die Ausarbeitung eines Konzepts prädestiniert.

Vor Ort war auch Volker Schlosser aus Grünberg. Die Stadt hatte ebenfalls zwei Brunnenhäuser saniert. Die Anlagen im Brunnental wurden mit Leader-Mitteln zu einem Bildungs- und Erlebnisort umgestaltet. Dieser geht weit über Informationstafeln hinaus.

Wasserhebetechnik ist erfahrbar

Die wassertechnischen Besonderheiten im dortigen Brunnental werden mit allerlei Finessen vermittelt. Zum Beispiel können die Besucher an einem farbigen Lichtboard per Knopfdruck die historischen Wasserwege von den Pumpwerken im Brunnental bis zu den Brunnen in der Stadt aufleuchten lassen. Mehrere historische Pumpmodelle, die interaktiv zu bedienen sind, machen die physikalischen, hydraulischen und mechanischen Gesetzmäßigkeiten der Wasserhebetechnik erfahrbar. Der Rentner tüftelt in seiner Freizeit an Pumpenrekonstruktionen. Schlosser hat sich angeboten, ein Modell für Bad Salzhausen zu bauen, was dann im Brunnenhaus als Ausstellungsstück zum Einsatz kommen könnte. »Schlosser hat Modelle entwickelt, die man versteht, und die sehr gut veranschaulichen, wie die Kraftübertragung funktioniert«, sagt Kerstin Alt, die in der Stadtverwaltung Nidda für Wirtschaftsförderung, Stadtmarketing, Kur und Touristik zuständig ist.

Schlosser hat die Niddaer zu einem Besuch nach Grünberg eingeladen, um Erfahrungen und Informationen zur Umsetzung preiszugeben. Vereinbart ist, dass in Bad Salzhausen auf Grünberg und umgekehrt verwiesen werden soll. Bad Salzhausen gehört zur Wetterau, Grünberg zu Gießen. Unabhängig der Zugehörigkeit zu zwei verschiedenen Landkreisen wollen sie sich austauschen, denn die Geschichte, die sie zu erzählen haben, ist ähnlich.

Eine moderne Pädagogik zum Anfassen ist auch die Intention für die Ausgestaltung des Brunnenhauses III in Bad Salzhausen. Das könnte, so stößt Kerstin Alt an, auch im Zuge einer sich verändernden Betrachtung der Energieversorgung interessant werden. Denn nicht alles, was alt sei, sei per se zur Seite zu schieben, sondern vielleicht auch zu überdenken: Was hat sich bewährt, welche der Ansätze könnte man vielleicht in die Neuzeit übertragen?

Historische Pumpe ist erhalten

Beim Betreten des Innenraums waren die Gäste überrascht. Die fast quadratische Grundfläche von circa sechs auf sieben Metern bietet doch ausreichend Platz, mehr als von außen vermutet wurde. Die historische Pumpe im Innern ist erhalten, die Mechanik demonstrierbar.

Das Schild der Efre-Förderung, diese macht etwa 50 Prozent der Kosten der Sanierung und der Ausgestaltung als Museum aus, hängt schon an der Türe. Nun werden Angebote eingeholt, dann geht es ans Werk. Kerstin Alt: »Brunnenhaus und Stangenkunst gehören zu den letzten Relikten der Söderzeit. Die wollen wir erhalten und ein Gesamtbild erstellen mit dem, was noch vorhanden ist.« Was noch übrig ist, ist wenig, aber in seiner Bedeutung doch sehr viel.

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