Flüchtlinge in Ex-US-Kaserne

Die neue Flüchtlingsstadt entsteht

Vier verschiedene Flüchtlings-Einrichtungen wird es in wenigen Wochen im nördlichen Teil der früheren Friedberger US-Kaserne geben. Wenn sie alle belegt sind, wird die Stadt erstmals mehr als 30 000 Einwohner haben. Die Stadtverordneten erkundeten das Gelände gestern Nachmittag

Von KLAUS NISSEN

Noch ist der Dachspfad eine Sackgasse. Nur Handwerker-Autos passieren neben der Feuerwache die mit Maschendraht gesicherte Einfahrt zur künftigen Flüchtlings-Siedlung. Ab Februar werden hier täglich um die 2000 Menschen durch eine „Personen-Vereinzelungsanlage“ geschleust.

Die künftigen Bewohner der Ray-Kaserne dürfen zwar ungehindert ein- und ausgehen – aber die Security am Eingang wird genau hinschauen. „Alkohol darf nicht reingebracht werden“, sagt ein Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes zu den Stadtverordneten.

Viele junge Männer aus Syrien, Irak und Afghanistan ziehen in die neue Filiale der Hessischen Erstaufnahme-Einrichtung, räumt Christian Dornblüth ein. „Aber 80 Prozent der Bewohner werden Familien sein. Wir haben sehr viele Kinder dabei“, sagt der Mann vom Darmstädter Regierungspräsidium.

Unklar ist noch, welche Kindergärten und Schulen sich um die vielen neuen Jung-Friedberger kümmern werden. Schlafen und Ernährung in der Flüchtlingssiedlung sind zwar geregelt – aber für die Sozialbetreuung, Spielmöglichkeiten, Begegnungsstätten und Kleiderkammern haben die Verwaltungsleute noch wenige konkrete Pläne. „Wir müssen hier mindestens sechs große Zelte aufstellen!“, fordert der Grünen-Stadtverordnete Carl Cellarius.

Pfarrerin Susanne Domnick weist auf die weiten Rasenflächen zwischen den Kasernenblocks hin und sagt: „Wir können hier ganz viel machen. Ich sehe die Gärten und den Abenteuerspielplatz schon vor mir!“ Ehrenamtliche Helfer haben hier viel Raum. Sie sollen mit eigenen Ausweisen Zugang zu dem für Friedberger auch künftig gesperrten Areal bekommen.

„Mit den neuen Bewohnern wird die Kläranlage an ihre Grenzen kommen“, befürchtet Bürgermeister Michael Keller (SPD). Er will, dass die neue Erstaufnahme-Einrichtung des Landes die Flüchtlinge in Friedberg und nicht etwa an der Hauptstelle in Gießen polizeilich anmeldet. Das sei wichtig für die finanziellen Schlüsselzuweisungen des Landes an die Stadt.

Vier Flüchtlings-Einrichtungen entstehen auf dem Kasernengelände. Der mit roten Klinkern verkleidete Gebäudekomplex links vom Eingang ist die künftige Überlaufeinrichtung des Landes Hessen. Im Auftrag des Kreises sollen die Malteser hier bis zu 1000 Flüchtlingen Obdach und Nahrung geben.

Bislang findet das in zwei Niddaer Sporthallen statt. Bis zu 650, meist aber zwischen 300 und 400 Flüchtlinge leben da ein bis zwei Monate lang im Massenquartier. Landrat Joachim Arnold (SPD) beschwerte sich am Freitag schriftlich: Das Land Hessen habe dem Kreis noch immer nicht mitgeteilt, wann der Umzug ins besser geeignete Kasernen-Quartier stattfinden kann. Und wann der Kreis seine Ausgaben für die Überlaufeinrichtung erstattet bekommt.

Etwa 100 Meter weiter südlich steht der Gebäudekomplex der neuen Erstaufnahme-Einrichtung des Landes. Frühestens ab dem 20. Januar ziehen dort bis zu 1000 Flüchtlinge für jeweils sechs bis acht Wochen ein, berichtete Christian Dornblüth vom Regierungspräsidium. Danach werden die Menschen auf die Kommunen verteilt. Sie leben in Friedberg jeweils zu viert pro Zimmer in Doppelstockbetten aus Metall. Je acht Menschen teilen sich ein kleines Badezimmer mit Dusche.

Von einem Zaun getrennt liegen westlich davon zwei riesige Unterkunftsgebäude für die der Stadt Friedberg zugewiesenen Flüchtlinge. Sie haben barock anmutende Frontgiebel und sind gut hundert Jahre alt – nach Ansicht der städtischen Liegenschaftsverwaltung aber recht gut in Schuss. Jeweils etwa 150 Flüchtlinge wird die Stadt dort einquartieren.

Durch einen von Holundergebüsch zugewachsenen Eingang betreten die Stadtverordneten das muffig riechende Erdgeschoss. Zu beiden Seiten des recht breiten Korridors liegen die noch leeren Zimmer, belegt mit blauem Teppichboden. Den wird man entsorgen müssen. Im Flur steht noch ein Trinkwasserspender, den die US-Army der Bundesrepublik hinterließ.

Der Bund übergibt der Stadt beide Gebäude mietfrei und wird auch die Renovierung übernehmen, berichtet Keller. Gut sei, dass diese beiden Kasernengebäude schon Anschluss ans städtische Gasnetz haben. Die anderen Häuser müssen alle mit mobilen Ölheizungen im Winter warm gehalten werden.

Die Bewohner der städtischen wie auch der verklinkerten Kreis-Flüchtlingsherberge nebenan bekommen einen gemeinsamen separaten Eingang von der Stadt her. Auch der soll bewacht werden.

Noch nicht sicher ist laut Keller, ob die seit Jahrzehnten geschlossene Bahnunterführung auf der südlichen Kasernenseite geöffnet wird. Er findet das sinnvoll, weil die Flüchtlinge einen zweiten Zugang zu ihrer Siedlung bekämen und bei Aldi und Lidl im Gewerbegebiet Süd billig einkaufen könnten.

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