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Bei den Kirchners kommt das Gemüse vom eigenen »Kraftfeld«

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Von: Jürgen Wagner

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Mangold wächst auch noch in der kälteren Jahreszeit. Anja Kirchner erntet für den Eigenbedarf, und Legehenne Bertha macht im Prinzip das Gleiche. In Kirchners Garten wächst so viel, dass auch andere Familien davon profitieren. © Nicole Merz

Anja Kirchner bewirtschaftet so einen Garten an der Görbelheimer Mühle in Friedberg, der mehr als nur eine Familie ernährt. Daraus hat sie ein geschäftsmodell entwickelt.

Legehenne Bertha ist sofort zur Stelle, als Anja Kirchner frischen Mangold vom Beet abschneidet. Bertha durfte fürs Pressefoto raus aus dem Pferch, wo ihre Artgenossen nach Futter picken. Jetzt zupft sie Salatblätter ab, frisch vom Feld. »Im Supermarkt kriegen Sie jetzt keinen Mangold«, sagt Kirchner. Und wenn es den gibt: Wo kommt er her? Wie wurde er behandelt? Über welche Entfernung musste er transportiert werden? Immer mehr Menschen wollen sich nachhaltig ernähren, kehren dem »Fast Food« den Rücken. Kirchners Garten an der Görbelheimer Mühle zwischen Fauerbach und Bruchenbrücken ist eine Art Gegenentwurf.

Solawis stehen hoch im Kurs: eine solidarische Landwirtschaft, bei der die Verbraucher bei der Ernte von biologisch erzeugtem Gemüse mit anpacken und sich dafür - und für einen Geldbetrag - wöchentlich eine Kiste voll mit Kartoffeln, Radieschen oder Zucchini abholen. Erntefrisch, ohne Chemie und ohne Plastikverpackung.

So ähnlich, sagt Kirchner, funktioniere ihr Garten. Nur die Gartenarbeit erledigen sie und ihr Mann Daniel Czempin. »Mit der Geburt unseres Sohnes Oskar entschlossen wir uns, Gemüse selbst anzubauen«, erzählt Kirchner. Oskar, inzwischen sieben Jahre alt, und die vierjährige Schwester Ella helfen bei der Ernte.

2021 sei der Punkt gekommen, wo sie umdenken musste. Der Garten warf zuviel ab. »Ich kam mit dem Einkochen nicht hinterher.« Bis in die Nacht hinein stand sie in der Küche, um Gemüse in Einweckgläser zu füllen, mit denen die Speisekammer bis oben hin gefüllt wurde. »Wenn auf dem Feld immer noch Gemüse übrig bleibt, blutet das Herz.« Also stellte sie eine Holzkiste vor die Haustür, gab das Gemüse für eine Spende von einem Euro ab. Doch Arbeit soll sich lohnen. Kirchner gründete ihr eigenes Unternehmen, das sie nach dem guten Boden ihres Garten benannte: Kraftfeld.

Gegessen wird, was gerade wächst

Auf diesem 300 Quadratmeter großen Kraftfeld wird Gemüse nach biointensiven Gesichtspunkten angebaut und vermarktet. »In 30 Erntewochen versorgen wir bis zu 30 Haushalte mit frischer Vielfalt.« Kirchner ist Betriebswirtin, war im Herzen aber schon immer »Natur- und Mitweltaktivistin«. Ihr Mann ist Bauingenieur, baut neben naturnahen Gärten am liebsten Sanierungsprojekte mit Denkmalschutz. Nachhaltigkeit wird groß geschrieben. Das gilt genauso für Spinat, Feldsalat, Kräuter und Radieschen, die im Frühling geerntet werden. Tomaten, Zucchini, Mangold und Möhren folgen im Sommer, Grünkohl, Lauch und Wurzelgemüse im Herbst.

»Viele Menschen haben das Vertrauen in die Lebensmittelindustrie verloren«, sagt Kirchner. Es sei wichtig, dass Kinder wissen, wo die Lebensmittel herkommen. Einmal besuchte eine Kita-Gruppe den Garten. »Wenn man die eigenen Hände in die Erde steckt und es kommt eine Kartoffel raus - für die Kinder war das grandios.« Kirchner plant weitere Aktionen mit Schulen und Kitas. Frisches Gemüse sei gut fürs Immunsystem. »Das stärkt die Abwehrkräfte.« Autarkie in der Lebensmittelversorgung wäre schön, sei aber heutzutage kaum machbar. Mehl zum Brotbacken und Milchprodukte muss Kirchner einkaufen. Im Supermarkt fühle sie sich aber nicht wohl. »Da liegen Massen an in Plastik verpacktem Fleisch.« Wenn auf dem Apfel ein Bio-Zertifikat klebe, »der Apfel aber aus Peru kommt, kann ich den nicht kaufen«. Erdbeeren im Winter? Im Supermarkt eine Selbstverständlichkeit, aber eigentlich ein Unding.

Regenwürmer sind gerade im Einsatz

Der Boden, sagt Kirchner, ist der wahre Klimaretter. »Wenn man ihn richtig behandelt.« Die Beete an der Görbelheimer Mühle sind derzeit abgedeckt. »Regenwürmer produzieren gerade Humus«, sagt Kirchner und lacht. Gift komme keines auf die Beete. Gegen Schädlinge hilft eine abwechslungsreiche Fruchtfolge.

Kirchner hat sich vernetzt. Sie wird vom Wetteraukreis unterstützt, ist Mitglied im Landgenuss-Verein. Ihr Geschäftsmodell funktioniert über ein Gemüsekisten-Abo. Wer das gegen einen bestimmten Betrag bestellt, darf sich ab dem 7. April und bis in den Herbst hinein jede Woche eine Kiste Gemüse abholen. Noch sind Gemüsekisten frei.

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