Erfahrungsbericht

Ausländerbehörde: Lange Warteschlangen sind ganz normal

Die Ausländerbehörde des Wetteraukreises lässt ihre Kunden oft extrem lange vor den Dienstzimmern warten. Der neue Landrat Jan Weckler versprach Abhilfe. Doch es habe sich wenig getan, berichtet eine Flüchtlingshelferin aus Karben. Sie erzählt von einem „normalen“ Termin mit einem ihrer afghanischen Schützlinge in der Behörde. Die Namen sind der Redaktion bekannt.

Es ist ein gewöhnlicher Dienstagmorgen in diesem heißen Sommer. Wieder einmal begleite ich einen jungen Migranten zu Ausländerbehörde. Ahmad (Name geändert) muss von einer Gemeinschaftsunterkunft in eine andere umziehen und deshalb die neue Adresse in die als Ausweis fungierende Aufenthaltsgestattung eintragen lassen. Gemeinsam fahren wir frühmorgens von Karben zur Behörde am Friedberger Europaplatz. Erfahrungsgemäß funktionieren Amtsbesuche von Migranten mit deutscher Begleitung oft besser.

Punkt 6.20 Uhr sind wir vor der Ausländerbehörde. 17 Leute stehen schon davor, einer reicht ein Stück Papier herum, auf dem die Leute sich der Reihe nach eintragen sollten. Dann erscheint ein Mann in einer gelben Warnweste und verteilt Nummern. Ahmad erhält die Nummer 18.

Um halb acht öffnen sich die Türen. Die größer gewordene Menge drängt zum Eingang, wird aber vom Security-Mann gestoppt. Er ruft die ausgegebenen Nummern auf und lässt die Personen geordnet eintreten. Am Empfangsschalter im Erdgeschoss trägt jeder sein Anliegen vor. Die Personalien des Ausweises werden mit denen im Computer verglichen. Doch anstatt einfach die neuen Adressdaten im Ausweis einzutragen, erhält Ahmad im Tausch gegen Nummer 18 nun die 410. Wir suchen uns zwei Stühle im Wartebereich der ersten Etage – direkt gegenüber den vier Türen, in denen die Sachbearbeiter ihren Dienst tun. Wir starren auf die große Anzeigetafel. Sobald eine Nummer erscheint, hört man einen lauten Signalton.

Nach zweieinhalb Stunden entdecken wir auf unserem Zettel einen QR-Code, den man mit dem Mobiltelefon scannen und dann ablesen kann, wann man ungefähr dran ist. Wie modern, denken wir und probieren den Code aus. „Ihre kalkulierte Restzeit beträgt 18 Minuten“, heißt es da. Nach einer weiteren Stunde kommt die Meldung: „Kalkulierte restliche Wartezeit noch zwölf Minuten“. Angeblich befinden sich noch fünf Kunden vor uns in der Warteschlange. Spätestens jetzt wird uns klar: Dieses System funktioniert ganz und gar nicht.

Also beobachten wir weiter, wie sich Türen öffnen und schließen, wie Mitarbeiter von einem Zimmer ins andere gehen, zunächst Akten und gegen Mittag auch Tüten mit Fertiggerichten unterm Arm. Informationen über eine Mittagspause gibt es nicht. Also beobachten wir weiter die Anzeigetafel. Von den Wänden starren uns „Gesichter aus der Wetterau“ an, allmählich scheinen die glücklichen Sozialarbeiter, Flüchtlingsbegleiter und Migranten von dort hämisch auf uns herunterzulachen. Ist es vielleicht System, dass man so lange warten muss? Soll es den Bittstellern möglichst unangenehm gemacht werden, Ausweise zu verlängern, Umzüge eintragen zu lassen oder eine Arbeitserlaubnis zu beantragen?

Gegen 14 Uhr scannen wir mal wieder den QR-Code. Nun meldete er: „Ihr Warteticket ist zurückgestellt“. Also melden wir uns am Empfang, um nachzufragen, ob die Anzeige im Internet eine Bedeutung hat. Der junge Mann erklärte uns, das Ticket sei aufgerufen worden, aber niemand sei erschienen. Vehement versichern wir, dass wir trotz Hunger und Durst weder die Anzeigetafel noch die Türen aus den Augen gelassen haben. Nummer 410 wurde nie aufgerufen. Da meint der junge Mann: „Dann klopfen Sie doch einfach mal an die Türe“.

Schließlich wird sie von innen aufgeschlossen. Die beiden Damen darin behaupten, sie hätten Nummer 410 vergeblich aufgerufen. Erneut nehmen wir vor der Tür Platz. Wenige Minuten später erscheint unsere Nummer auf der Tafel. Es dauert zwei Minuten, die neue Adresse auf dem Ausweis anzubringen.

Wir bitten um einen Termin für die Verlängerung des Ausweises in drei Wochen. Das wäre unmöglich für Menschen, deren Asylverfahren noch nicht abgeschlossen sei, sagt man uns; Ahmad könne den Ausweis nur sofort verlängern. Was bedeutet, dass der verlängerte Ausweis drei Wochen früher ungültig würde. Wir fügen uns – einen weiteren Warte-Tag in der Ausländerbehörde können sich weder Ahmad noch ich mir als Berufstätige nicht leisten.

Als wir draußen sind, frage ich Ahmad, ob ich als Deutsche auch so lange bei Behörden warten müsse, wenn ich in Afghanistan wäre. Er sieht mich erstaunt an: „Nein, Du wärst Gast im Land und kämst als Erste dran.“

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