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Als Krieg in der Wetterau tobte: Was Mahnmale erzählen

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Von: Jürgen Wagner

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Eine Kanonenkugel in der Fassade des Hauses Nr. 66 in der Fauerbacher Hauptstraße erinnert an die »Schlacht von Friedberg«, als sich Franzosen und Kaiserliche Straßengefechte lieferten. © Nicole Merz

Im Ukraine-Krieg wird die Zivilbevölkerung bombardiert. Kanonenkugeln, die hierzulande in Hausfassaden stecken, erinnern an Kriege in fast vergessenen Zeiten.

Die Bilder aus dem Ukraine-Krieg brennen sich tief ins Gedächtnis ein: Zerstörte Kindergärten, Krankenhäuser und Wohnblocks; Menschen auf der Flucht; Tote und Verletzte auf den Straßen; Familien, die sich über Wochen in Kellern verstecken; Lynchjustiz, Geiselnahmen und Massengräber. Diese Bilder wirken auch deshalb so verstörend, weil man sie in Westeuropa nur noch aus dem Fernsehen kennt.

Je länger ein Krieg zurückliegt, desto eher gerät er ins Vergessen. Selbst Mahnmale verblassen, werden kaum beachtet. Wie die Kanonenkugeln in Hauswänden. Ein unscheinbarer »Schmuck« der Fassade, doch hinter diesen Kugeln stecken Geschichten, die erschreckende Parallelen zum russischen Angriffskrieg auf die Ukraine zeigen.

Die Kanonenkugel von Fauerbach hängt an exponierter Stelle, wird aber von den wenigsten beachtet. Sie steckt im ersten Stock eines Wohnhauses in der Fauerbacher Hauptstraße 66, an dem täglich tausende Pendler vorbeirollen: schwarz, kreisrund, nur wenige Zentimeter im Durchmesser. Einen Hinweis darauf, was es mit der Kugel auf sich hat, gibt das umlaufende Datum, der 10. Juli 1796. Der Tag der »Schlacht von Friedberg«.

Was damals geschah, ist in den »Chroniken von Friedberg« nachzulesen. Es war die Zeit der Koalitionskriege zwischen dem revolutionären Frankreich und den übrigen europäischen Mächten. Die Kämpfe begannen im Herbst 1792. Friedberg wurde von Franzosen besetzt, zwei Abgesandte der Burg wurden wochenlang in Geiselhaft genommen, in der Nauheimer Saline wurde Kriegsbeute (Salz und Holz) requiriert. Als die Preußen einrückten, wurden in der Burg, im Rathaus und in der Augustinerschule kriegsgefangene Franzosen einquartiert, viele starben mangels ausreichender Versorgung. Auf die Preußen folgten kaiserliche Truppen, die Essen, Trinken und Futter für ihre Pferde verlangten, während es den Franzosen gelungen war, die Magazinvorräte zu stehlen.

Blutige Kämpfe auf den Straßen

Trauriger Höhepunkt der kriegerischen Auseinandersetzung war ein blutiger Straßenkampf zwischen französischen und kaiserlichen Truppen am 10. Juli 1796. Das Datum der Fauerbacher Kanonenkugel. Wer sie einst an der Fassade des Hauses Nr. 66 angebracht hat, konnte nicht in Erfahrung gebracht werden. Aber es gibt Berichte von den Gefechten. »Die Kanonade ging des Morgens bei Wisselsheim an und zog sich als an der Stadt her an Fauerbach vorbei und gegen die Wart«, berichtet Chronist Johann Philipp Preußer. »Da dann das Kanonieren wieder anfing und auch etliche Kugeln in die Stadt kamen, aber Gott sei Dank keinen Menschen beschädiget.« In der Stadt ging es »schlimm« zu: »Fenster eingeschlagen, Geld geben und mehrere Exzessen begangen, bis die Generalität in der Stadt und Burg waren eingezogen.«

Die Schlacht war derart heftig, »dass jedermann glaubte, die ganze Stadt ginge zu Grund«, berichtet Johann Nikolaus Reitz und erwähnt 29 tote Soldaten der kaiserlichen Truppen; die Franzosen hätten ihre Toten aus der Stadt gebracht. 1937 und 1939 wurden auf dem Wartberg Soldatengräber gefunden, die Toten wurden »ganz unregelmäßig und oberflächlich verscharrt«, heißt es in den »Chroniken«.

Dr. Karl Fertsch (1827-1882) erinnerte sich an die Erzählungen seiner Großmutter Sophie aus den Kriegsjahren: »wie die ganze Familie oft wochenlang im versteckten Gartenkeller (des Burgpfarrhauses) gesessen, kaum die nötigste Nahrung habend; wie Marodeure den guten Großvater, der, nachdem das Pfarrhaus ausgeplündert worden war und man die Franzosen abgezogen geglaubt, sich allein aus dem bergenden Keller hervorgewagt hatte, um zu sehen, ob die Luft rein sei«. Das war sie nicht. Soldaten wollten ihn am Nußbaum im Pfarrhof aufhängen, wovor ihn das »Jammergeschrei« seiner Frau gerade noch bewahrte.

Das Urteil des Oberbefehlshabers

Wie Dr. Klaus-Dieter Rack im zweiten Band der Friedberger Stadtgeschichte schreibt, zeichneten sich die Revolutionstruppen »durch Zuchtlosigkeit und Gewaltakte aus«. Meldungen über »Raub, Plünderungen und Totschlag häuften sich«. Erst der Frieden von Campo Formio im Oktober 1997 ließt die Kampfhandlungen für zwei Jahre ruhen. Rack: »Nun aber begann erst richtig die Ausbeutung der Region durch die Franzosen.«

Nach der Schlacht vom 10. Juli 1796 wurde über Sinn und Unsinn des Waffengangs nachgedacht. Oberbefehlshaber Erzherzog Karl von Österreich hatte den kaiserlichen Truppen den Befehl gegeben, »die Gegend von Friedberg nicht zu verlassen, ohne das Schicksal der Waffen versucht zu haben«. Nach der Niederlasge schiebt er die Schuld dem Befehlshaber Graf Wartensleben zu: Aus der Ferne könne man keine angemessenen Anweisungen geben, vor Ort wären andere Entscheidung richtig gewesen: »Das Gefecht war unnötig.«

Erinnerung an die Schlacht vom Johannisberg in Bad Nauheim

Kanonenkugeln in Hauswänden gibt es vielerorts. Sie sind eingemauert in Kirchen, Burgen und Schlösser, wo sie oft als Verzierung dienen, so etwa am Dom von Braunschweig oder am Rathaus von Bratislava. An einem Fachwerkhaus in Bad Kreuznach hängt eine »Schwedenkugel« aus einem Gefecht des Dreißigjährigen Krieges. Andere Kugeln stammen aus den Befreiungskriegen gegen Napoleon, so etwa in Görlitz-Klingewalde, wo eine Kugel im Mai 1813 während eines Gefechts in der Fassade eines Wohnhauses einschlug und noch heute dort befestigt ist. Wieder etwas anders verhält sich der Fall in der Apfelstraße in der Bad Nauheimer Altstadt. Auch dort wurde in die Fassade eines Wohnhauses eine Kanonenkugeln eingearbeitet und ein Datum angegeben: »Am 30ten August 1762« verweist auf die »Schlacht am Johannisberg«, eines der letzten Gefechte des Siebenjährigen Krieges. Franzosen und Braunschweiger standen sich gegenüber, lieferte sich erbitterte Kanonaden. Wie Stadtarchivar Alexander Jung sagt, wurde das Haus aber nicht von der Kanonenkugel getroffen. »Der Hausbesitzer fand die Kugel einst und ließ sie als Erinnerungsstück in seine Fassade ein.« Eine etwas makabre Erinnerung, die durch ihre Platzierung freilich ikonographisch aufgeladen wird. Und so könnte man diese Kanonenkugeln als Zeichen lesen, das den Betrachtern stolz und trotzig entgegenruft: »Bis hierher und nicht weiter: Mein Haus zerstört diese Kugel nicht!«

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