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Aus Volksliedern wird Jazz

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Jazz macht hörbar glücklich: Edgar Knecht am Flügel. Rolf Denecke ergänzt das Trio am Kontrabass, Tobias Schulte musiziert am Percussion-Set. © Klaus Nissen

Friedberg (kni). Jazz im Alten Hallenbad - das gab es so bisher nicht. Das ehrenamtliche Veranstalter-Team hat sein Publikum bisher mit Kabarett und Comedy, Kammer- und Weltmusik erreicht. Am Freitagabend kam es an der Haagstraße zur Premiere einer Musikgattung, die viele Menschen nur schwer erreicht.

Man kann ja Brücken bauen, fanden die Veranstalter. Und engagierten mit dem Edgar Knecht-Trio drei Musiker, die aus alten Volksliedern Jazz machen. Die Refrains haben die meisten Menschen noch im Ohr. So ist ein Faden geknüpft zu den schnellen und leisen, konfrontativen und harmonischen Variationen, die den Jazz bestimmen. Erleichtert wurde dem Publikum der Einstieg dadurch, dass die Combo die leicht aggressiv wirkende Trompete daheim in Kassel ließ. Der Schlagzeuger Tobias Schulte streichelte seine Becken und Drums häufiger, als auf sie einzuschlagen. Rolf Denecke zupfte und strich seinen Kontrabass zurückhaltend und doch deutlich vernehmbar. Und Edgar Knecht leitete souverän und zugewandt den Trialog der Instrumente mit seinem Flügel. Er hat darin Erfahrung. Schon als 14-Jähriger gab der 1964 geborene Sauerländer Konzerte mit eigenen Kompositionen. Er studierte dann Musik in Kassel, baute dort später eine eigene Klavierschule auf.

Ganz persönliche Jahreszeiten

Im Alten Hallenbad begann das Trio mit einer Frühlingsmelodie: »Es tönen die Lieder - es spielet der Hirte auf seiner Schalmei«. Deren Übersetzung ins Jazzige klang deutlich lebendiger als das Volkslied-Original aus Grundschulzeiten.

Schon seit mehr als 20 Jahren versuche er das Potenzial alter Volkslieder zu wecken, erzählte Edgar Knecht. Denn »wie in einem Sediment haben sich darin die emotionalen Erfahrungen der Menschen abgelagert.« Erfahrungen, die bis in den Dreißigjährigen Krieg zurückreichen. »War ein Schnitter, der heißt der Tod« ist ein langsames und elegisches Lied, das mit Klavier und Kontrabass variiert eine herbstliche Stimmung erzeugt.

Jede Jahreszeit hat ihre Stimmung, jeder Mensch hat mit seinen Stimmungen ganz persönliche Jahreszeiten. Die Musiker um Edgar Knecht nennen das »Personal Seasons«, die sie in gleich drei CDs dokumentierten.

In Friedberg spielten sie »Kein schöner Land«, das als Jazz-Version gleitend und perlend durch die ehemalige Schwimmhalle schwang und dem Zuhörer bei geschlossenen Augen das Gefühl vermittelte, er flöge gerade über eine grüne, offene Landschaft.

Dann wurde es kalt: Der »Winterschall« auf der Basis eines Kunstliedes von Franz Schubert tönte unter blauem Bühnenlicht schwer und langsam, dann immer schneller mit dem wilden Tanz der Flocken im Wind, aus dem schließlich das Stakkato des prasselnden Eisregens wurde. Bis sich das Wintergewitter in harmonischem Dreiklang beruhigte.

Nach der Pause verjazzte das Trio Antonio Vivaldi. Der ist schließlich der Altvater der Jahreszeiten-Musik, so Edgar Knecht. Der »Italian Summer« kam zunächst im schnellen, leichten Lauf daher, dann stolpernd, dann ganz langsam schreitend. Und wer wieder die Augen schloss, konnte dazu einen inneren Film laufen lassen. Welcher Art der auch immer sein mochte.

Das leider nur kleine Jazzpremieren-Publikum dankte dem Ensemble mit frenetischem Beifall. »Wir sind total beeindruckt, was hier passiert«, antwortete Knecht strahlend.

Als Zugabe spielte er mit Denecke und Schulte die Hymne der Demokraten: »Die Gedanken sind frei«. Gerichtet an Wladimir Putin. »Das Elend fängt an«, sagte Edgar Knecht, »wenn ein Mensch in eine Machtposition kommt, in der er tun kann, was er will und in der es keine Meinungsfreiheit für die anderen Menschen mehr gibt.« Doch auf Dauer lasse sich niemand knechten.

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