Musik- und Tanzmarathon

Eine unglaublich tolle Stimmung

Im Jahr 2012 waren es vier Bands aus Einrichtungen für Menschen mit Behinderung, die beim 1. Handicap-Festival im Jugendhaus Junity in Friedberg auf der Bühne standen und ihr Publikum begeisterten. Für Klaus Schumacher ein Antrieb, das Festival und nicht nur dies, sondern das Thema Inklusion durch einen Verein fest in der Wetterau zu verankern. „Mensch mach mit“ heißt dieser. Am Samstag feierte er das 5. Handicap-Festival mit etwa 1000 Besuchern – und dem Auftritt von insgesamt 18 Gruppen.

Von CORINNA WILLFÜHR

Martin Schnur ist Vollblutmusiker. Wie viele Auftritte der im Jahr 2014 mit dem Wetterauer Kulturpreis ausgezeichnete Gitarrist hinter sich hat, mag er nicht zählen. Dass er aber mit „X10derness“ einmal mittags gegen halb drei Uhr „Crocodile Rock“ von Elton John spielen würde, hat sich Schnur nicht vorgestellt. „Das ist absolut ungewöhnlich“, sagt er. Aber für die gute Sache und vor einem so tollen Publikum war das keine Frage. „X10derness“ ist die Band des Berufsbildungswerkes Südhessen in Karben.

Marc Proffert (36), Leadsänger, hat dort eine Ausbildung als Schlosser gemacht. Dierich Uka (20), ebenfalls Sänger mit einer Vorliebe für deutsche Texte, absolviert dort gerade eine Lehre zum Holzfachpraktiker. Schnur, Proffert und Uka haben ihre Instrumente längst eingepackt, als „Soundoperator“ auf die Bühne kommen.

Ganz vorne, an der Rampe vor den Mikrofonen, stehen Sophie, Kevin, Verena und Luize. Das „Sänger-Quartett“ der „Soundoperator“ gehört zur Band der Johann-Peter-Schäfer-Schule in der Kreisstadt.

Die Vier können ihr Publikum nicht sehen. Sie sind wie ihre acht Mitstreiter des Ensembles mit Percussion, Gitarren, Keyboard und Schlagzeug im Alter von neun bis 18 Jahren blind oder schwer sehbehindert. „Es ist ihr erster größerer Auftritt außerhalb unserer Schule“, sagt Beate Hesse. Ein Auftritt mit Songs wie „Astronaut“ von Sido (featuring Andreas Bourani), die das Publikum begeistert mitsingt. Wie sehr sich die jungen Musikerinnen und Musiker über ihren Erfolg freuen, ist ihnen anzusehen.

Für ihre Lehrerin bedeutet ihr Mitwirken in einer Band noch mehr. Beate Hesse: „Neben dem Spaß an der Musik erleben sie ein Gemeinschaftsgefühl. Müssen sich wie bei der Auswahl der Songs einem demokratischen Votum stellen. Besonders wichtig sei: „Durch Musik haben sie die Möglichkeit, sich sozial in ihrer Freizeit zu integrieren.“

Szenenwechsel. Denn zum Handicap-Festival-Jubiläum gibt es nicht nur drinnen im Junity Beeindruckendes zu erleben, sondern auch auf dem Freigelände im Burgfeld, etwa die Choreographie der Tanzstars Dieburg, die Cheerleader-Akrobatik der TSG Wizard aus Wölfersheim oder den Auftritt der „Jazzytones“ der Friedberger Musikschule auf der Bühne.

Oder die Malmaschine der Wartbergschule und den Rollstuhl-Parcours, den das Sanitätshaus Medrob aufgebaut hatte. „Um Menschen ohne Beeinträchtigung einmal zu zeigen, wieviel Kraft es braucht, um mit diesem zu fahren“, so Sven Roth.

„Ich bin begeistert von der Stimmung und der Atmosphäre“, freute sich Hanne Schirmer. Die Regionalgeschäftsführerin des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes war zum ersten Mal zu Hessens größtem Inklusions-Festival gekommen. Auch für Michael Berek war es eine Premiere. Der 30-jährige Student aus Bad Nauheim verfolgt den Tanz- und Musikmarathon im Rollstuhl. Er leidet an spinaler Muskelatrophie. „Also ganz einfach an Muskelschwund“, wie er sagt. Ganz einfach? „Naja, ganz einfach so, dass man damit leben muss und glücklich sein.“

Auch Helga Fischer aus Langenselbold ist zurzeit auf einen Rollstuhl angewiesen. „Ich hoffe allerdings, dass ich in zwei Monaten wieder laufen kann. Ich hatte eine Operation am Fuß.“ Nach Friedberg ist sie mit ihren Töchtern Lena und Katharina, 20-jährigen Zwillingen, gekommen. Beide haben eine Behinderung auf Dauer.

Ein Handicap wie auch ein Sohn und eine Tochter in der Patchwork-Familie des 52-jährigen Klaus Schumacher, Initiator des von der Stadt unterstützten Festivals. Für den kaufmännischen Angestellten und seinen Kooperationspartner Lukas Hölzinger steht fest, dass es 2017 wieder ein Handicap-Festival in Friedberg geben soll. „Um die Talente und Fähigkeiten, die Menschen mit Behinderung haben, einer größeren Öffentlichkeit zu zeigen“, sagt Schumacher. „Und ihre Leidenschaften“, ergänzt Hölzinger.

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