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Arzthelferinnen an der Belastungsgrenze: „Manchmal wissen wir auch keinen Rat“

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Von: Bernd Klühs

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Die Pandemie führt in Hausarztpraxen zu einer massiven Häufung von Überstunden, zu einer enormen psychischen und physischen Beanspruchung der Medizinischen Fachangestellten. Unser Bild zeigt Christine Haust beim Aufziehen einer Spritze gegen Covid-19.
Die Pandemie führt auch in Hausarztpraxen zu einer massiven Häufung von Überstunden. Unser Bild zeigt Christine Haust beim Aufziehen einer Spritze gegen Covid-19. © Nicole Merz

Corona wirft ein Schlaglicht auf die Überlastung der Pflegekräfte. Doch über Arzthelferinnen spricht niemand. Wir haben in Friedberg (Wetteraukreis) nachgefragt.

Friedberg – In den Gemeinschaftspraxen von Dr. Wolfgang Pilz in Ockstadt und Dr. Alexander Jakob in Bad Nauheim klingelt ununterbrochen das Telefon. Wer endlich durchkommt, reagiert nicht selten gereizt, unfreundlich oder besorgt: Ein sofortiger Impftermin wird verlangt, aber nur mit Biontech.

»Wir Arzthelferinnen sitzen in der ersten Reihe und bekommen den Unmut der Leute ab«, sagt Sandra Jakob, die in der Bad Nauheimer Praxis ihres Ehemannes arbeitet. Seit Beginn der Pandemie habe der Kommunikationsbedarf in den Hausarztpraxen deutlich zugenommen. Kaum werde in Medienberichten ein neuer Aspekt angesprochen - etwa die angebliche Notwendigkeit, bereits nach drei Monaten zu boostern - klingelten die Telefone Sturm.

Friedberg (Wetteraukreis): Corona bringt die Medizinischen Fachangestellten an ihre Grenzen

Das bestätigen die Medizinischen Fachangestellten (MFA) Christine Haust und Carolin Rieß aus der Praxis Dr. Pilz. »Wir müssen pausenlos den Hörer abnehmen. Etliche Fragen werden gestellt, manchmal wissen wir auch keinen Rat«, berichtet Carolin Rieß. Sie und ihre Kolleginnen müssen bei jedem Anrufer abklären, ob er Corona*-Symptome aufweist und von der Praxis ferngehalten werden soll. In Ockstadt gilt nämlich die Regel, dass solche Patienten zunächst ins Testzentrum geschickt werden.

Die beiden Arzthelferinnen empfinden sich als »Prellbock«, der den Ärger verunsicherter und genervter Menschen auffangen muss, die manchmal erst nach 30 Versuchen in die Praxis durchdringen. »Es gibt Leute, die ausfallend und laut werden«, sagt Haust. Die Angestellten und ihr Chef empfehlen dringend, sich per E-Mail zu melden.

Corona im Wetteraukreis: In Friedberg sind die Arzthelferinnen auch seelischem Stress ausgesetzt

Obwohl die Mehrzahl der Patienten Verständnis für die Ausnahmesituation der MFA zeigt, sorgen die unangenehmen Zwischenfälle für eine zusätzliche seelische Belastung der Mitarbeiterinnen. Zusammen mit einer »massiven Häufung von Überstunden« (Dr. Alexander Jakob) und der Angst, sich selbst oder andere zu infizieren, kommen die Arzthelferinnen an ihre Belastungsgrenze.

Kleine Fehler passieren, die man sich selbst zur Last legt. »Zwischendurch habe ich schon mal gesagt: ›Ich will nicht mehr.‹ Dann sind auch Tränen geflossen. Die Kolleginnen unseres tollen Teams haben mich wieder motiviert«, erzählt Carolin Rieß.

Arztpraxen im Wetteraukreis: Das Problem ist auch in Friedberg der Biontech-Lieferengpass

In beiden Praxen, in den denen pro Woche jeweils zwischen 100 und 300 Patienten geimpft werden, wird die Situation durch Biontech-Lieferengpässe verschärft. Sehr viele Menschen bestehen auf diesem Vakzin, lehnen Moderna ab, das ausreichend zur Verfügung steht. Für diese Haltung machen die beiden Hausärzte die »Kakophonie« (Dr. Wolfgang Pilz) von Politikern und Ständiger Impfkommission sowie Medienberichte über vermeintlich starke Nebenwirkungen von Moderna verantwortlich. Wieder sind es die MFA, die diese Konflikte austragen müssen. »Die Leute wollen sofort einen Termin und nur Biontech«, sagt Sandra Jakob.

In der Bad Nauheimer Praxis gibt es getrennte Sprechstunden für Patienten, die unter irgendeiner Art von Infektion leiden, und Menschen mit anderen Beschwerden. Im Gegensatz zur Ockstädter Praxis wird bei Jakob auch oft PCR-getestet. »Im Reichelsheimer Zentrum gibt es offenbar längere Wartezeiten«, berichtet Sandra Jakob. Auch durch die PCR-Tests entstehen Überstunden, die zurzeit nicht abgefeiert werden können.

Corona-Prävention in Friedberg: Medizinische Fachangestellte in der Wetterau üben Kritik an Impf-Bürokratie

Hinzu kommt das Impfen samt Meldesystem. »Der Papierkram wegen der Impfungen ist die Hölle«, sagt Carolin Rieß. Ihr Chef zeigt auf seinen PC-Bildschirm, wo eine lange Liste unterschiedlicher Impf-Optionen auftaucht, unterteilt nach Art des Vakzins und vielen anderen Kriterien. Jede Impfung muss zugeordnet und gemeldet werden. Die Nachfrage ist durch das Boostern nach wie vor groß. Viele Patienten wollen nicht ins Impfzentrum, vertrauen nur dem Hausarzt, nehmen Wartezeiten in Kauf.

Laut Dr. Alexander Jakob kommt es erfreulicherweise regelmäßig zu Erstimpfungen von Leuten, die sich oft durch den Druck, der auf Ungeimpfte ausgeübt wird, zur Immunisierung durchgerungen hätten. Viel Arbeitszeit wird auch für die allabendliche gründliche Desinfektion der Räume aufgebracht. Aufgrund der großen Belastung müssen manche Routinetätigkeiten und -diagnosen manchmal verschoben werden. Wie es in der Praxis von Dr. Pilz heißt, reicht das von notwendigen Aufräumarbeiten bis hin zu den Check-ups.

Mangel an Personal im Wetteraukreis: Auch in Friedberg herrscht Fachkräftemangel in Arztpraxen

Fachkräftemangel gibt es in vielen Berufen. Viel diskutierte Beispiele sind das Pflegepersonal oder Handwerker. Weniger bekannt: Etliche Hausarztpraxen suchen händeringend nach Medizinischen Fachangestellten (MFA). Das gilt auch für die Praxen von Dr. Wolfgang Pilz (Ockstadt) und Dr. Alexander Jakob (Bad Nauheim). »Ich bräuchte ein oder zwei zusätzliche Mitarbeiterinnen, finde aber keine«, sagt Pilz.

Sein Kollege aus der Kurstadt benötigt ebenfalls Verstärkung, ist aber trotz mehrerer Stellenanzeigen nicht fündig geworden. Nach Ansicht seiner Ehefrau, die als MFA mit ihm zusammenarbeitet, ist der Beruf aufgrund der nicht gerade üppigen Bezahlung und unregelmäßiger Arbeitszeiten nicht attraktiv genug. Der Zusatzstress durch Corona führt teilweise zur Flucht aus dem Beruf. »Ich kenne ein, zwei Praxen, in denen Kolleginnen gekündigt haben«, berichtet Carolin Rieß (Praxis Dr. Pilz).

Corona-Bonus für die Arzthelferinnen: Die Ärzte aus Friedberg (Wetteraukreis) unterstützen das

Um den Beruf aufzuwerten und seine Bedeutung ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken, würden sich die MFA über einen Corona-Bonus freuen, wie ihn viele Pflegekräfte in Kliniken erhalten. »Es geht weniger ums Geld als um die Anerkennung«, sagt Sandra Jakob. Zustimmung von Carolin Rieß, die eine Ungleichbehandlung sieht, denn auch MFA stünden unter großem Druck und seien für das Funktionieren des Gesundheitssystems unerlässlich.

Unterstützt wird diese Forderung von den beiden Ärzten. Laut Jakob haben viele niedergelassene Mediziner aus ihrer eigenen Kasse Sonderzahlungen geleistet. Vom Staat erwartet er keine Hilfe, auch wenn zeitweilig über einen solchen Bonus diskutiert worden sei. Pilz zufolge zahlt der Bund inzwischen wenigstens deutlich mehr fürs Impfen. (Bernd Klühs) *fnp.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Die Gegendemonstration zu den Corona-Protesten in Bad Nauheim fällt am Montag (24.01.2022) aus. Die Organisatoren nennen die Gründe.

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