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Beschwörung des Lebens

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Von: Gerhard Kollmer

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Fernab jeglicher Schublade: Sebastian Krämer schreibt anspruchsvolle literarische Texte, spielt Ukulele und auch Klavier. Im Theater Altes Hallenbad macht er eine »Liebeserklärung an deine Tante«. © Gerhard Kollmer

Friedberg (gk). »Ich denk an deine Tante. Wüsste nicht, wann ich je so brannte, ist sonst nicht meine Art, liegt an Hildegard.«

Sebastian Krämer, Singer-Songwriter aus dem ostwestfälischen Nest Vlotho (um das die Weser einen großen Bogen macht), beginnt seinen mitreißenden Liederabend am Samstag im Theater Altes Hallenbad mit einer skurrilen Liebeserklärung - nicht an seine, sondern »deine Tante«. Wessen Tante sie nun ist, bleibt offen.

Diesem Auftaktsong folgt eine fast zweistündige, zuweilen schwindelerregende Tour de Force mit einem guten Dutzend melancholisch-witzig und grotesk-komisch-romantischen selbst verfassten Liedern. Die sowohl verbal als auch rhythmisch anspruchsvollen Texte werden vom mitunter recht unsanft traktierten Piano grundiert.

Die hohe literarische Qualität dieser kunstvoll gefügten, von fern an Geistesverwandte wie Ringelnatz, Morgenstern oder Georg Kreisler erinnernden, sich jedem Versuch einer »Schubladisierung« entziehenden Lieder beziehungsweise Chansons erschließt sich wohl erst dem ganz, der ihren Text gedruckt in Händen hält - zum Beispiel im Booklet zu Krämers neuester CD. »Ich bin kurz vor Vlotho mit V, so ein Pissnest am Weserlauf. Hab im Rücken ’ne Schranke und vor mir, na danke! Der Güterzug hört nicht auf.«

In diesem Song, der fast so lang ist wie der vorbeiratternde Zug, teilt Krämer seinen daheim auf ihn wartenden Lieben mit, dass es deshalb heute Abend wohl später werden wird.

Irgendwann stellt er aber konsterniert fest, dass der Zug nur Teil einer filmischen Endlosschleife ist. Für wirklich gehaltenes entpuppt sich unversehens als irreal. Den zum Sinnbild der ewigen Wiederholung des Gleichen »mutierenden« Leinwandzug begreift der Erzähler als Chance - bloß wofür?

»Meine Lieder malen Fragezeichen in die Luft.« Diesen beiläufig hingesagten Kommentar muss im Ohr behalten, wer sich einen Reim auf Titel wie den eben erwähnten machen will. Unmittelbar nach dem rätselhaften Güterzug hören und sehen wir Flugzeuge über Krämers Garten fliegen.

Das poetische Chanson »Die Flugzeuge über meinem Garten« ist fernab von politischer Kritik. »Ich sah mal eins direkt ins Fenster fliegen/von unserm roten Kinderrutschenhaus. Das war kein Grund, ’nen Herzinfarkt zu kriegen: Es flog zum andern Fenster wieder raus.«

»Wahrheit gibt es nur in der Liebe«: Im Lied über »die Nichtverliebten« gibt Krämer seiner Verwunderung über diese Spezies Ausdruck.

»Sag mal, wo kommen all die nicht verliebten Leute plötzlich her?

Sind sie dir auch schon aufgefall’n? Ihr Trott ist flott, ihr Blick ist leer. Ist da ein Ziel, das sie verfolgen? Lenkt ein Licht sie durch das Tal der Existenz?«

Die Armee der Nicht- oder besser nur in sich selbst Verliebten wird in diesem Titel zum Inbegriff des im alltäglichen Einerlei aufgehenden »Normalmenschen«.

Ihm wird der meist traurig Verliebte entgegengestellt. Krämers Liebeslieder wie »Auch noch du« oder »Mit dazu« gehören zu den Highlights dieses poetischen Abends, in dem die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit sich unmerklich auflösen. Auch der Tod wird nicht ausgespart - als Teil, nicht Gegenteil des Lebens. Angst vor ihm muss niemand haben. Mit seinem »Gute Nacht«-Lied endet Krämers Beschwörung des Lebens in all seinen Schattierungen.

Erst nach lang anhaltendem Applaus darf der Poet von der Weser die Stätte des Geschehens verlassen.

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