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Erinnerungen: Gegenwelt zu Krieg und Chaos

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In der Grundschule in Ober-Lais wurden Exponate des Senckenbergmuseums gelagert. © Myriam Lenz

Einen wenig bekannten Abschnitt Zeit- und Heimatgeschichte hat Professor Ottfried Dascher beleuchtet. Ober-Lais, das Dorf seiner Kindheit, spielt darin eine bedeutende Rolle.

Dascher, der in Nordrhein-Westfalen lebt, ist immer noch Oberhesse und insbesondere seinem Heimatdorf Ober-Lais verbunden und oft hier. Er berichtet von Ereignissen 1943/44. Die Kriegsjahre zwangen dem Team des Senckenberg-Museums eine logistische und organisatorische Meisterleistung ab. Wegen der drohenden Bombenangriffe auf Frankfurt mussten die Museumsbestände in über 30 Orte im weiteren Umkreis ausgelagert werden, darunter auch nach Ober-Lais und umliegende Orte. Als das Hauptgebäude in Frankfurt schwer getroffen wurde, war das Museum fast leer.

Wilde Tiere aus

allen Kontinenten

Dascher erzählt: »In unserem Dorf waren ein Schulsaal, ein kleinerer und ein großer Wirtshaussaal requiriert worden und mit Objekten des Museums belegt. Wilde Tiere aus allen Kontinenten, ausgestorbene Rassen, natürlich die Saurier und Schränke und Schaukästen ohne Zahl standen dort. Im Dorf gab es die Stabsstelle mit Prof. Mertens, dem ersten Direktor nach 1945, einem international bekannten Wissenschaftler, und bei uns im Haus lebte die Kustodin Frau Dr. Franz, zuständig für Schmetterlinge, Käfer zuständig und die Sektion Entomologie. Für mich, damals acht Jahre alt, war diese - wenn auch tote - Menagerie eine Sensation.«

Zunächst standen jedoch ganz andere Ereignisse im Vordergrund. Es waren Monate, in denen auch für einen kleinen Jungen die Welt aus den Fugen ging. Der Vater vermisst, der fünfzehnjährige Bruder eingezogen, die Schwester mit Notabitur dienstverpflichtet. Der Krieg rückte immer näher, und er bestimmte den Alltag.

Und dann Erfahrungen, die ein Kind heillos überfordern mussten. Als seine Mutter und er einen Nachbarn besuchten, wurde ihnen gerade die Nachricht überbracht, der Sohn sei gefallen. »Der Vater stand auf und ging zur Wand, wo wie in allen Haushalten das Führerbild hing, nahm es ab und zerschmetterte es mit beiden Händen auf dem Boden. Wurde eine Todesnachricht überbracht, erstarb das Leben auf dem Dorf. Die alten Bauern hielten ihre Fuhrwerke an und nahmen ihre Mütze ab. Und hinter jeder Gardine bewegte sich eine alte Frau voller Angst, der Todesbote könne vor ihrem Haus halten. Irgendwann hörte man einen furchtbaren Schrei. Dann war die Botschaft angekommen.«

Eher zufällig berichtete Dr. Franz von seinen Abenteuern mit seinen Freunden im Wald: Dort stünden drei Panzer, und die Jungen seien als Mutprobe bei laufendem Motor unter einem dieser Ungeheuer durchgekrochen, seien vor Angst fast gestorben, nach Aussage der Besatzung jetzt aber zu Werwölfen befördert und mit einem Leberwurstbrot belohnt worden.

Die Frau beschloss, sich um den zunehmend verwilderten, aber begabten Jungen mit zu kümmern. »Ganz behutsam lud sie mich ein, ihr bei ihren Sammlungen zu helfen. Sie saß in einem blütenweißen Kittel an einem kleinen Arbeitstisch, revidierte mit Lupe und Pinzette die gestörten Sammlungen, korrespondierte und schrieb an einem Buch. Ich durfte Kästen herantragen, sie öffnen, die exotischen Falter und Käfer bewundern und abmalen und nach einer Weile wohl als Beschäftigungstherapie Listen von Tieren mit den mir völlig unverständlichen lateinischen Namen anlegen und nach Erdteilen gliedern.«

In einem nächsten Schritt sollte er anhand von großen Folianten die Herkunftsländer lokalisieren, auch feststellen, ob die großen und kleinen Lebewesen schon ausgestorben waren. So ging das über Monate, einen ganzen langen Sommer hin.

Auch nach der Rückverlagerung der Sammlungen nach Frankfurt blieb eine lose Beziehung bestehen. Erst als Erwachsener hatte er verstanden, dass ihm hier eine Gegenwelt zu Krieg und Chaos eröffnet wurde, in der die Stille konzentrierter Arbeit den Alltag bestimmte und er eine ferne Ahnung davon bekam, warum mit dem ihm bis dato unbekannten Wort »Wissenschaft« Leidenschaft und Hingabe verbunden waren.

»Noch heute gehe ich bei Besuchen in Naturmuseen gerne in den sogenannten Insektensaal und erinnere mich mit Dankbarkeit an diese kluge und noble Kustodin, ihre einsame, aber scheinbar heile Welt und ihre mit leichter Hand und zielbewusst betriebene Erziehungsarbeit«, schreibt Dascher.

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