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Buchhändler, Rezitator und Glücksfall für Friedberg

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Beim Lesen eine neue Gestalt annehmen und ganz im Buch verschwinden: Das konnte der Buchhändler, Schauspieler und Rezitator Christian Herrmann wie kein Zweiter. ARCHIVFOTO: LK © pv

Schauspieler, Buchhändler, Rezitator, Kulturvermittler, Mentor: Christian Herrmann ist im Alter von 84 Jahren in Friedberg verstorben. Der Schriftsteller Andreas Maier erinnert an ihn.

Eine Ehre war es, wenigstens einmal mit Christian Herrmann auf der Bühne gestanden zu haben: Wir gaben eine Szene aus der Serie »Firma Hesselbach«. Er spielte den Karl Hesselbach, ich die junge Sekretariats-Anwärterin Pinella.

Das klingt zunächst banal. Hesselbachs? Friedberg? Und draußen ist die große Kunst, Böll, Goethe und Houellebecq?

Mein Leben hätte ohne Christian Herrmann völlig anders ausgesehen. Der Protestant hatte eine Familie, er hatte Kinder, und er war ein Künstler und gab das weiter, auch an und durch seine Kinder. Er gab es weiter an die Friedberger Umwelt.

Mehr als nur ein Buchhändler

Ich kenne mancherorts Leute, die von Kunst, Literatur, Musik eher nur einen eingeschränkten Horizont haben, aber seltsamerweise an sich selbst glauben und meinen, damit an die Öffentlichkeit zu müssen. Die gründen dann Zirkel oder Vereine. Damit hatte Christian Herrmann nichts zu tun, nicht das allergeringste.

Seine Qualität war enorm, auch wenn ihn manche vielleicht nur als Traditionsbuchhändler kannten. Er hatte nach seiner Schauspielausbildung und einigen Jahren auf dem Theater die alteingesessene Bindernagelsche Buchhandlung übernommen, neben der alten Stadtbücherei das Basis-Institut meiner Jugend.

Es gibt und gab ein paar Leute in dieser Stadt, die ein so wahnsinnig hohes Niveau haben, dass Friedberg dafür dankbar sein kann. Einer etwa war der unvergessene Kantor Werner Jahr. Christian Herrmann, der Lesende, der Rezitator, der Familienvater, war ein ebensolcher Glücksfall. Wäre jemand wie ich ohne ihn und seine Familie, ohne die Theaterwerkstatt um seinen Sohn Mathias und Thomas Heinze herum, überhaupt in die Nähe von Kunst und Literatur gekommen?

Tatsächlich war Christian Herrmann der erste wirkliche Künstler in meinem Leben. Ich kannte ihn damals auch zunächst bloß als Buchhändler. Er hielt phantastische Lesungen. Dass er ausgebildeter Schauspieler war, wusste ich nicht. Seine Stimme, seine Art zu lesen, die Dinge zu sein, die er las, habe ich bis heute nicht verstanden. Aber ich weiß eins: Er war der erste Mensch in meiner Umgebung, der Kunst machte und an dem ich begriff, was das sein konnte: Kunst zu machen.

Seine Stimme räumte alles weg

Seine Stimme und seine gestalterischen Fähigkeiten erinnerten mich oft an eine Bühne, schwarz und leergeräumt, auf der etwas allein und nur für sich Beleuchtetes stattfand. Christian Herrmanns Stimme konnte alles wegräumen, so dass man nur noch mit dieser Stimme allein im Raum war, und dann figurierte diese Stimme auf dem existenziell leergeräumten Hintergrund wie ein völlig mit sich selbst allein gelassener Ton in der Stille. Es konnten einem Schauder über den Rücken laufen.

Ja, wie machte er das? Ich ging damals mit ihm auf die Bühne, dort stand ein Telefon. Dieses Telefon reichte als Requisit. Er nahm es, begann zunächst in es hineinzusprechen (»Ja, Herr Präsident ...«), und war ein anderer. Ich selbst las meinen Part mit Technik, hatte geübt - wenn ich im Nachhinein die Aufnahme höre, wirke ich regelrecht peinlich gegen ihn. Er konnte, was die Besten können: Sich seines Tageswesens völlig entkleiden, zu einer Grundform werden und dann eine neue Gestalt annehmen. Ich hörte auf Ton, Technik ... wollte rauskriegen, wie das funktioniert. Ich weiß es immer noch nicht. Es hat bis heute etwas von Magie.

Am 1. Mai ist Christian Herrmann im Alter von 84 Jahren gestorben.

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