Landwirte machen sich Sorgen

Kornkammer verliert Gesicht

Nach einer Studie des Bundesinstitutes für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) vom September 2014 wurden in der Bundesrepublik zwischen 2009 und 2012 im Durchschnitt täglich rund 74 Hektar Landfläche überbaut.

Von Kurt Sänger

Nach einer Studie des Bundesinstitutes für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) vom September 2014 wurden in der Bundesrepublik zwischen 2009 und 2012 im Durchschnitt täglich rund 74 Hektar Landfläche überbaut. In Hessen sind es täglich 3,5 Hektar. Betroffen sind vor allem landwirtschaftliche Anbauflächen, die unwiederbringlich verloren sind.

Ein Trend, der auch die Wetterau erfasst hat und die Landwirte auf den Plan ruft. Denn entlang der Hauptverkehrsachsen im Westen des Kreises geht ebenfalls wertvolles Ackerland verloren. Von den derzeit noch rund 58 800 Hektar verfügbaren landwirtschaftlichen Nutzflächen in der Wetterau mit einer Gesamtfläche von 110 073 Hektar werden in den kommenden zwei Jahrzehnten bei den Wetterauer Landwirten erhebliche Verluste erwartet.

Wie groß diese Verluste künftig sein werden, das kann Florian Dangel, Geschäftsführer des regionalen Bauernverbandes für die Wetterau und Frankfurt mit Sitz in Friedberg, zurzeit „in Zahlen noch nicht abschätzen“. Auch deshalb nicht, weil viele Flächen als künftiges potenzielles Bauland zwischen den Ortsrandlagen und den neuen Umgehungsstraßen teilweise noch nicht in den Flächennutzungsplänen erfasst sind und kommunalpolitische Entscheidungen hierzu ausstehen.

Erfasst sind laut regionalem Planungsverband für den West-Kreis bis 2020 zusätzlich zu den fertiggestellten Wohn- und Gewerbegebieten in den 1990er-Jahren noch weitere rund 1020 Hektar. Inwieweit diese Flächen auch tatsächlich in Anspruch genommen werden, sei noch offen, hebt Stefan Königer vom Planungsverband hervor. Entschieden wird in den Kommunen. Spitzenreiter in der Planung hierbei sind Butzbach mit 240 Hektar, gefolgt von Friedberg mit 130 und Bad Nauheim mit 118 Hektar.

Was dem Wachstum der Kommunen geschuldet ist, geht an wertvollen Böden vor deren eigenen Toren für immer verloren. Und die Wetterauer Böden zählen zu den Top-Lagen in Deutschland. „Das sind 10 000 bis 12 000 Jahre alte Böden“, erläutert Maren Heincke vom Zentrum für gesellschaftliche Verantwortung der Evangelischen Kirche Hessen / Nassau in Mainz. Die Wetterau stehe für eine der bedeutenden Agrarlandschaften seit der Jungsteinzeit als Erbe der Menschheit in Mitteleuropa.

Die promovierte Agrarwissenschaftlerin vermisst „ein ausreichendes Problembewusstsein bei den wirtschaftlichen und politischen Entscheidungsträgern“. Sie kritisiert deren Flächenpolitik in der Wetterau als „teilweise in der Grundausrichtung viel zu verschwenderisch“. Die Ressource Boden sei endlich und nicht vermehrbar.

Vorherrschend sei ein kurzfristiges Denken und keine vorausschauende Bodenpolitik im Sinne einer Ressourcensparsamkeit als Ernährungsgrundlage für kommende Generationen. Heincke sieht die Politik in der Pflicht. Sie fordert eine interkommunale Zusammenarbeit zwischen Landwirten und Städte- und Raumplanern. „Sonst läuft die Wetterau Gefahr, als einstige Kornkammer Hessens in den kommenden Jahrzehnten ihr Gesicht zu verlieren.“

Während der Westkreis entlang der Verkehrsachsen als Teil der Metropolregion Rhein-Main dicke im Geschäft ist, fällt der Ostkreis hinten runter. Dangel: „Wir haben in der Wetterau die Diskrepanz, dass wir im Ballungsgebiet in Bad Vilbel und Karben einen immensen Zuzug und Flächenverbrauch haben, aber in Richtung Ostkreis und Vogelsberg verkommen die Dörfer.“ Leerstehende Hofreiten sind dort nicht selten, dort nimmt die Entwicklung einen anderen Verlauf.

Eine Entwicklung, die sich auch in der bundesweiten BBSR-Studie spiegelt. Die regionalen Polarisierungen zwischen wachsenden und schrumpfenden Regionen werden weiterhin zunehmen, heißt es dort. In den Wachstumsregionen nehme der Druck auf Flächenreserven zu, außerhalb drohten weitere

Leerstände und Brachen

. Mit nicht unerheblichen Folgen für die ländlichen Räume.

Diese gegenläufige Entwicklung beobachtet Dangel ebenfalls „mit großer Sorge“, auch mit Blick auf den demografischen Wandel in der Wetterau (siehe dazu Bericht unten). „Als Bauernverband sind wir besonders dem ländlichen Raum verpflichtet“, sagt er. Denn Flächenpolitik sei auch immer Politik des Lebensraumes. Und der Acker „ist die Werkbank des Bauern“. Dangel: „Produktionsstätten kann man verlagern, Böden nicht“. Man könne sie nur aufgeben oder brach liegen lassen.

Auch der Dekan der Evangelischen Kirche der Wetterau, Volkhard Guth, teilt die Sorgen der Landwirte. Die Alten blieben in abgehängten Kommunen auf ihren Betrieben sitzen, die Jüngeren zögen in die prosperierenden Zentren. Mit der Folge, dass Steuern und Abgaben wegbrächen, die Kaufkraft bei sinkenden Immobilienwerten schwinde. Doch gleichzeitig müsse die ländliche Infrastruktur als Daseinsvorsorge aufrechterhalten werden.

Neben dem Zusammenbrechen der Infrastrukturen befürchtet Guth den Verlust des sozialen Zusammenhalts und des freiwilligen Engagements in den ländlichen Kommunen jenseits der prosperierenden Zentren: „Ein Teil der Identität und ein Teil des sozialen Lebens verschwindet“. Der Wetterauer Dekan fordert eine „nachhaltige Siedlungsentwicklung“ von der Politik ein, bei der die Kirchen nicht nur sonntags gehört, sondern auch werktags zur Flächen- und Raumentwicklung in der Wetterau ein Wort mitzureden hätten.

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