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Foodsharing in der Wetterau: Verteilen statt wegwerfen

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Von: Sabrina Dämon

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In deutschen Privathaushalten landen rund 75 Kilogramm Lebensmittel pro Kopf und Jahr im Müll. Die Initiative Foodsharing will dem entgegenwirken. SYMBOL © Imago Sportfotodienst GmbH

Die Initiative Foodsharing versucht, der Verschwendung von Lebensmitteln entgegenzuwirken. Henrike Duda hat eine Gruppe für den Bezirk Friedberg-Büdingen gegründet.

An manchen Tagen ist Henrike Dudas Kofferraum voller Backwaren. Manchmal sind es fünf Brote, manchmal zehn. An anderen Tagen ist es fast nur Kuchen. Dann wieder sind es nur Brötchen. »Die Menge schwankt sehr«, sagt die 29-Jährige. Sie fährt regelmäßig abends nach Ladenschluss zu Bäckereien, um die Waren abzuholen, die nicht verkauft worden sind - und eigentlich im Müll landen würden. Seit einiger Zeit ist auch eine Wetterauer Bäckerei dabei.

Mit den Taschen voller Essen fährt Duda nach Hause oder zu Freunden und Familie, verteilt die Brote, Kuchen und Brötchen.

Seit vergangenem Jahr ist die Steinfurtherin bei Food- sharing aktiv. Die Initiative gibt es in ganz Deutschland, zurzeit vor allem in Städten. Nun hat Duda eine Gruppe für den Bezirk Friedberg-Büdingen gegründet.

Das Ziel von Foodsharing ist es, weniger Lebensmittel zu verschwenden. Das Prinzip ist recht einfach: Lebensmittelbetriebe, die mitmachen (Supermärkte, Bäckereien, Cafés…) geben ihre übrig geblieben Waren nach Ladenschluss an die sogenannten Foodsaver, die zur Abholung vorbeikommen. Die können sie dann im privaten Umfeld verteilen oder selbst behalten. Einzige Bedingung: Wer Essen abholt, verpflichtet sich dazu, es kostenlos weiterzugeben - also nicht zu verkaufen.

Dabei gehe es nicht darum, den Tafeln Konkurrenz zu machen, sagt Duda. Das sei ein Einwand, den sie gelegentlich höre. »Foodsharing agiert nicht für Bedürftige, sondern gegen Verschwendung«, sagt sie. »Wir holen das, was die Tafel nicht holt.« Sei es aus hygienischen Gründen, etwa belegte Brötchen oder Torten, oder aus zeitlichen, da die Tafeln nicht täglich Lebensmittel abholten.

Mitmachen kann jeder - sowohl Foodsaver (also Abholer) und -sharer (Verteiler) als auch Betriebe, die überschüssige Lebensmittel an die Ehrenamtlichen abgeben.

In der im Mai gegründeten Bezirksgruppe Friedberg-Büdingen seien bereits 50 Mitglieder angemeldet - wobei die Zahl der Aktiven, die Essen abholen und verteilen, geringer sei. »Wir sind aktuell rund zehn Personen.«

Doch gerade die Unverbindlichkeit sei ein Vorteil: Wer möchte, kann wöchentlich Lebensmittel abholen. Organisatorisch sei es so geregelt, dass man sich im Vorfeld zur Abholung eintrage. Die Koordination laufe über Duda, die als Vorsitzende agiere. Wer weniger Zeit hat oder im Urlaub ist, hat aber keine Verpflichtungen. Wenn jemanden nur alle drei Monate im Einsatz ist, ist das auch in Ordnung.

Gleiches gelte für die Betriebe, die bei der Initiative mitmachten und überschüssige Lebensmittel abgeben: Es gebe keine Verpflichtung, eine bestimmte Menge zu bestimmten Zeiten abzugeben. Alles laufe über Absprachen.

In der Wetterau, berichtet Duda, ist bisher eine Bäckerei dabei. Die Kooperation habe vor zwei Wochen begonnen. Eine Zusammenarbeit mit Supermärkten sei auch geplant.

Auf Dauer würden dafür aber mehr Foodsaver gebraucht. Doch Duda ist zuversichtlich, dass sich auch im Wetteraukreis noch einige finden werden, die mitmachen.

Sie ist zum ersten Mal in Gießen und Frankfurt mit der Initiative in Kontakt gekommen. Dort sind bereits größere Netzwerke entstanden. Seit ihrem ersten Einsatz ist sie überzeugt von der Idee hinter Foodsharing. »Ich war am Anfang wahnsinnig schockiert darüber, wie viele Lebensmittel weggeschmissen werden. Man hört zwar davon in den Medien, aber selbst zu sehen, was alles für die Tonne produziert worden ist, ist noch mal etwas anderes.«

Kreative Idee dank Brotüberschuss

Doch, sagt Duda, viele Betriebe können es sich angesichts der Konkurrenzsituation nicht leisten, weniger zu produzieren: »Weil der Konsument erwartet, dass er auch fünf Minuten vor Ladenschluss noch alles haben kann.«

Aber gerade jetzt, wegen steigender Lebensmittelpreise, wachse das Interesse an Food- sharing: »Viele in meinem Umfeld freuen sich immer riesig, wenn ich etwas vorbeibringe.«

Was auch ein schöner Nebeneffekt der Initiative sei: Sie verleite zur Kreativität im Umgang mit Nahrung. Kürzlich, als Duda mehr Brot bekommen hatte als erwartet, kam sie auf die Idee, dänisches Müsli zu machen (trockenes Brot gebröselt in den Ofen). Oder: »Ich probiere Sachen, die ich früher nie gegessen habe.« Deswegen, sagt sie, ist Foodsharing eine tolle Mischung - »aus sozialem Engagement und Nachhaltigkeit. Zudem tut man etwas für sich selbst«.

Wer in der Foodsharing-Gruppe mitmachen möchte, kann sich an Henrike Duda wenden. Künftige Foodsaver müssen allerdings - so gibt es die Initiative vor - zwei Aufnahmekriterien erfüllen, wie Duda erklärt: zum einen »bestandene« Probeabholungen mit einem Mitglied (um zu sehen, ob bei der Kommunikation alles klappt), zum anderen müssen sie ein Quiz machen rund um das Thema, das auf der Webseite der Initiative zu finden ist. Von Nichtmitgliedern habe Duda schon häufiger gehört, diese Aufnahmekriterien seien eine Hürde. »Aber das sehe ich nicht so. Es zeigt nur, dass man sich mit dem Thema beschäftigt und es ernst meint.« Wenn man »bestanden« hat, kann man Essen bei den teilnehmenden Betrieben abholen. Um die Koordination kümmert sich Duda. Wenn ein Mitglied beispielsweise kommenden Montag Zeit hat, kann es sich auf einer Liste eintragen, bekommt das Okay und fährt abends zur Bäckerei, um die übrig gebliebenen Backwaren abzuholen.

Auf der Webseite des Foodsharing-Netzwerkes heißt es zur Initiative: Allein in Deutschland ist Lebensmittelverschwendung ein großes Problem. »Über ein Drittel aller produzierten Lebensmittel landet in der Tonne. Und dabei werden nicht nur die Lebensmittel an sich weggeworfen, sondern auch Energie, der zeitliche Aufwand und Ressourcen, die z. B. für Anbau, Ernte, Verpackung, Transport und Lagerung notwendig waren, verschwendet.« Zu der Initiative, die es seit 2012 gibt, heißt es weiter: Über 450 000 registrierte Nutzer/innen, also Foodsaver, und mehr als 100 000 Freiwillige seien dabei. Es kooperierten über 11 000 Betriebe, bei denen bisher schon 65 Millionen Kilogramm Lebensmittel vor der Verschwendung bewahrt worden seien. »Täglich finden etwa 5000 weitere Abholungen statt.«

Wer sich im Wetterauer Bezirk beteiligen möchte - ob als Abholer, Verteiler oder Betrieb - kann sich mit Henrike Duda in Verbindung setzen - per E-Mail an friedberg.buedingen@foodsharing.network.

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