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Städte müssen lebendiger werden

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100 Teilnehmer aus Wirtschaft, Handel, Gewerbe und Politik hatte die Wirtschaftsförderung Wetterau eingeladen. Sie diskutierten über den Einfluss der globalen Digitalisierung auf den Handel und die damit verbundenen Auswirkungen auf die Lebendigkeit der Innenstädte in der Region.

Per Mausklick Schuhe, Bücher oder einen Fernseher bestellen: „Das geht schnell“, sagt Jürgen Pfeiffer, „aber ist es besser?“ Als Vertreter des IHK-Regionalausschusses Wetterau beantwortet der Unternehmer aus Nidda die Frage mit einem „Nein“. Zum Einkaufserlebnis gehörten auch das Bummeln durch attraktive Geschäfte und die Beratung durch Fachpersonal.

Doch von Zuhause zu jeder Tages- und Nachtzeit am PC oder mit dem Smartphone nach einem gewünschten Artikel zu suchen, dabei den Preis direkt vergleichen zu können und sofort zu wissen, ob das Produkt verfügbar ist, eben alles, was Internetportale Kunden ermöglichen, macht dem Einzelhandel in der Wetterau schwer zu schaffen. Noch dazu, wenn es innerorts Baustellen gibt, die verhindern, dass der Kunde wie gewohnt beim Händler seines Vertrauens einkauft.

Entwicklung noch rasanter

Beispielsweise in Bad Vilbel. „Wir haben vor Ort rund 200 Geschäftsleute angesprochen“, sagt André Haußmann, zweiter Vorsitzender des Vereins „Wirtschaft.Regionalentwicklung.Wetterau“. Aber auf das Angebot, Kunden in der Innenstadt auf das trotz der Einschränkungen durch die Umbaumaßnahmen weiterhin bestehende Angebot in den Geschäften im Netz zu informieren, hätten „von 200 angesprochenen Läden“ nur 40 reagiert. Unter sind die Einschränkungen durch Baustellen aufgelistet. Bernd-Uwe Domes ergänzt dazu: „Ob im Land oder in der Region: Das Online-Shopping führt zu Rückläufen im Umsatz des stationären Handels.“

Vor der Konkurrenz im Netz zu kapitulieren, sei aber keine Option. Vielmehr müssten neben „individuellen urbanen Konzepten gemeinsame Denkstrategien entwickelt werden“, wie dem Trend zum Einkauf am Bildschirm oder dem Display begegnet werden kann.

Für Klaus Karger, ebenfalls Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung, ist dies „eine Angelegenheit auf Chefebene“. Also von Ladeninhabern, die die Relevanz der unaufhaltbare Entwicklung für sich und ihr Personal erkennen müssten.

Diese seien gefordert, die Marktentwicklungen zu analysieren und über verschiedene Kanäle ihre Kunden anzusprechen. Bei der Frage „Wie“ könne externes Expertenwissen herangezogen werden. Als ausgewiesener Experte für das Thema „Alles online oder was? Die Zukunft des Shoppings“ ist Professor Gerrit Heinemann als Referent dabei. „Die Zahlen, die Sie zu den E-Commerce-Umsätzen bekommen“, so Heinemann, „sind fast alle falsch. Die Entwicklung ist rasanter als Experten sie voraussagen.“ Eine Aussage, die jeden stationären Händler ernüchtern konnte.

Jedoch kann Heinemann auch Empfehlungen ausführen, mit denen der Bedrohung durch den Online-Handel entgegnet werden könne. So plädiert er dafür, dass auch lokale Händler im Netz vertreten sein müssen. „Der Kunde erwartet eine App vom Händler.“ Wenigstens mit Öffnungszeiten, einem Angebot des Tages oder den Artikeln, die sofort verfügbar sind. „Denn Verfügbarkeit“, so Heinemann, „schlägt manchmal schon den Preis.“ Unternehmen, die die Nutzung eines Smartphones in ihren Verkaufsräumen untersagen, erteilt er eine eindeutige Absage: „Ein Smartphone muss man überall nutzen können.“ Auch in den Kommunen: „Bei W-Lan müssen die Städte unbedingt aufrüsten.“

Schaufenster im Netz

Entweder offline oder online? Für den Experten ist dies keine Alternative. Der stationäre Handel müsse „vom Online-Kuchen mitessen“, beispielsweise durch ein „Schaufenster im Netz“ oder durch die Kooperation lokaler Anbieter vor Ort sowie den Versand ihrer Produkte über Ebay. Unterstützung fordert Heinemann auch von den Kommunen ein. Denn wo die Nachfrage in kleinen Kommunen nicht mehr dem Angebot entspreche, könne es doch besser sein, Geschäftsräume in Wohnungen umzuwandeln. „Besser eine schöne Schlafstadt als eine hässliche Einkaufsstadt“ ist sein Motto.

Einige Wetterauer Einzelhändeler haben jedoch bereits schlagfertige Ideen. So haben der Apotheker Bernd Ulrich, Vorsitzender des Stadtmarketing-Verkehrsvereins Friedberg, und Mario Nahke, Geschäftsführer der Online-Plattform „WasRegionales.de“ den Lieferservice „Friedberg hat’s“ konzipiert. Für Jochen Ruths, Inhaber eines Modegeschäfts auf der Friedberger Kaiserstraße und seit kurzem Präsident des Hessischen Einzelhandelsverbands, ist es unabdingbar, „dass wir einen Stadtentwicklungsplan aufstellen müssen. Denn wenn wir keine klaren Vorstellungen haben, wie die Zukunft aussehen soll, bekommen wir keine Investoren nach Friedberg.“  

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