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Farbenfrohes »Familien-Fest«

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Von: red Redaktion

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Mit großer Begeisterung betätigen sich auch die Schülerinnen und Schüler künstlerisch. FOTOS: STOLBERG/DÖRING © pv

Ortenberg (red). Am Freitag, 10. Juni, öffnet im Hanauer Bau des Ortenberger Schlosses eine Ausstellung, in der sich Schülerinnen und Schüler der Blindenschule Friedberg mit ihrer Lehrerin Gutta Döring und dem Ortenberger Klaus Busch mit jeweils eigenen Arbeiten und einem gemeinsamen Projekt vorstellen. Was ist der Anlass zu einer derartigen Gemeinschaftspräsentation?

Im September 2021 sah Busch, Hausarzt und Psychotherapeut im Ruhestand und gerade von einem Kunst-Workshop zurückgekehrt, in der evangelischen Kirche in Staden eine künstlerische Arbeit, die ihm schier den Atem verschlug. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe »Kunst in Kirchen«, die alle zwei Jahre stattfindet, hatte die Klasse von Gutta Döring ein sogenanntes »Mosaik« gestaltet. Auf quadratischen Böden mit selbst gezimmerten Holzrahmen hatten sie eingefärbte Kieselsteine aufgesetzt. Diese monochromen Quadrate in bunten Farben lagen schachbrettartig auf dem Boden der Kirche. Die klassizistische Kirche mit ihrer mehr als gewöhnungsbedürftigen Formsprache und in Erdfarben ausgemalt konnte nur ein Kunstwerk präsentieren, das sich darin behauptete und in eine faszinierende Konkurrenz zum Innenraum trat. Und tatsächlich ist in Staden in zweifacher Hinsicht eine unglaubliche Integration geglückt: Die farbigen Quadrate fügten sich in den Kirchenraum ein, und die Kirche wurde Teil des Kunstwerks. Sofort wusste Busch, dass er mit den Künstlerinnen und Künstlern gemeinsam eine Ausstellung machen würde. Kurze Zeit später war der Kontakt über Gutta Döring geknüpft.

Arbeit mit Sprühfarben

Busch beschäftigt sich seit Langem mit diversen Geistern: denen aus dem Familienalbum, denen, welchen Altäre errichtet werden, denen, die uns beschützen und denen, die uns bedrohlich erscheinen, Geistern aus dem Anatomie-Atlas und Geistern, die in Notizzetteln, To-do-Listen oder Blutdruckkurven wohnen. Als Medien wählt er überwiegend »arme Materialien«, wie Abtönfarben, Packpapier, Zettel und Verpackungsmaterial. Dazu Keramik im Raku-Verfahren und große Kohlezeichnungen, unfixiert und vergänglich.

Neben der unmittelbaren Erfahrung des Mosaiks in der Kirche waren auch diese Ähnlichkeiten in der Materialität eine starke Verbindung. Als im Gemeinschaftswerk aller Beteiligten - lackierte Pappkartons, die stillebenartig versammelt sind - die Sprühfarbe ausging, musste die Praktikantin der Klasse rasch im Baumarkt Nachschub besorgen. Keiner der Beteiligten hatte zuvor mit Sprühfarben hantiert, sodass aus dem Atelier auf dem Schulhof sogleich Labor, Think-Tank und Experimentierfeld wurde.

Wenn das Sehvermögen eingeschränkt ist bis hin zur Blindheit, ist das für die Entfaltung einer künstlerischen Haltung kein Hindernis. Umso mehr sind Pioniergeist, Wagemut und das Überwinden eigener Grenzen gefragt. Eine völlig entfesselte Schülerin bearbeitete mit zwei Sprühflaschen gleichzeitig - schwarz und weiß - Kartons und schuf damit abstrakte, an Marmor erinnernde Graffiti. Einer der Schüler bemerkte beim sehr sorgfältig dichten Farbauftrag, dass es lange dauert, bis überschüssige Farbe, die herabtropft, getrocknet ist. Danach wurde der Farbauftrag dünner und transparenter. Sein Kumpel ist der klassische Einzelkämpfer, während andere sich eher gegenseitig unterstützen.

Verschiedene Deutungen

Die Beurteilung des Mosaiks reichte von »jeder einzelne Teil ist ein Kunstwerk für sich« ´bis zu »alle Teile zusammen ergeben ein großes Kunstwerk. Es ist so groß wie zwei Türen nebeneinander«. Die Jugendlichen arbeiteten viele Monate an diesem Kunstwerk.

Ach ja, und wie es zum Ausstellungs-Titel »Familien-Fest« kam, ist allen Beteiligten selbst nicht so klar. Plötzlich war der Titel da. Aus dem gemeinsamen Projekt auf dem Schulhof wurde in kürzester Zeit ein Familienfest.

Die Vernissage im Hanauer Bau des Ortenberger Schlosses (ehemaliger Kuhstall) beginnt am 10. Juni um 18 Uhr. Vom 11. bis 19. Juni ist die Ausstellung täglich von 15 Uhr bis 18 Uhr geöffnet. Parkmöglichkeiten gibt es in der Ortenberger Altstadt nicht, dafür am Friedhof vor dem Obertor oder auf dem Marktplatz am Bürgerhaus. Die Ausstellung wird unterstützt vom Kulturkreis Altes Rathaus Ortenberg und der Johann-Peter-Schäfer-Schule Friedberg.

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Klaus Busch freut sich auf die gemeinsame Ausstellung. © pv

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