Verkehrsgesellschaft kündigt Vertrag für Linienverkehr

Droht das nächste Stadtbus-Chaos?

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Für die Fahrgäste in Friedberg und der Umgebung beginnt das große Bangen: Kommt der Linienbus oder nicht? Der Betreiber der Linien, die Verkehrsgesellschaft Mittelhessen (VM), will den Dienst quittieren.

Das war eine harte Zeit für die Fahrgäste in Bad Homburg und Oberursel: Im vergangenen November und Dezember fielen plötzlich reihenweise Stadtbus-Fahrten aus, an Wochenenden ruhte der Verkehr sogar ganz.

Von heute auf morgen wollte der Betreiber, die Verkehrsgesellschaft Mittelhessen (VM), die Verträge mit den beiden Städten kündigen, den Betrieb einstellen. Mit Ach und Krach und einem Notfahrplan lief der Verkehr bis Mitte Dezember weiter. Dann übernahm ein neuer Betreiber die Linien.

Nun deutet sich an, dass als nächstes Fahrgäste in Friedberg sowie auf den Linien nach Bad Nauheim, Rosbach und Ober-Mörlen bangen müssen, ob der nächste Bus wirklich kommt: Die VM gibt das Linienbündel Friedberg zurück.

Der Auftraggeber, die Verkehrsgesellschaft Oberhessen (VGO), kündigte gestern Nachmittag an, dass die VM in Friedberg aufgibt. Das habe Dominic Harris, der Geschäftsführer der VM, kurz zuvor angekündigt. „Das ist für uns sehr überraschend gekommen“, sagt VGO-Geschäftsführer Armin Klein. Die VM hat einen Vertrag bis 2023 und erst anderthalb Jahre erfüllt.

Noch vor der Info für die Öffentlichkeit kündigte die VGO in einer formellen „Vorabinformation“ in europaweiten Ausschreibungsportalen die Neuvergabe der Linien zu Mitte Dezember an. „Die Vergabe wird aufgrund einer nicht vom Auftraggeber zu verantwortenden Notsituation unerwartet und kurzfristig notwendig“, heißt es als Begründung für die Neuvergabe.

Eine Stellungnahme von Harris oder der VM war auf Anfrage der FNP gestern nicht zu erhalten. Das Unternehmen mit Sitz in Usingen, 2003 als Zusammenschluss kleinerer Busunternehmen aus Mittelhessen gegründet, ist inzwischen eine Tochter der britischen Investmentfirma Transport Capital.

In der Branche ist es ein offenes Geheimnis, dass sich der Verkehr für die VM schlicht nicht rechnet. Das bestätigt VGO-Sprecher Sven Rischen: Prinzipiell klopfe die VGO bei Vergabeverfahren die Angebote zwar nach Dumpingpreisen an. So sei das VM-Angebot 2014 zwar sehr günstig gewesen.

Einen Anhaltspunkt, dass die Einnahmen nicht auskömmlich sein könnten, habe die VGO jedoch nicht gefunden. „Wir können aber nicht beeinflussen, dass sich die VM verkalkuliert hat“, sagt der VGO-Sprecher. Finanziell habe die VM ganz offenbar falsch gelegen,

Einer der seinerzeit unterlegenen Bieter – ein Busunternehmer aus der Region, der anonym bleiben möchte – schüttelt darüber den Kopf. „Wir hatten ein Angebot abgegeben, das preislich so lag, dass wir davon ausgingen, dass wir den Zuschlag bekommen müssten“, erinnert er sich. Dann habe die VM, die schon vorher die Linien betrieb, erneut den Zuschlag erhalten. „Wie sie das finanziell unter unserem Preis hinkriegen wollten, war uns ein Rätsel.“ Dieses Rätsel scheint gelöst zu sein: gar nicht.

Und wie sieht es nach dem angekündigten Rückzug der VM im Tagesgeschäft auf den Linien aus? „Die VM hat uns zugesichert, dass der Betrieb bis zum Übergang auf den nächsten Betreiber weiterläuft“, sagt Sven Rischen. Wir hoffen, dass die VM ihre Zusage auch erfüllt – im Sinne der Fahrgäste“, ergänzt Geschäftsführer Klein.

Wobei die Lage für die VGO recht haarig ist: Nach Wahrung aller Ausschreibungsfristen bleiben am Ende wohl nur wenige Wochen zwischen der Vergabe und dem Termin, zu dem ein neuer Betreiber starten soll. Neue Fahrzeuge in derart kurzer Zeit zu beschaffen – unmöglich. „Es wird Verhandlungssache sein, ob ein Betreiber vorübergehend zunächst mit Altfahrzeugen fährt“, räumt Sven Rischen ein.

Die zweite große Unbekannte: Ob sich die Fahrer vorab neue Jobs besorgen und dann keiner mehr die Friedberger Linienbusse steuert.

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