Ernste Zweifel am Tatverdacht

Im Totschlagsprozess Vebronia Tabbo sind die Hauptverdächtigen überraschend aus der Haft entlassen worden. Nun ist auch klar, warum das geschah.

Von Jürgen W. Niehoff

Den Grund nannte der Vorsitzende Richter der ersten Großen Strafkammer, Peter Graßmück: „Es besteht kein hinreichender Tatverdacht mehr, dass nur die beiden Brüder den Tod der 47-Jährigen aus Altenstadt herbeigeführt haben. Wir haben DNA-Spuren von drei Personen. Zwei von ihnen sind bekannt. Die Dritte nicht.“

Die Freilassung der beiden beschuldigten Brüder sei für das Gericht am Freitag aber aus einem anderen Grund zwingend erforderlich geworden: An diesem Tag sei das im Lauf des Verfahrens angeordnete Gutachten der Rechtsmedizin zur Todesursache der Altenstädterin bei Gericht eingegangen. Mit ihm soll geklärt werden, ob das Strangulieren, das dem Erschlagen mit dem Holzknüppel im Wald vorausgegangen war, möglicherweise die alleinige Todesursache sein konnte. Das Gutachten kommt nicht zu dem Ergebnis, dass der Tod bereits zweifelsfrei durch das Würgen erfolgt sei.

Es könnte aber sein, dass Vebronia Tabbo durch das Würgen bereits so schwer verletzt war, dass ihr Weiterleben kaum noch wahrscheinlich gewesen wäre. Wenn aber nicht auszuschließen ist, dass die Todesursache schon durch das Strangulieren belegt worden sei, dann wären die beiden Brüder nicht mehr ursächlich für deren Tod – sondern hätten die sterbende Frau nur noch in den Wald gefahren. Als sie dort beim Ablegen im Todeskampf noch einmal gezuckt habe, könnte dann einer der beiden Brüder möglicherweise die Nerven verloren und mit einem Holzknüppel zugeschlagen haben.

Da die Frau zu diesem Zeitpunkt aber schon tot gewesen sein könnte, es also keine gesicherte und vor allem unumstößliche Beweise für die Herbeiführung des Todes durch die beiden Brüder gibt, mussten sie aus der Untersuchungshaft entlassen werden.

„Das Gericht muss nicht nur zulasten der Beschuldigten ermitteln, sondern auch zu ihren Gunsten. Wir müssen also zu jedem Zeitpunkt der Verhandlung prüfen, ob noch hinreichender Tatverdacht besteht, oder ob nicht eventuell bereits erste Zweifel an der Täterschaft aufgetreten sind“, erklärt Richter Graßmück. Im letzteren Fall müssen die Angeklagten aus der Untersuchungshaft entlassen werden.

Das habe in dem vorliegenden Fall weder etwas mit dem krankheitsbedingten Verteidigerwechsel der Verdächtigen zu tun gehabt. Auch sei kein Haftprüfungstermin von diesem beantragt worden, sondern die Entlassung sei allein aus verfahrensrechtlichen Gründen erfolgt. „Hätte ich die beiden unter diesen Umständen, also nach Eingang des gerichtsmedizinischen Gutachtens bei Gericht, noch länger in Untersuchungshaft behalten, dann hätte ich mich möglicherweise wegen Freiheitsberaubung strafbar gemacht“, sagt der Richter. Sollte das Gutachten Bestand haben, dann könnten an diesem Tag die Beweisaufnahme abgeschlossen und wenige Tage darauf die Plädoyers erfolgen. Für den Urteilsspruch möchte sich Richter Graßmück dann allerdings etwas Zeit lassen, „denn da wird es in der Begründung viel zu erklären geben“.

Wenig Verständnis für die Öffentlichkeitsarbeit der Tochter der Getöteten haben sowohl das Gericht wie auch die Staatsanwaltschaft. Da würden Unwahrheiten und Verdrehungen im Internet veröffentlicht. „Mit der Wahrheit hat das sehr wenig zu tun“, sagen sich die Sprecher beider Einrichtungen.

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