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Fleisch - Lust oder Frust?

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Von: Klaus Nissen

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Sie sind Veganer, Vegetarier, Pescetarier, lieben Steaks aus der Theke oder Wild aus dem Wald. Der Kreis-Anzeiger und das Gymnasium Nidda luden junge Leute ein, um über die Frage zu diskutieren: Wie ernähren wir uns morgen? Welche Notwendigkeit sehen sie, den eigenen Fleischkonsum zu reduzieren und welchen Weg sind sie gegangen?

Fast alle wissen es: Wir essen zu viel Fleisch. Die Massentierhaltung ist nicht artgerecht. Sie verbraucht zu viel Wasser, zu viel Land und Futterpflanzen. Broccoli und Co sind zudem gesünder.

Warum ändern wir unser Verhalten nicht und werden Veganer oder Vegetarier? Oder wenigstens Flexitarier, die weniger und bewusster Fleischprodukte zu sich nehmen? Die Politik vermochte es nicht, eine industrielle Fleischproduktion zu verhindern. Doch die Jugend begehrt auf. Werden sie sich in den nächsten Jahrzehnte gesünder ernähren?

Myriam Lenz, Redakteurin des Kreis-Anzeigers, und Lisa Hinkel, Lehrerin am Gymnasium Nidda, hatten zur Diskussion eingeladen und 13 Fragen vorbereitet. Fünf junge Leute saßen am Mittwoch im Bürgerhaus auf dem Podium, begleitet von etwa 20 Klassensprechern und Mitgliedern der Schülervertretung des Gymnasiums Nidda.

Pro Nase rund 60 Kilo Fleisch im Jahr

Sie schilderten, wie sie den Fleisch-Wahn der Deutschen wahrnehmen und wie sie persönlich dazu stehen. Die zweite Seite zum Thema beleuchtet die Alternativen: Mehr Wild essen? Oder mehr Ersatzprodukte? Oder besser gar nichts, das an Wurst, Steaks und Frikadellen erinnert?

Kevin Fischer, 22 Jahre, aus Unter-Schmitten studiert Foodmanagement in Heilbronn. Seine Familie betreibt in Nidda eine Metzgerei mit mehreren Filialen. Er kennt die Prozesse. »Bei uns werden etwa zehn Tiere pro Woche geschlachtet. Sie bleiben zusammen im Vorraum und werden dann einzeln geschnappt und schnell getötet. Die Gruppe bekommt nichts mit. In den großen Schlachthöfen sind es andere Abläufe und es bleibt dieser Respekt vor den Tieren auf der Strecke«, sagt Kevin Fischer. Er hilft in seiner Freizeit in der Metzgerei aus. Der Betrieb hat mittlerweile auch vegetarische Spieße im Sortiment.

Fleisch beherrscht die Speisekarten

Fleischprodukte sind allgegenwärtig. Sie beherrschen in den meisten Restaurants die Speisekarte. »Die Menschen essen heutzutage sehr oft auswärts. Und es muss dabei einfach und schnell zugehen«, sagt Kevin Fischer. Das sei das Erfolgsrezept von Döner- und Currybuden sowie Schnellrestaurants.

»Wir schwärmen vom Rippchen mit Kraut. Ist das Fleisch-Essen ein Stück Kultur?«, fragt Lehrerin Lisa Hinkel. Viele im Podium nicken. Auch Noah Becker. Der 18-Jährige hält diese Kultur aber für heruntergekommen. »Heute holen wir uns dieses Fleisch von irgendwo her und kümmern uns nicht drum, ob das Tier aus irgendeiner Sch...-Haltung oder Sch...-Schlachtung stammt.«

Fabian Schuh, der im Publikum sitzt, führt den Gedanken weiter. »Ich esse sehr viel Fleisch«, bekennt der 18-Jährige. »Und wenn es schnell gehen muss, nehme ich auch billiges Fleisch. Ich muss mir an die eigene Nase fassen und mir vornehmen, mich nicht mehr aus den Kühltruhen der Discounter zu versorgen.«

Hinzu komme, dass sich wirklich jeder ohne großes Training einen Hackfleisch-Burger oder ein Schnitzel braten kann. »Die meisten Leute haben ja keine Ahnung, wie man kocht«, findet Noah Becker. Für die sei es schwer, frische Sachen herzustellen. »Als ich bei einem Koch-Treffen mit einem Freund anfing, Gemüse zu schneiden, war das für ihn erst mal weltfremd.« Carolin Fischer, die Vegetarierin ist, widerspricht. Vegetarisch zu kochen, sei einfach, wenn auch zu Beginn ungewohnt. Und viele vegetarische Produkte seien mittlerweile wirklich gut. Doch man müsse die Marken kennen.

Jedes Schnitzel war auch mal ein Schwein. »Müsste den Verbrauchern mehr vor Augen gehalten werden, was Töten bedeutet?«, fragt Moderatorin Myriam Lenz. »Ich kann Wurst im Supermarkt bequem einkaufen und sehe im Produkt keinen Bezug zum Herstellungsprozess«, beschreibt Kevin Fischer. Das findet auch Noah Becker. Er isst gern Fleisch, bekennt aber: »Wir sind viel zu verwöhnt. Wir verdrängen, was mit den Tieren passiert. Wir essen Hähnchen aus Ländern, in denen auf die Haltungsbedingungen überhaupt nichts gegeben wird.« Früher habe man selber die Hühner und Schweine gehalten und geschlachtet. »Aber jetzt wollen wir damit nichts mehr zu tun haben. Wer hält denn noch Hühner in seinem Garten? Das Tier ist dreckig. Damit wollen wir nichts zu tun haben.«

Diese Einschätzungen untermauern die im »Fleischatlas 2021« der Heinrich-Böll-Stiftung veröffentlichten Daten zu unseren Ernährungsgewohnheiten. Die Deutschen leisten sich den Luxus, pro Jahr und Kopf 60 Kilo Fleisch zu verzehren. Aber nur die feinsten Teile. Laut Datensammlung landen in Deutschland jährlich gewaltige Mengen im Müll. Sie entsprechen dem Gewicht von 640 000 Schweinen und 50 000 Rindern.

All das lässt die jungen Menschen in der Niddaer Diskussionsrunde nicht kalt. Die meisten von ihnen bezeichnen sich als Flexitarier, die sich bemühen, möglichst vegetarisch zu leben. Aber wenn es bei den Eltern leckeres Gulasch gibt oder beim Grilltreffen mit Freunden marinierte Steaks aufgelegt werden - dann verweigert man sich nicht. Niemand hat damit ein Problem. Weil seine Freundin Vegetarierin sei, esse er immer weniger Wurst und Schnitzel, bekennt Kevin Fischer. Das werde auch von seinen Eltern - den Metzgerei-Betreibern in Unter-Schmitten - ganz selbstverständlich akzeptiert.

Eine Veggie-Wurst auf der Kerb

Auch Noah Becker würde auf der Eichelsdorfer Kerb am Wochenende mal ein Veggie-Würstchen probieren, wenn es sie denn gäbe. Die 17-jährige Ella Weidmann weicht lieber auf Fisch aus. Das mache sie schon seit drei Jahren, weil sie Fleisch von Vierbeinern eklig finde. Meeresfrüchte übrigens auch. Und weil immer mehr Menschen die fleischlose Ernährung nicht komplett durchhalten, aber immer wieder anstreben, geht der Fleischverbrauch in Deutschland allmählich zurück. Der Absatz von Fleischersatzprodukten dagegen wächst. Im ersten Quartal 2019 wurden davon 14 700 Tonnen in Deutschland produziert, ein Jahr danach schon 20 000 Tonnen. Es gibt viele alternative Produkte und Ernährungsweisen. Was die jungen Leute dabei wichtig finden, steht auf Seite 25.

Grafik: Fleischatlas 2021 | Bartz/Stockmar (M) CC-BY-4.0

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