1. Startseite
  2. Region
  3. Wetteraukreis
  4. Friedberg

Bauarbeiten im Bingenheimer Ried: Füchse müssen ab jetzt draußen bleiben

Erstellt:

Von: Kim Luisa Engel

Kommentare

keh_Ried2_101221
Ein Bagger zwackt im Bingenheimer Ried aktuell eine Landzunge ab, die dann zur Insel wird. © pv

Im Bingenheimer Ried ist einiges los: Ein Bagger steht seit Kurzem in der Landschaft, zahlreiche Zaunpfähle säumen das Gelände. Auch ein Erdwall wird aufgeschüttet. Was hat es damit auf sich?

Echzell - Eine lange Reihe grauer Metallpfosten steht in der Horloff-Aue vor dem Aussichtsturm im Bingenheimer Ried. Die Röhren sind in regelmäßigen Abständen nebeneinander aufgestellt. Unten, wo die Pfosten in der Erde stecken, liegt eine Folie aus. Oben auf den Pfosten ragt eine lange Metallspitze in die Luft. »Damit sich Greifvögel und Krähen nicht draufsetzen«, erklärt Walter Schmidt vom Forstamt Nidda. Jeder sieht: Hier entsteht ein Zaun - genauer gesagt, ein Prädatorenschutzzaun.

Udo Seum, der als einer der Väter des Rieds gilt, erzählt, dass der alte Zaun repariert werden musste. Da hätten sich die Verantwortlichen gedacht: »Dann machen wir es gleich richtig dicht, dass keine Prädatoren mehr reinkommen.« Damit sind zum Beispiel Füchse und Waschbären gemeint, die eine Gefahr für die Brutvögel und seltenen Entenarten im Naturschutzgebiet darstellen. »Die bestimmen die Schutzziele in unsrem Gebiet«, sagt Seum, Gebietsbetreuer des NABU und der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz Wetterau (HGON) für das Ried, bei letzterer ist er auch Leiter der AG Wiesenvogelschutz.

Bauarbeiten im Bingenheimer Ried: Neues Gewässer entsteht

Einmal im Jahr wird ein Pflegeplan festgelegt, der die Frage stellt: Wie kann der Lebensraum verbessert werden? Laut Seum ist es das Wichtigste, Wasser in die Aue zu bekommen - besonders von Frühjahr bis Sommer. Das Ried habe einmal den Slogan gehabt: »Wasser rein, Rinder drauf, mit der Fauna geht’s bergauf.« Daher gräbt ein Bagger gerade ein neues Flachgewässer für die Bewohner des Rieds: Wasservögel, Brutvögel und Amphibien.

Aber auch der im Bau befindliche Zaun soll zur Verbesserung des Lebensraums beitragen. Etwa fünf Kilometer lang soll er werden und das gesamte 85 Hektar große Areal umzäunen, sagt Seum. Er ist baugleich mit dem Zaun in Reichelsheim - dort wachse die Zahl der Brutpaare exponentiell an. Auch der Erfolg der Zäune in Ilbenstadt und Karben gebe ihnen recht.

Bauarbeiten im Bingenheimer Ried: So funktioniert der Prädatorenschutz-Zaun

Das Knotengittergeflecht solle unten sehr dicht sein und nach oben immer grobmaschiger werden. Die Folie liege darunter, damit das Gras nicht am Zaun hochwachsen könne und die Stromlitzen kurzschließe, das erspare mehrmaliges Freischneiden. Schmidt ergänzt, dass die Pfähle 1,60 Meter hoch sind, oben verhindert eine zusätzliche Litze das Überklettern durch Waschbären. Zudem werde der Zaun mit zwei weiteren Litzen versehen, eine unten, »damit der Fuchs gleich eine gewischt bekommt«. Die andere werde in einer Höhe von 70 bis 80 Zentimetern angebracht, sodass sich die im Ried lebenden Rinder nicht schrubben könnten.

keh_zaun3_101221_1
Eine Folie unter dem Zaun soll das Hochwachsen des Grases verhindern. © Kim Luisa Engel

Abschließend wird der Zaun nach außen umgeklappt und mit speziellen Heringen befestigt, damit die Räuber nicht darunter durchkletterten. Die Kosten von 150.000 Euro trägt das Land Hessen, für diverse Begleitmaßnahmen kommen weitere 50.000 Euro dazu, sagt Schmidt. Komplett fertig werde der Zaun allerdings erst im Herbst nächsten Jahres. Und doch fungiert er bereits als Vorbild für andere Projekte. Schmidt: »Andere Bundesländer und sogar Luxemburger schauen sich den Zaun an, um ihn nachzubauen.«

Das Ziel: Das Naturschutzgebiet frei von Prädatoren halten. »Die kommen immer wieder ins Ried zurück, weil es da so leckeres Fressen gibt«, sagt Schmidt. Kurz vor der Fertigstellung des Zauns sollen die Füchse und das Wild mit Jägern aus dem Ried getrieben werden.

Bauarbeiten im Bingenheimer Ried: Gute Prognose für Wiesenbrüter

Schmidt, der beim Forstamt zuständig für Naturschutz ist, gibt eine Prognose ab: »Wenn der Zaun fertig ist, werden die Wiesenbrüter in Südhessen in einen guten Erhaltungszustand kommen.« Das Ried sei ein ideales Gebiet für Kiebitze und Bekassinen, in Reichelsheim ist sogar ein Rotschenkel aufgetaucht (die WZ berichtete).

Vögel und andere Tiere merken, dass in einem umzäunten Gebiet keine Gefahr besteht, ergänzt Seum. Tagsüber befänden sich derzeit etwa 200 Vögel in dem bereits eingezäunten Mähried in Reichelsheim, nachts seien es bis zu 700.

Bauarbeiten im Bingenheimer Ried: Sichtschutz-Wall für Vögel entsteht

Aus einem ähnlichen Grund wird entlang der Westseite des Rieds ein Erdwall aufgeschüttet. Er fungiert laut Schmidt als Sichtschutz, damit sich die Vögel ungestört und unbeobachtet fühlen. Mit einem Kopf, der über den Wall rage, hätten sie kein Problem - mit einem ganzen Menschen oder Hunden aber schon. Die Erde für den Wall stammt von der Aushebung des Flachgewässers, so spare man sich den teuren Abtransport.

keh_Ried3_101221
Der Sichtschutz-Erdwall an der Westseite des Rieds, auch der angefangene Prädatorenzaun ist zu sehen. © pv

Im Bingenheimer Ried geht also allerhand vor sich. Laut NABU- und HGON-Gebietsbetreuer Udo Seum sind die Maßnahmen aber notwendig. Denn, die Besucher wollten auch etwas zu sehen haben. »Was nützt uns das schönste Naturschutzgebiet, wenn keiner daran Freude hat?« (keh)

Im Ried entstehen Inseln

Zusätzlich zu den aktuell stattfindenden Bauarbeiten werden im Bingenheimer Ried einige Landzungen zu kleinen Inseln abgezwackt. »So wird vielen Fressfeinden der Zugang erschwert«, sagt Walter Schmidt vom Forstamt Nidda. Udo Seum vom NABU und der HGON erklärt, dass die Prädatoren zwar ein Stückchen schwimmen könnten, aber nicht bis zur Insel, auf der sich die Vögel dann niederlassen können. Ein Bagger ist gerade dabei, eine Insel in dem großen Flachgewässer in der Mitte des Areals abzutrennen und den Graben drumherum zu verbreitern.

Auch interessant

Kommentare