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Markus Kraft-Balkau (l.) und Max Heuchert berichten vom Perspektivwechsel.

Experten für unsichtbare Wunden

Ein Perspektivwechsel ist fast immer eine gute Idee. In zwischenmenschlichen Beziehungen, aber auch im Job. Das dachte sich auch Max Heuchert, Geschäftsführer der Vitos-Klinik in Gießen, als er eine Schicht auf Station 9 »mitlief«. Dort werden Patienten mit schweren Depressionen behandelt. Er erlebte, wie ein multiprofessionelles Team Menschen mit unsichtbaren Wunden unterstützt.

Zwei Menschen in einer akuten Krise wurden stationär aufgenommen. Für einige Patienten auf der Station 9 lief das Wochenende gut, andere erlebten ein unvorhergesehenes Tief. Eine Pflegekraft fiel wegen Krankheit aus. Montags bei der Dienstübergabe wird in der Vitos-Klinik in Gießen das Wochenende besprochen: Gab es Unvorhergesehenes, wie war die Stimmung, gab es Zwischenfälle? Markus Kraft-Balkau ist Pfleger im Psychiatrischen Krankenhaus in der Licher Straße, er hat an diesem Montag einen besonderen Gast: Geschäftsführer Max Heuchert verbringt die Zeit nicht wie üblich an seinem Schreibtisch, sondern auf der Station.

Der Perspektivwechsel, sagt er, solle dazu beitragen, die Arbeitsabläufe besser kennenzulernen und vor Ort zu erleben, wie »der Laden läuft«. Er habe sich davon überzeugen können, wo es bauliche Defizite und Verschönerungspotenzial gebe, er habe gesehen, wie stark die Notwendigkeit zur Dokumentation Zeit binde und an welchen Stellen weitere Digitalisierung den Alltag erleichtern könnte.

Multiprofessionelles Team sorgt für Stolz

Er habe aber auch erlebt, wie ein multiprofessionelles Team aus Pflegekräften, Ärzten, Psycho- und Ergotherapeuten sowie Mitarbeitern des Sozialen Dienstes miteinander kooperiere. »Die ganze Mannschaft ist für Menschen in schweren psychischen Krisen da.« Sie müssen nicht nur ständig ihre Konzepte überdenken und der individuellen Situation der Patienten anpassen, sondern sie müssen auch extrem flexibel sein: In einer Klinik ist nicht alles planbar, und psychische Erkrankungen sind es erst recht nicht.

In der Vitos-Klinik für Psychotherapie und Psychiatrie gibt es derzeit zehn Stationen, deren Teams auf bestimmte Krankheitsbilder spezialisiert sind. Das sind zum Beispiel Depressionen, Sucht- oder Demenzerkrankungen oder auch Borderline-Störungen.

Die Abläufe auf den Stationen sind so ähnlich wie in Krankenhäusern, in denen organische Erkrankungen behandelt werden. Hinzukommt jedoch die Therapie der jeweiligen psychischen Störung. Auf der Station 9 werden 20 bis 25 Patienten mit schweren Depressionen behandelt. Kraft-Balkau ist Pfleger und Qualitätsbeauftragter der Pflege in der Vitos-Klinik und schon lange im Job. Jede Depression, erklärt er, sei anders, zu jedem Patienten benötige man folglich einen anderen Zugang. Es gehe jedoch immer darum, eine Beziehung zu dem Erkrankten herzustellen und im besten Fall Vertrauen aufzubauen. »Nur Menschen können Menschen retten«, sagt er.

Ziel sei es, gemeinsam mit dem Patienten eine Strategie zu entwickeln, wie er mit seinen Krisen umgehen lerne. Es gehe nicht um Heilung, sondern darum, dass der oder die Kranke die Situation akzeptiere und ein Werkzeug in die Hand bekomme, das ihm aus der Situation helfe. Die Klinik stelle für Depressive einen Schonraum dar, in dem sie nicht funktionieren müssten wie draußen in der »richtigen Welt«. Mit Blick darauf, dass es auch ein Leben nach dem stationären Aufenthalt gebe, werde gemeinsam daran gearbeitet, später die erlernten Strategien anwenden zu können.

Kreative »Wächter der Nacht«

Der Dienst auf der Station sei für alle Beteiligten anstrengend und zeitweise belastend, und auch die Vitos-Klinik spüre den Fachkräftemangel deutlich, schildert Kraft-Balkau. Zu seinem Selbstverständnis gehöre es jedoch, die Herausforderungen anzunehmen und Energie aus den positiven Seiten der vielseitigen und anspruchsvollen Arbeit zu ziehen. »Wir sind ja auch Vorbild für unsere Patienten«, sagt er.

Zu den positiven Seiten zählen zum Beispiel die Erfahrungen mit der Wachtherapie. Diese ist seit den 1970er Jahren eine anerkannte Methode, die bei 60 bis 80 Prozent der Menschen mit einer schweren Depression stimmungsaufhellend wirkt. Außerdem kann sie helfen, den häufig gestörten Schlafrhythmus wieder ins Lot zu bringen. Sie wird jedoch nicht häufig angewendet, weil Wachbleiben alleine langfristig nicht hilft. Das Team der Station hat deshalb ein bisher einzigartiges kreatives Konzept erarbeitet, dessen Kern flankierende nächtliche Aktivitäten mit Musik, Bewegung und künstlerischer Gestaltung sind.

Die Erfolge geben den »Wächtern der Nacht« recht, meist profitieren die Patienten vom gezielten »Durchmachen«. Manchmal, schildert Kraft-Balkau, sei die neue Erfahrung der Anfang zu einer Erkenntnis für die Patienten - nämlich der, dass auch ein depressiver Mensch Momente der Freude und des Glücks empfinden kann. »Das können sich unsere Patienten oft gar nicht mehr vorstellen.«

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